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Rheinland-Pfalz

Winzer werden immer dreister

Die vielen Strauß- und Besenwirtschaften graben der klassischen Gastronomie zunehmend die Umsätze ab

aus: AHGZ-Druckausgabe Nr. 2008/23 vom 7. Juni 2008

MAINZ. Rund ein halbes hundert Gastwirtschaften buhlen im rheinhessischen Bodenheim, einem Winzerdörfchen vor den Toren der Stadt Mainz, um die Gunst der Gäste. Vor allem Straußwirtschaften, die Winzer dort betreiben. Kleine Familienbetriebe, die maximal vier Monate im Jahr geöffnet haben und außer eigenen Erzeugnissen wie Sekt, Wein oder Schnaps keine anderen alkoholischen Getränke ausschenken dürfen. Besenwirtschaften heißen solche Betriebe in Baden-Württemberg, Hecken- oder Häckerwirtschaft in Hessen und Franken.

Lukrative Direktvermarktung

Ihre Zahl wächst: Statistisch ist sie nirgends genau erfasst, doch die Suchmaschinen im Internet, die Region für Region die entsprechenden Betriebe auflisten, nehmen zu. Ihren Namen verdanken die Straußwirtschaften getrockneten Blumensträußchen, die neben Reben- und Efeukränzen noch heute vielerorts vor ihren Türen hängen. Angeblich war es Kaiser Karl der Große, der den Winzern das Privileg verliehen habe, ihre Weine im Zeichen eines Kranzes auszuschenken. Heute ist diese Form der Direktvermarktung ein Millionengeschäft.

„Wenn ich einem jungen Restaurant-Gründer raten müsste, wie er sich am besten selbstständig macht, muss ich ihm ehrlich sagen: Mach’ einen landwirtschaftlichen Betrieb auf“, klagt der Landesvorsitzende des rheinland-pfälzischen Hotel – und Gaststättenverbandes Edgar Barth. So werden landwirtschaftliche Betriebe bei Investitionen mit bis zu 25 Prozent staatlich gefördert, gastronomische Einrichtungen aber nur bis zu 15 Prozent. Noch will man bei den Fachverbänden nicht offen von Wettbewerbsverzerrung reden, das Problem aber sei erkannt.

„Straußwirtschaften und Gutsschänken“, formuliert es Stefan Herzog, Chef der Rheinhessen-Touristik GmbHAbk. für Gesellschaft mit beschränkter Haftung.
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, „kommt immer mehr der Stellenwert klassischer Gastronomie zu“. Nicht in den Städten, wie er einschränkt, aber auf dem Land, wo die Winzerbetriebe inzwischen vielerorts die Dorfgasthäuser ersetzt haben. „Die Bürgermeister sind froh, wenn neben dem Türken mit seiner Dönerbude noch ein Winzer regionale Küche anbietet.“ Deshalb hat Rheinland-Pfalz die Regelung, dass eine Straußwirtschaft nur maximal 40 Plätze haben darf, gekippt und die Sitzplatzbeschränkung aufgehoben.

Gesetzlich ist Straußwirtschaften nur der Verkauf kalter und einfacher warmer Speisen erlaubt. Wurst- und Käsebrote sind das nach Auffassung des Gesetzgebers, Pellkartoffeln mit Quark, Rühr- und Spiegeleier mit Speck, auch Schnitzel in allen Größen und Varianten, garniert mit Bratkartoffeln und Salat. Maultaschen sind in Baden-Württemberg regionaltypisch, Saumagen in der Pfalz. Immer häufiger aber finden sich auf den Tischen der Winzer auch Wildgerichte, Spanferkel und Fischpfannen, mediterrane Teller voller Opulenz. Gerichte, die – um mit dem Gesetz nicht in Konflikt zu kommen – auf den Speisekarten als „Winzergeheimnis“ firmieren.

Das Angebot der Straußwirtschaften zielt vor allem auf die Menschen in den Städten. Zehntausende zieht es so fast jedes Wochenende aus Frankfurt, Freiburg, Stuttgart, Mainz oder Wiesbaden an die Mosel, ins rheinhessische Hinterland, in den Rheingau oder einen der zahllosen Orte entlang der hessischen, schwäbischen, badischen oder pfälzischen Weinstraße. Auf weiter anreisende Gäste haben sich viele Winzerbetriebe längst mit eigenen Fremdenzimmern eingestellt. „Relativ gut bis sehr gut“, heißt es bei der Rheinhessen-Touristik, seien die Betten der Winzer ausgelastet.

Hoteliers und Gastronomen hat die Entwicklung nicht überrascht. Selbst renommierte Rheingau-Weingüter wie Schloss Reinhartshausen unterhalten neben ihrem von Kempinski geführten Hotel inzwischen längst eine eigene Schloss-Schänke. Trotzdem wollen die Hotel - und Gaststättenverbände schon bald mit den zuständigen Wirtschaftsministerien ins Gespräch kommen, versuchen, die Rahmenbedingungen gewerblicher Gastronomie der landwirtschaftlicher Betriebe anzugleichen. „Auch wir“, sagt Edgar Barth, „wollen künftig Schulungsprogramme anbieten, wie man ein Dorfgasthaus betreibt“. (Seite 8)

Günter Schenk


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Rechte und Pflichten

Zum Betrieb einer Besen- oder Straußwirtschaft ist keine Gaststättenerlaubnis erforderlich: nur eine Anmeldung als Gewerbe. mehr...

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