Mecklenburg-Vorpommern
Zu jedem Bier gibt’s Geschichten
Vielfalt macht den Durst erst schön: Gäste können in der Kneipe Zum Klausner 30 internationale Biersorten probieren
TARNEWITZ. Langsam drehen sich die beiden Spulen des Tonbands. Sie sind tellergroß und gehören zu einer Studiomaschine aus den 1970er Jahren. „Die Musik habe ich selbst auf genommen. Diesen warmen Klang erreicht heute keine CD mehr“, erklärt Marinus Bolten. Zusammen mit seiner Lebensgefährtin betreibt der Niederländer in Tarnewitz, einem Ortsteil von Boltenhagen, die einzige echte Kneipe im Ostseebad.
Wenn hier um 16 Uhr die Kerzen angezündet werden, beginnen die Wände Geschichten zu erzählen: Schwarzweißfotos von Musikern und Besuchern, nostalgische Emailleschilder von Brauereien und fast 200 Bierkrüge an den Holzbalken der Decke lassen immer wieder Neues entdecken. Besonders beliebt ist der Platz auf dem alten Sofa am Fenster zum Hof. „Unsere Kneipe wird gern als das Wohnzimmer des Dorfes bezeichnet“, meint Petra Petra Wenzel. Sie ist Kellnerin von Beruf, hat im Strandcafé Boltenhagen gelernt, und sich später zur Gaststättenleitern weitergebildet.
Nach der Wende arbeitete sie im Jugendtreff. Da brannte jeden Samstag zur Disco die Luft. Doch das Feuer erlosch Mitte der 1990er Jahre, als das Gebäude abgerissen wurde, damit an dieser Stelle das Seehotel Großherzog von Mecklenburg errichtet werden konnte. Kurze Zeit später führte das Schicksal die Beiden zusammen. Bolten ist auf Genesungstour, möchte sich in Rostock erholen. Doch ein Schneetreiben verhindert die Weiterfahrt. Auf der Karte findet er Boltenhagen. „Das passt gut zu meinem Namen“, denkt sich Bolten und übernachtet im Betriebsferienlager eines Energieversorgers. Die klare Seeluft tut ihm gut. Er bleibt, fährt nach Hause und kommt zurück. Im Mai 1997 eröffnen Petra und Marinus die Kneipe Zum Klausner. Nach etwa einer einjährigen Durststrecke floss das Bier – war die Akzeptanz erreicht. „Wir haben seitdem keinen Umsatzeinbruch erlebt. Nicht einmal durch das Nichtrauchergesetz“, sagt Marinus Bolten.
Der heute 63-Jährige stammt aus einem Dorf bei Venlo. Der gelernte Textilkaufmann half vor Jahren einem Freund in der Kneipe aus. Als dieser Eheprobleme bekam, führte Bolten die Geschäfte etwa zwei Jahre allein weiter. Seitdem ist er mit Herz und Seele ein Kneiper und „ein großer Freund des Bieres“. Etwa 30 Sorten Bier aus dem In- und Ausland können Gäste hier trinken. Dazu gehören unter anderem das sehr beliebte Kirschbier, das dunkle, obergärige Klosterbier Grimbergen aus Belgien und Puur, ein Helles aus einem Trappistenkloster in den Niederlanden. Zu jedem Bier kennt der Gastronom die Brauereigeschichte, das Herstellungsverfahren und eine Anekdote zu erzählen. Mittlerweile hat Marinus so viel Wissen gesammelt, dass er Bierverkostungen anbietet – pro Jahr etwa 100, an denen im Durchschnitt 20 Wissensdurstige teilnehmen.
Mit seiner bieraffinen Entwicklung macht Marinus Bolten der Familientradition alles Ehre: Peter Bolten ist Namensgeber der Brauerei in Korschenbroich, die 1266 gegründet wurde und als älteste Altbierbrauerei der Welt gilt. Na denn Prost.
Stephan Rudolph-Kramer


