Landgasthöfe – Was uns bewegt
Zug um Zug geht’s in die Zukunft
LORCH. Da ist es wieder. Das Geräusch, das Ursula und Horst Barthel Nerven und Gäste raubt: ratertata, ratertata. Ein Zug rollt und rattert nur wenige Meter vom Hotel Krone vorbei. Das Haus liegt direkt neben den Bahngleisen. Fast alle vier Minuten fahren und lärmen laut Barthels hier Züge. Dabei könnte es so idyllisch sein.
Das Hotel Krone steht in Lorch im Rheingau. Romantische Fachwerkhäuser machen den Charme des Städtchens aus. Knapp 3900 Menschen leben hier, viele vom Tourismus. Seit 2002 ist das Obere Mittelrheintal Unesco-Welterbe. Der Fernwanderweg Rheinsteig verläuft mitten durch die Landschaft. Davon profitieren auch Barthels. Regelmäßig übernachten Wanderer in ihrem Hotel. Die Touristen kennen das Ratertata der Züge. Sie schlafen am liebsten in Zimmern, die nach hinten liegen. In Zukunft könnte die Nachfrage nach den Räumen weiter steigen. Die Bahn will noch mehr Züge über die Strecke schicken.
Eigeninitative gefragt
Kein Wunder, dass Ursula und Horst Barthel in der Bürgerinitiative Bahnlärm Mittelrhein aktiv sind. Sie kämpfen für Ruhe, das Geschäft und den Standort auf dem Land. Das sind sie der Geschichte ihrer Familie schuldig. Seit 1720 ist das Haus ein Hotel. Im 18. Jahrhundert unterhielten die Hochadligen von Thurn und Taxis hier eine Ausspann- und Poststation.
Seit zehn Generationen gehört das Haus der Familie. „Irgendjemand hat sich immer geopfert“, sagt Ursula Barthel. Seit 1975 ihr Vater gestorben ist leitet die gelernte Hotelkauffrau das Haus. Ihr Mann unterstützt sie. Der ehemalige Bauamtsleiter hilft vor allem in der Küche. Zusammen mit einer professionellen Köchin belegt er Schinken- und Sardellen-Brote für Wanderer. Der Sauerbraten in Burgundersauce kostet 7 Euro. Die Wisperforelle blau mit Salzkartoffeln und zerlassener Butter gibt’s für 9,50 Euro. Trotz der vergleichsweise geringen Preise essen viele Gäste außerhalb. Sie bevorzugen Straußenwirtschaften in der Nähe.
„Das ist ein Problem. Inzwischen servieren viele Winzer nicht mehr nur Wein und Häppchen, sondern auch Bier und warme Speisen. Hier muss der DEHOGAAbk. für Deutscher Hotel- und Gaststättenverband.
weiter mit Mausklick... aktiv werden“, fordert Horst Barthel. Bis es soweit ist, setzen die Barthels auf Eigeninitiative. Sie schenken ihren Hotelgästen einen Restaurant-Gutschein über 5 Euro. Gebracht hat das bisher wenig. „Wir probieren das seit zwei Monaten, wahrscheinlich brauchen wir einfach etwas mehr Geduld“, sagt Horst Barthel.
Auch beim Schlemmerblock haben sie dieses Jahr mitgemacht. Das erhöhe zwar nicht den Gewinn, sorge aber dafür, dass ihr Restaurant bekannter werde. An der Bahn kann die Zurückhaltung der Gäste nicht liegen. Auch bei der Konkurrenz
weiter mit Mausklick... hören sie das Rattern der Räder. Im Hotel Krone verschlucken Schallschutzfenster den Lärm. Auf der Terrasse hat Horst Barthel aus alten Bahnschwellen eine Schallschutzwand gebaut.
Auf Pächtersuche
Züge sind das eine Problem, Flugzeuge das andere. In den 80er-Jahren genossen viele Familien ihren Urlaub im Hotel Krone. Sie wanderten durch die Weinberge, schwammen im Rhein oder planschten im Freibad. Das ist längst geschlossen. Lorch muss sparen, die Bürger auch. „Familien, die früher kamen, fliegen heute lieber nach Italien, Spanien oder in die Türkei. Das merken wir“, sagt Ursula Barthel.
Gegen eine Woche VollpensionVerpflegungsangebot von Beherbergungsbetrieben, bei dem der Gast neben dem Frühstück zwei Hauptmahlzeiten erhält.
weiter mit Mausklick... auf Mallorca für 250 Euro haben die Unternehmer keine Chance. Das Doppelzimmer kostet bei ihnen 60 Euro pro Nacht inklusive Frühstück. Insgesamt stehen acht Zimmer zur Verfügung, drei Einzel- und fünf Doppelzimmer. Trotzdem sind die Hoteliers zufrieden. Die durchschnittliche Zimmerauslastung liegt ihren Angaben zufolge bei etwa 60 Prozent. Einige Stammgäste kommen trotz den Verlockungen des Auslands immer wieder. Da gibt es zum Beispiel die Fußballer aus Hamburg, die seit mehr als dreißig Jahren regelmäßig im Hotel übernachten. Sie pflegen eine Klubfreundschaft mit einer Mannschaft aus Lorch.
Was bringt also die Zukunft? „Das wissen wir nicht. Weder unser Sohn noch unsere Tochter wollen das Hotel übernehmen“, sagt Ursula Barthel. Der Enkel hat hingegen Interesse. Im Moment ist er zwölf Jahre alt. „Es wird sich zeigen, ob er das Haus tatsächlich in Zukunft leiten will. Es wäre schade, wenn die Familientradition mit uns enden würde“, sagt Ursula Barthel.
Das Haus ist bereit für die Zukunft. Immer wieder haben die Barthels renoviert und umgebaut: neue Bäder, neue Möbel oder ein neues Dach. „Für das Geld, das wir hier hineingesteckt haben, könnte ich locker zwei Einfamilienhäuser bauen“, sagt Horst Barthel. Um die Zeit zu überbrücken bis der Enkel eine Entscheidung getroffen hat, ist er auf der Suche nach Pächtern. Spätestens wenn seine Frau ihren 70. Geburtstag feiert, wollen sie in den Ruhestand gehen. Das wäre 2014. Bis dahin müssen sie jemand finden, der die Herausforderung auf dem Land annimmt und nichts gegen ratternde Züge hat.
Sebastian Wenzel


