Bayern
Zwischen Tradition und Moderne
Das Grandhotel Vier Jahreszeiten feiert seinen 150. Geburtstag / Historische Führungen versetzen Gäste ins 19. Jahrhundert
MÜNCHEN. „Die Rechnung ist ein Original aus dem Jahr 1848“, versichert Gerhard Möller. Neugierig drängen sich 25 Personen an ihm vorbei und blicken in den Schaukasten. Ein Weinlieferant hatte sie August Schimon, dem ersten Eigentümer des Hotels Zu den Vier Jahreszeiten ausgestellt.
Die Teilnehmer der historischen Führung im zweitältesten Hotel Münchens lauschen aufmerksam, was Möller zu weiteren Stücken im Kasten erzählen kann. Die Rechnung ist ein Teil einer bunten Sammlung aus Geschirr, Besteck und silbernen Gefäßen. Das weiße Gedeck mit ockerfarbenem Muster stammt aus dem legendären Restaurant Walterspiel, weiß Möller.
Der Leiter der Warenwirtschaftsabteilung hat genau genommen zwei Jobs im Hotel Vier Jahreszeiten Kempinski. Alle Einkäufe laufen über seinen Schreibtisch. Doch auch nach Feierabend sitzt er vorm Computer. Bei Ebay sucht er nach Zeugnissen aus der Geschichte des Grandhotels. Seit drei Jahren sammelt Möller Dokumente für eine Ausstellung zur 150-Jahr-Feier und unterstützt die Historikerin Ingrid Mayerhanser. Sie leitet die Führungen im Jubliäumsjahr. Die beiden sind sich einig: „Die Geschichte des Hotels soll lebendig bleiben.“
König Maximilian II. eröffnete das Haus im neugotischen Stil 1858 mit viel Pomp. Der selbstherrliche Monarch hatte den Bau als Teil eines Prachtboulevards in Auftrag gegeben, der den elegantesten Straßen in Paris, Rom und London standhalten sollte. In der als Gesamtkunstwerk angelegten Maximilianstraße, die von der Residenz zur Isar führt, wollte der König Adelige, Künstler und Wissenschaftler unterbringen. Nobel sollte es sein. Das gelang: Ein Paternosteraufzug, 60 Pferdeställe, Privatbäder aus Marmor, 1000 Glühbirnen an der Fassade (1889), die Telefonanlage (1882) und der Cherubinpalast (1904) versetzten die Bevölkerung in Erstaunen. Unter der Führung der Brüder Alfred und Otto Walterspiel (1921-1971) bekam die Stadt ihr erstes Gourmetrestaurant. Seit die amerikanischen Besatzer den Namen des Hotels nach Übersee trugen, stieg der Anteil an internationalen Gästen. 1971 übernahm Kempinski das Familienhotel.
Seit 150 Jahren schuften Eigentümer und Angestellte dafür, dass das Erstaunen der Gäste nicht abreißt. Zum Jubiläum kann Direktor Stephan Kaminski sie ein weiteres Mal beeindrucken. 42 der 333 Zimmer sind frisch renoviert. Dicke Teppiche und schwere Möbel haben Eichenparkett und Designstühlen Platz gemacht. Dazu edle Bäder in schwarzem und braunem Marmor, in den Suiten sogar mit Fernseher und Telefon. In der prachtvollen Ludwigssuite macht die Führung eine ausgiebige Pause. Bei Kanapees und Sekt erzählt Möller Anekdoten: Das Gefolge eines Scheichs habe hier, am Boden, doch glatt ein Schaf über einem Lagerfeuer gegrillt.
Wer den Luxus im Vier Jahreszeiten länger genießen will, schlürft in der Hotelbar einen Jubiläumscocktail. Seit mehr als 25 Jahren spielt dort der 91-jährige Barpianist Simon Schott. Anschließend beeindruckt Küchenchef Markus Winkelmann mit einem Vier-Gänge-Jubiläumsmenü im Nymphenburgzimmer. Umgeben von handbemalten Kacheln speisen die Gäste auf dem Porzellan der Münchner Manufaktur. Außerdem steigt im Juli eine große Jubiläumsgala. Alexandra Lindinger

