Nachwuchskräfte
Bloß nicht gleich verzweifeln
Stuttgart. Sind ihr schon einmal Zweifel an ihrer Berufswahl gekommen? Susann Lörinczi lacht. „Na, selbstverständlich.“ Die Freunde gehen am Wochenende feiern oder sonnen sich an Feiertagen im Schwimmbad, während sie durch den Gastraum hetze: „Klar fragt man sich da, ob die Gastronomie eine gute Idee war“, sagt die 24-Jährige.
Bin ich hier richtig? Kann ich das? Will ich das? Soll ich was anderes machen? Und wenn ja, was bitteschön? Fragen wie diese stellen sich viele Nachwuchskräfte. Auch in Hotellerie und Gastronomie. Hotelfachfrau Lörinczi arbeitet seit 2009 in Bad Frankenhausen in der Alten Hämmelei, zuvor war sie ein Jahr arbeitslos. „Da hatte ich viel Zeit, nach einer Job-Alternative zu suchen“, erzählt sie. Altenpflege sei ihr zum Beispiel eingefallen.
Doch je mehr Susann Lörinczi darüber nachdachte, desto mehr schoben sich die guten Seiten der Gastronomie vor die Zweifel: „Hier bin ich ständig in Bewegung und lerne viele Menschen kennen – das macht mir Spaß.“ Heute ist sie froh, dass sie ihren Zweifeln damals nicht zu viel Beachtung schenkte.
„Alles richtig gemacht“, urteilt Berufscoach Cathrin Köchel, Inhaberin von Coaching & Karriere in Hamburg. Denn Susann Lörinczi habe sich die wichtigen Fragen bei aufkommenden Zweifeln gestellt: Welche Fähigkeiten habe ich und was macht mir langfristig Freude? „Es gibt viele Jobs, aber nicht jeder ist für jeden geeignet“, sagt Köchel. Wer nicht gern mit fremden Menschen in Kontakt tritt, sollte nicht in die Hotellerie gehen; wem das Erledigen von Routinearbeiten liegt, ist in der Flexibilität erfordernden Gastronomie schlecht aufgehoben.
Eigene Fähigkeiten kennen
Miriam Wodak ist in der Gastronomie gut aufgehoben, keine Frage. Sie lernte im 5-Sterne-Hotel und im 3-Sterne-Restaurant, ihr 2010 mit Partner Christian Richter eröffnetes Restaurant Perior in Leer ist Hoffnungsträger auf einen Michelin-Stern. Und doch sagt die 28-Jährige: „Zweifel habe ich, seit ich in der Branche bin.“ In der Ausbildung sorgten dafür die Arbeitszeiten: „18, 19 Stunden am Stück – da sieht man die Chance auf ein erfülltes Privatleben schon schwinden.“ Heute, in der Selbstständigkeit, stellt sie ihr Tun jedes Mal infrage, wenn die Gästeauslastung nicht passt. 25 Grad, EM im Fernsehen, nur zwei Gäste im Restaurant: „Da muss man sich zum Weitermachen motivieren und daran glauben, dass bessere Zeiten kommen, was sehr anstrengend für den Kopf ist.“
Zumal hinter dem Restaurant Perior kein Geldgeber steht. „Wir haben fast alles, was wir bisher erarbeitet haben, in das Restaurant gesteckt“, erzählt Wodak. „In Monaten, in denen nach dem Bezahlen von Gehältern und Rechnungen kaum etwas übrig bleibt, kommen schon Zweifel.“ Zum Glück gebe es die anderen, die guten Monate, die sie daran erinnern, welchen Spaß erfolgreiche Gastronomie macht.
Ali Kara-Ali war sich früh sicher, eine Karriere im Hotelfach anzustreben. Ausbildung, Ausland, Studium, eine leitende Position – so hatte er sich das vorgestellt. Und dann teilte ihn sein Ausbildungsbetrieb, das Upstalsboom Hotel am Strand in Schillig, in den ersten drei Monaten für die Frühschicht ein. „Jeden Tag hat um 4 Uhr der Wecker geklingelt“, erzählt der 21-Jährige, „da habe ich mich bald nach einem 9-bis-17-Uhr-Bürojob gesehnt.“
Karrierewunsch verfolgen oder aufgeben? Darüber sprach Kara-Ali viel mit Freunden und Eltern. „Das ist ganz wichtig“, sagt Cathrin Köchel dazu. „Ansonsten frisst man Frust in sich hinein, verzweifelt und schmeißt als vermeintlich letzte Lösung hin.“ Den Vorgesetzten einweihen ist nicht immer ratsam, so die Expertin. Der Chef, dessen Leute funktionieren sollen, werde abwinken oder gar eine Kündigung aussprechen. „Verständnisvolle Chefs können hingegen mit ihrer Erfahrung helfen, Stärken und Schwächen zu analysieren und darauf aufbauend einen guten Rat geben.“
Auf innere Stimme hören
Kara-Ali hat seinen Hoteldirektor Jochen Bausch damals nicht eingeweiht, er habe ja nicht gewusst, was für ein Typ der sei. Heute, im zweiten Lehrjahr, würde er es tun: „Mit ihm kann ich zum Glück über alles reden.“
Wie schnell müssen Zweifel an der Berufswahl ausgeräumt sein? „Je länger man wartet, desto mehr Zeit verstreicht natürlich, in der man sich einen neuen Job suchen könnte, der einen zufriedener stellt“, antwortet Cathrin Köchel. Jahrelang sollte man sich daher also nicht einreden, „dass alles mit der Zeit schon gut wird“. Andererseits habe es schon so mancher bereut, zu schnell die Flinte ins Korn geschmissen zu haben. „Am besten stellt man sich mithilfe seines Umfeldes oder eines Coaches die richtigen Fragen und ist bei den Antworten ehrlich zu sich selbst“, sagt die Karriereberaterin, „dann wird man in seinem Inneren wissen, ob Zweifel an der Job-Wahl gehen oder bleiben.“ Wer das weiß, wird leichter die richtige Entscheidung für sich treffen.
