Konzepte: Hotel Gude in Kassel
Die Quackelbeere wird lebendig
KASSEL. „Die Gäste sollen schon genau hinschauen“, sagt Hotelier Ralf Gude. Er will niemanden überfordern und spricht auch nicht gern von einem Themenhotel. Vielmehr hat er in den letzten 30 Monaten mit seinem Team immer wieder über die Brüder Grimm, ihre Ideale und ihr Wirken nachgedacht.
Herausgekommen ist eine dezente Präsentation des umfangreichen Schaffens der beiden Sprachforscher, die unter anderem auch Märchen aufgeschrieben haben, viel lebendiger aber durch Begriffe wie Geselligkeit und Austausch werden. „Ich wollte keine Kroketten als Golddukaten oder Sterntaler auf der Speisekarte“, sagt Gude. Vielmehr trieb ihn die Idee, das familiäre Hotel, das er 2002 von seinem Vater übernommen hat, für die kommenden Jahre FITfür Full Independent Tour, , Bezeichnung für Freizeitreisenden, der nicht in einer Gruppe reist.
weiter mit Mausklick... zu machen – mit klassischer aber auch innovativer Herangehensweise.
In Renovierung, Umbau und das Thema Brüder Grimm wurden insgesamt rund 1,5 Mio. Euro investiert. Gelungen ist die Umsetzung allemal. Schon der Eingangsbereich wirkt durch die rote Farbe warm und einladend. An der Rezeption wird der Gast mit den Worten „heraus mit der sprache! lasz mich alles wissen!“ empfangen. Das deutsche Wörterbuch der Brüder Grimm mit seinen rund 320.000 Stichwörtern in 32 Bänden aus den Jahren 1854 bis 1861 hat bei der Suche nach diesen alten Schreibweisen und Redensarten geholfen. Die Originalbände stehen nun alphabetisch geordnet in einer Vitrine in der Lobby des Hotels. Sie sind der erste Berührungspunkt für jeden Gast, der zugleich über Fliesen zur Rezeption schreitet, in die obsolete Wörter wie etwa Gänsehörnlein, Lämmermatz, Malefiz, Quackelbeere oder Drollsuppe aus der Lebenszeit Jacob und Wilhelm Grimms per Sandstrahl eingraviert wurden. Außerdem befindet sich direkt an der Rezeption eine Kompassrose aus Messing, die in die Richtungen nach Göttingen, Marburg, Steinau, Hanau, Frankfurt, Wien, Berlin und Paris zeigt, wo die Brüder Grimm gewirkt haben.
Unterstützt wurde Ralf Gude bei der Suche nach all den vielen Details von dem befreundeten Essener Professor für Typografie Ralf de Jong, der als Typograf und Grafiker eine hohe Affinität zur deutschen Sprache hat und etliche Utensilien für das Hotel in Auktionshäusern ersteigerte. „Wir konnten durch seine vielen Anregungen sehr in die Tiefe gehen“, sagt Ralf Gude, der sogar Münzen aus der Zeit der Grimms in die Rezeption eingelassen hat und sich über jeden Gast freut, der beispielsweise einen Silbergroschen von 1843 oder den Heller von 1866 bewundert. Eine Reisegruppe aus Japan hatte jüngst erst voller Begeisterung davon geschwärmt – für Ralf Gude ein Indiz dafür, alles richtig gemacht zu haben. „Wir wollen nicht belehren, jedoch jeden gern informieren, der sich für das Thema interessiert“, sagt er. Dafür hat er seine Mannschaft fit gemacht.
In den 85 Zimmern setzt sich der rote Faden des Themas fort. Lose Blätter aus weiteren gekauften alten Wörterbüchern, die nicht gebunden waren, alte Briefmarken und Lichtscheren, mit denen damals die Kerzen ausgelöscht wurden, sollen noch ihren Platz finden. Sogar eine alte Reiseapotheke hat Ralf Gude besorgt – jedes Detail wird hervorgehoben, etwa in einem Glaskästchen oder Bilderrahmen.
Das Thema Brüder Grimm passt nicht zuletzt deswegen so gut zum Hotel Gude, weil das Haus auch Premium-Mitglied des Vereins Deutsche Märchenstraße ist und außerdem der Kulturpreis Deutsche Sprache jedes Jahr im Hotel Gude verliehen wird.

