AHGZ - Das Fachportal für Hotellerie und Gastronomie

Anzeige

Nostalgisch: Die Titelseite der Karte

Der AHGZ-Speisekartentest: Gasthaus Spieker in Hövelhof-Riege

Zeitreise nimmt die Gäste mit

aus: AHGZ-Druckausgabe Nr. 2012/17 vom 21. April 2012

Beate und Franz Spieker betreiben in dritter Generation in Hövelhof-Riege ein Gasthaus. Der Ort liegt im Herzen Ostwestfalens, nördlich von Paderborn. Für das Frühjahr 2012 hat das Wirtsehepaar ein kulinarisches Programm entwickelt, das sie in einer Sonderkarte darstellen. Diese steht im Fokus unseres heutigen Tests, die Standardkarte des Hauses lassen wir außer Acht.

In der greifen die Unternehmer auf Schwarz-Weiß-Fotografien und Verhaltensregeln aus dem „Hausbuch des guten Tons – Ein Knigge von heute“ aus den 1950er-Jahren zurück. Sie entwickeln ein kleines, 16-seitiges Heftchen, das auf der linken Seite Benimmregeln und auf der rechten Seite das gastronomische Frühlingsangebot vorstellt. Die Fotografien und dazugehörigen verkürzen unterhaltsam die Wartezeit. Der „kulinarische Knigge“ wird gekonnt auf die jeweiligen Speisenanlässe abgestimmt: Zu dem Weinabend folgen Regeln, wie das Glas zu halten ist („Aber bitte nicht am oberen Teil anfassen, auch nicht in der Luft herumschwenken“). Für das Oster-Lunch-Buffet gibt es Hinweise zum richtigen Umgang mit Spargel („Die Finger der rechten Hand fassen den Spargel am Ende, die linke unterstützt mit der Gabel“). Und das Muttertag-Buffet führt logischerweise zum Blumengeschenk („Verpackte Blumensträuße sind unmöglich, besonders, wenn sie wie ein Gewehr präsentiert werden“).

Uns gefällt, dass die Einschübe kurz und prägnant gestaltet sind und somit den Bestellprozess zeitlich nicht überstrapazieren. Der humorvolle und originelle Rückgriff ins letzte Jahrhundert mag vielleicht nicht jeden ansprechen, auf jeden Fall grenzt er sich jedoch werbewirksam von konkurrierenden Speisekarten ab.

WEITERE BILDER ZUM ARTIKEL

Die persönliche Ansprache des Gastes wirkt einladend („In erster Linie möchten wir, dass Sie sich bei uns wohlfühlen“), der Verweis ganz zu Beginn des kulinarischen Frühlingsprogramms auf Kochkurse („Gerne können Sie bei uns auch Kochkurse buchen – z.B. im Rahmen eines Geburtstages, eines Betriebsausfluges ...“) ist klug, ebenso jener auf Freizeitaktivitäten („Wenn das Wetter mitspielt, könnten Sie das Mittagessen bei uns ... mit einem Spaziergang Richtung Furlbach beschließen“).

Die Speisen zeigen hohes professionelles Können (Fenchel-Ziegenkäsesalat mit Datteln, Steinbeißerfilet auf Mangold mit Kapernsoße, Apfelstücke im Bierteig mit Lavendelschaum, ... ), die kulinarische Abstimmung auf das jeweilige EventInszenierte Veranstaltung in meist außergewöhnlicher Umgebung , die Gäste durch ihre emotionale Ansprache aktivieren soll.
weiter mit Mausklick...
(Tapas-Menü, Weinabend, Abba-Musical-Dinner, Sennewanderung, italienisches Frühlings-Buffet, ... ) gelingt schön. Die Sprache ist sachlich und meist gut gewählt, Fußnoten geben dezent Hintergrundwissen. Auch im Detail zeigt sich Sachverstand: Für den Weinabend werden attraktive Essensportionen kreiert („Unsere Küche schließt sich der Probier-Idee an und bietet kleine Köstlichkeiten in Weckgläschen. So lassen sich Geschmäcker individuell und nach Belieben kombinieren.“). Für Kinder findet beim Oster-Buffet eine familienfreundliche PreisdifferenzierungPreispolitische Maßnahme, mit der die Preisgestaltung unter Berücksichtigung verschiedener Aspekte vorgenommen wird.
weiter mit Mausklick...
statt („Kinder: bis 5 Jahre frei, 6-12 Jahre 14 Euro“). Die Preisbildung als Ganzes ist nachvollziehbar.

Wo sind Schwachstellen? Es sind Rechtschreibfehler (Degustiantion, Rindekeule, Limetten-Tirami su, ...), uneinheitliche Schreibweisen (Soße vs. Sauce, Chillimousse vs. Holunderblüten-Mousse, sie vs. Sie, ...) und Unklarheiten (Linsencremesüppchen mit Geräuchertem). Dies stellen wir in nicht wenigen Karten fest und schreiben sie vor allem der hohen Arbeitsbelastung der Gastronomen zu. Insofern sind sie einerseits nachvollziehbar, andererseits aber auch ärgerlich, da sie gute konzeptionelle Arbeit im Rahmen der Speisekartenentwicklung im Nachhinein demontieren. Doch wir lassen uns heute von den formalen Schnitzern nicht zu sehr beeinflussen. Stattdessen zollen wir der originellen Idee einer Zeitreise in die 1950er-Jahre Anerkennung.

Zum Schluss empfehlen wir den Wirten noch eine Veränderung der typografischen Gestaltung. Eine prägnantere und klarere Gruppierung der Gerichte in einzelne Speisegruppen gibt beim Lesen bessere Orientierung und schafft Übersicht.

Wolfgang Fuchs/Bettina Kaiser

Wolfgang Fuchs ist Professor und leitet den Studiengang BWL – Tourismus, Hotellerie und Gastronomie II an der DHBW Ravensburg, Bettina Kaiser lehrt Gastronomie an der Landesberufsschule Tettnang.

ThemenalarmKommentierenDrucken
Auch interessant

Klar und stimmig

Einmal im Monat prüft die AHGZ die Speisekarte eines gastronomischen Betriebs. Heute im Test: Restaurant & Bar No. 9 in Zwickau mehr...

Weitere Artikel der Serie "AHGZ-Speisekartentest"

Weitere Artikel zu den Themen:

Diesen Artikel bei Google+, Xing, Twitter oder Facebook weiterempfehlen:

Bisher keine Leser-Kommentare zum Artikel

Anzeige