Digitaler Stammtisch: "Mit einem neuen Excel ...
Digitaler Stammtisch

"Mit einem neuen Excel ist keinem gedient"

Christoph Aichele
Diskutierten: (von links) Jan Smeets, Thomas Primus, Andreas Steinbeisser, Thomas Ostheimer
Diskutierten: (von links) Jan Smeets, Thomas Primus, Andreas Steinbeisser, Thomas Ostheimer

Ein neues Talk-Format des FCSI fühlte der Digitalisierung auf den Zahn. Die Premiere fand in Innsbruck statt. Das Fazit: Es gibt großen Handlungsbedarf – und viele Chancen.

Das Angebot digitaler Ideen und Lösungen für die Gastronomie wächst rapide – von der Warenbeschaffung über die Küche bis zum Gastraum, von der Personalführung bis zum Marketing, vom klassischen stationären Geschäft bis zu neuen Umsatzbereichen wie Delivery. Wie ist der aktuelle Stand in Sachen Technik? Und welche Rolle spielt der Mensch dabei? Darum ging es beim 1. Digitalen Stammtisch, einem neuen Talk-Format des Beraterverbandes FCSI in der Villa Blanka in Innsbruck – mit der ahgz, foodservice und gv-praxis als Medienpartner.

Der aktuelle Status Quo und konkrete Techniklösungen waren zwei Schwerpunkthemen. Auf der Bühne: Die Experten Jan Smeets (Recipe for Concepts), Thomas Primus (FoodNotify), Andreas Steinbeisser (sell & pick), Thomas Ostheimer (Foodigital) und Moderatorin Nina Fiolka.

Abläufe vereinfacht, Planungen optimiert

Jan Smeets ist nicht nur als Berater tätig, er betreibt auch ein Restaurant, die Dorfwirtschaft in Seeshaupt bei München (350 Plätze) mit maximalem Einsatz von digitalen Lösungen. Wichtig war ihm ein übergreifendes System, das aus Gästesicht funktioniert, aber natürlich auch Inhouse. „Alles, was heute möglich ist, wird digital gesteuert – natürlich auch in der Küche“, so Smeets. Die Abläufe würden dadurch deutlich vereinfacht, Planungen optimiert, Kosten reduziert – und sogar zusätzliche Umsätze generiert. Allerdings: „Es Bedarf anfangs einigen Mehraufwand, bei Installation und Datenerfassung.“ Und: „Wir sind zwar digital, aber mitnichten alle Zulieferer und Dienstleister. Und auch nicht alle Gäste sind digital-affin.“

Programme sollten möglichst simpel sein

Thomas Primus findet, dass in Sachen Digitalisierung hierzulande vielerorts noch „Mittelalter“ ist – das Thema aber gerade wegen Corona ordentlich Schub bekommen hat. Andere Länder, etwas Schweden, seien hier deutlich weiter. Entscheidend sei es, den Unternehmern die Vorzüge digitaler Lösungen zu vermitteln und mit Fakten aufzuwarten – etwa im Bereich Warenwirtschaft. Aus Sicht der Software-Industrie gelte es aber auch, die Produkte und Anwendungen bedienerfreundlich und cosy zu machen – mit „einem neuen Excel“ und komplexen Tabellenkalkulationen sei keinem gedient, schon gar nicht in der Gastronomie.

Eine neue Kommunikationsebene

Die Foodservice-Branche ist bislang nur minimal digitalisiert, beklagte Andreas Steinbeisser. Das habe Gründe – kaum ein Gastronom beschäftige sich gern mit dem Thema. Doch es gebe Abhilfe aus seinem Hause, quasi ein neues Öko-System, bei dem die Technik nur eine Nebenrolle spiele. „Wir implementieren eine neue Kommunikationsebene“, so Steinbeisser.

Dafür hat er eine Plattformlösung entwickelt, die möglichst viele Anwendungen miteinander verbindet. Oft seien in Unternehmen zwar Daten in hinreichender Qualität vorhanden, vielfach aber in Insellösungen oder sogar analog. Unter diesen Umständen nutze die Digitalisierung kaum ihr Potenzial aus. Verknüpfung sei entscheidend – und die Zusammenführung aller Daten. „Wir gehen vom klassischen Berichtswesen weg und wechseln gleich auf die Warum-Ebene.“ Resultat seien konkrete Handlungsempfehlungen.

Gutes Beispiel: Das Hofbräuhaus München

Auch Thomas Ostheimer sieht eine große Notwendigkeit, die Digitalisierung mit System und Nachdruck anzugehen. Gastronomen und auch Zulieferer täten sich aber zuweilen schwer damit, ihre Arbeitsabläufe und Tagesroutinen klar, strukturiert und offen darzustellen – was eine unabdingbare Grundlage ist, um den Betrieb digital aufzustellen. Es geht aber auch anders, wie Ostheimer anhand des Münchner Hofbräuhauses berichtete, das weitgehend durchdigitalisiert ist. „Riesen-Kapazität, Top-Abläufe, zufriedene Gäste“, selbst größere Gruppen bekämen ihr Essen gleichzeitig serviert – ganz gleich ob Wurstsalat oder Schweinebraten.

Austausch und Wissenstransfer als Ziele

Mit Blick auf die Zukunft hofft Andreas Steinbeisser, dass sich die Gastronomie bald mehr öffnet – hinsichtlich Austausch und Wissenstransfer. Das beflügle die Digitalisierung, die unabdingbar sei. „Bei uns in der Branche wurden jahrelang Mauern aufgebaut – mit dem Gedanken, einen Wettbewerbsvorteil aufzubauen.“ Aber gerade das Gegenteil sollte ihm zufolge der Fall sein. Und ganzheitliches Denken und Handeln gehöre dazu: „Wer meint, dass Digitalisierung nur mit Tools zu tun hat, der denkt analog“, so Steinbeisser.

Kritisch: System-Ausfälle und Abhängigkeiten

Künstliche Intelligenz, auch das ein Fazit der Runde, wird die digitalen Lösungen weiter verbessern. Ebenso können komplexe Abläufe dank digitalem Support auch von Nicht-Fachkräften bewältigt werden. Kritische Punkte bleiben indessen die Datensicherheit und die Verlässlichkeit der Technik. Jan Smeets berichtete von einem System-Ausfall in seinem Restaurant, bei dem der geplante Offline-Modus nicht funktionierte – eine fatale Situation. Auch gebe es neue Abhängigkeiten. Das System schnell wechseln, weil der Dienstleister die Preise erhöht hat, sei eben kaum möglich. Umso wichtiger seien gute und verlässliche Partner und nachhaltige Partnerschaften.

Mehr Fakten und Thesen vom Digitalen Stammtisch in der nächsten ahgz-Printausgabe.

 

 

 

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