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Gastbeitrag

Gastro-Unternehmer Roland Koch: "Die Politik ist gefordert"

Unternehmen
Roland Koch: "Unsere Branche befindet sich in der größten Krise, die sie je gesehen hat"
Roland Koch: "Unsere Branche befindet sich in der größten Krise, die sie je gesehen hat"

Der Geschäftsführer der Gastro Consulting SKM GmbH mit Sitz in Hamburg fordert unter anderem eine planbare Strategie für das Zusammenleben mit dem Virus.

Seit der Wiedereröffnung nach dem ersten Lockdown haben wir mehr als 400.000 Gäste bewirtet, und es hat keinen Vorgang zur Nachverfolgung von Corona gegeben. Gäste und Mitarbeiter in unseren Restaurants und Hotels konnten sich sicher fühlen. Diese Zahlen gelten im Verhältnis sicher für viele Betriebe der Branche.

Dennoch haben Bund und Länder seit dem 2. November eine (vorerst) vierwöchige Schließung aller gastronomischen Betriebe angeordnet, obwohl die Gastronomie in der zweiten Welle nie ein Infektionsherd war. Bewegungen und Kontakte reduzieren, so kann die Schließung von Schulen und Kitas mit all ihren sozialen Verwerfungen vermieden werden. Immerhin, in diesem Kontext ist nun endlich hochoffiziell und flächendeckend festgestellt worden, dass die Gastronomie in Summe einen guten Job gemacht hat.

Nicht zuletzt die Mitarbeiter leiden

Unsere Branche befindet sich dennoch in der größten Krise, die sie je gesehen hat. Sie wird das am Ende überleben und mit ihrer Kreativität und Flexibilität die Herausforderung meistern, die Angst überwinden, neue Wege gehen, Neues etablieren und inszenieren, so, wie der Mensch es in vergangenen Krisen immer geschafft hat, sich neu zu erfinden, da bin ich mir sicher.

Schlimm trifft die Pandemie unsere Mitarbeiter, das Herz und die Lunge eines jeden Betriebes, seine DNA. Die Menschen machen sich große Sorgen, wie es weitergeht, wie wir über den Winter kommen sollen. Immerhin, daran denkt kaum noch jemand, haben wir in den Restaurants durch die Abstandsregeln im Schnitt 35 Prozent weniger Sitzplätze. Ausreichende Umsätze sind damit gar nicht möglich. KUG ist eine sehr gute Hilfe, aber in der Gastronomie ohne Trinkgeld, Nacht- und Wochenendzuschläge oder Aufstockung durch den Arbeitgeber, betragen die monatlichen Einbußen für den einzelnen Mitarbeiter oft mehrere Hundert Euro. Es kommt verstärkt zu Abwanderungen der Mitarbeiter in andere Branchen, die Zukunft ist vielen einfach zu ungewiss.

Unternehmen sind es gewohnt, aufgrund vorheriger Perioden, ziemlich gut die Zukunft vorauszuschauen. Das ist nun nicht mehr ohne weiteres möglich. Vieles vom Gelernten gilt nicht mehr, man kann mutmaßen, Szenarien durchspielen, diskutieren. Was hat in der Krise geklappt, was nicht? Was kann oder muss über Bord geworfen werden? Das unternehmerische Leben ist wieder anspruchsvoll und gleichermaßen spannend geworden.

Rund 25 Prozent weniger Umsatz als im Vorjahr

Die Krise ist hart, besonders in ihren Zahlen. Von 83 Mrd. Euro, die 2019 im Außer-Haus-Markt umgesetzt wurden, weist die Branche nun schon 20 Mrd. Umsatzverlust bis Oktober 2020 aus, also rund 25 Prozent weniger Umsatz als im Vorjahr. Der lange und sicher auch harte Winter steht bevor, bis endlich Impfungen und das Frühjahr Entlastung bringen können. Daneben sind zahlreiche politische und juristische Themen nach wie vor ungeklärt. Immerhin: Die Novemberhilfen sind auskömmlich gestaltet und bieten nun auch den verbundenen Unternehmen einen fairen finanziellen Ausgleich.

Insgesamt werden Hunderttausende von Anträgen erwartet. Aber: Die Gelder werden wohl kaum noch im Dezember fließen können. Das Nadelöhr sind die Steuerkanzleien, die die Anträge stellen müssen. Durch die Ankündigung des Finanzministers, hier schnell und mit Abschlägen zu arbeiten, wurde viel Hoffnung erzeugt. Die vorgesehenen Abschläge ab dem 25. November von bis zu 10.000 Euro werden helfen, kommen aber für viele Unternehmen zu spät. Für andere ist die Summe viel zu gering. Zu kritisieren ist, dass wertvolle Antragslaufzeit verstrichen ist, bevor nun die Ausführungsbestimmungen detailliert vorgelegt wurden.

Rahmenbedingungen müssen korrigiert werden

Durch das Verbot touristischer Übernachtung für die Hotels und flächendeckende Schließung der Restaurants verschärft sich die Notlage der Unternehmen nun erneut enorm. Dazu kommt, dass gestundeten Mieten aus dem ersten Lockdown oft von den großen Immobiliengesellschaften mit 9 Prozent verzinst werden. Wer nicht bis 30. Juni 2022 zahlt, hat dann meistens zusätzlich noch die Voraussetzungen für eine Kündigung erfüllt. Da die grundsätzliche Zahlungsverpflichtung besteht, lehnt sich die Immobilienbranche zurück, man muss nicht einmal verhandeln.

Hier muss endlich klargestellt werden, dass während einer offiziellen Pandemie die Geschäftsgrundlage bei Miet- und Pachtverträgen gestört ist, also die Anwendung des § 313 BGB möglich wird, und so die Parteien auf Augenhöhe an den Verhandlungstisch zurückkehren können. Das klärende Ende des höchstrichterlichen Instanzenweges wird viele Jahre auf sich warten lassen. Dies abzuwarten ist absolut inakzeptabel – hier ist der Gesetzgeber gefordert. Die Unternehmen wollen keine Almosen, aber sie wollen verhandeln können.

Letztendlich bluten genau an dieser Stelle auch die verbundenen Unternehmen aus. Die Lage ist hier besonders verzweifelt, denn auch ein anderer Umstand spielt eine große Rolle. Bislang lagen die Förderungsobergrenzen bei 1 Mio. Euro – 200.000 Euro über die De-Minimis Verordnung (verteilt auf drei Jahre) und 800.000 Euro. Für die verbundenen Unternehmen war die Limitierung eine Katastrophe. Sie konnten sich lediglich KfW-Darlehen zur Deckung ihres viel höheren Liquiditätsbedarfes zur Weiterführung ihrer Unternehmen beschaffen. Nun sind die Förderobergrenzen auf bis zu 3 Mio. Euro erhöht und mindestens bis Mitte des kommenden Jahres verlängert worden. Das sind gute Nachrichten für die Unternehmen.

Den Entscheidern unsere Bedürfnisse zu vermitteln

An vielen Stellen sind unsere berufliche Existenz und Zukunft bedroht, und wir selber können die Umstände nicht verändern. Die erste Aufgabe ist es daher, den verantwortlichen Entscheidern unsere Bedürfnisse zu vermitteln, in den Austausch und die Gespräche zu gehen, die Notwendigkeiten von Korrekturen für Rahmenbedingungen zu verdeutlichen. Mit Leben erfüllen werden wir sie selber.

Viele fragen sich, was vom Virus übrig bleibt. Restaurants und Hotels sind routinierte Orte in Sachen Hygiene. Ihnen könnte die wichtige Rolle zufallen, die soziale Sehnsucht nach Zusammenkunft der Menschen sicher abzuwickeln, die nötige Versorgung und den kontrollierten Austausch der Menschen zu übernehmen, dass alles in Verbindung mit einem echten Erlebnis. Sie hat bereits bewiesen, dass sie dazu im Stande ist. Erforderlich ist, dass die Menschen zur Erhaltung der Gesundheit Bestimmungen folgen, die das individuelle Verhalten stark einschränken.

Die Politik ist gefordert, eine planbare Strategie für das Zusammenleben mit dem Virus zu entwerfen. Sie muss auf sinnvollen Konzepten und Mechanismen beruhen, auf die man sich einstellen kann, die sich durch- und umsetzen lassen, das ist die Herausforderung. Hoffen wir, dass wir alle gesund bleiben und gemeinsam durch diese Zeit kommen!

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