Coronakrise: Hilfeschrei: Es muss jetzt wiede...
Coronakrise

Hilfeschrei: Es muss jetzt wieder losgehen!

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Bald ist es wieder so weit: In Restaurants dürfen wieder Gäste bedient werden, voraussichtlich allerdings mit Mund-Nasen-Maske
Bald ist es wieder so weit: In Restaurants dürfen wieder Gäste bedient werden, voraussichtlich allerdings mit Mund-Nasen-Maske

Die Lage des Gastgewerbes ist desolat. Gastronomen und Hoteliers halten es nicht mehr aus. Sie fordern einen sofortigen Exit-Plan. Mehrere Bundesländer kündigen an, im Mai öffnen zu lassen.

Coronakrise: Hilfeschrei: Es muss jetzt wieder losgehen!



STUTTGART. Mehr als sechs Wochen dauert der Shutdown jetzt schon. Die Auswirkungen sind immens: Deutschlands Gastgewerbe liegt am Boden.  Die Branche verzeichnet bei Arbeitslosenzahlen höchste Steigerung aller Branchen der deutschen Wirtschaft

Darum schlägt im Vorfeld der Beratungen der Bund-Länder-Konferenz am 6. Mai Dehoga-Bayern-Chefin Angela Inselkammer Alarm: „Die schockierenden Arbeitsmarktzahlen belegen die dramatische Situation unserer Branche.“ So stieg der Zugang in die Arbeitslosigkeit im deutschen Gastgewerbe im April um 208 Prozent im Vergleich zum Vorjahresmonat. Das ist die höchste Steigerung aller Branchen der deutschen Wirtschaft. Auch bei der Kurzarbeit sind die Zahlen in Gastronomie und Hotellerie dramatisch hoch. „Waren im Februar deutschlandweit 173 Mitarbeiter in Kurzarbeit, so wurden im März und April für über eine Million Beschäftigte Kurzarbeit angezeigt“, so Inselkammer. Damit sind insgesamt mehr als 95 Prozent aller sozialversicherungspflichtig Beschäftigten im Gastgewerbe betroffen.

In einer Mitteilung an die Medien fordert der Dehoga Bayern: "Unter Berücksichtigung der Verantwortung für die Gesundheit von Gästen, Mitarbeitern und Unternehmerfamilien ist es geboten, am kommenden Mittwoch ein stufenweises Wiederhochfahren der Branche zu beschließen."

Unterdessen hat Niedersachsen laut einem NDR-Bericht ein Signal gesetzt: Gastgewerbliche Unternehmer können demnach dort mit einer Öffnung ihrer Betriebe am dem 11. Mai rechnen. Diese gelte allerdings nur für Restaurants, Gaststätten, Cafés und Biergärten und beinhaltet außerdem eine Reihe von Vorgaben. Besagte Lokale dürften nur 50 Prozent ihrer Kapazitäten zur Verfügung stellen - in den Gasträumen und auf Außenflächen. Zudem wird es eine Reservierungs- und Kontaktdatenpflicht geben. Am 25. Mai soll es weitere Lockerungen geben. Bars, Kneipen und Discotheken sollen dagegen bis auf Weiteres geschlossen bleiben. Die Hotellerie in Niedersachsen kann dem Plan zufolge am 25. Mai ihr Geschäft wieder aufnehmen. Dann dürfen Hotels, Pensionen und Jugendherbergen mit einer maximalen Auslastung von 50 Prozent und unter Beachtung verschiedener Auflagen wieder öffnen. Andere Bundesländer ziehen jetzt sukzessive nach: Brandenburg und Thüringen streben die Öffnung unter Auflagen ebenfalls im Mai an. Mecklenburg-Vorpommern kündigt gewisse Öffnungen in der Gastro bereits für das kommende Wochenende an. Auch die Länderchefs von Bayern, Rheinland-Pfalz und Sachsen haben sich entsprechend geäußert.

Eine bundesweit einheitliche Regelung zur Wiederöffnung von Gaststätten und dem Zulassen von touristischen Übernachtungen in Hotels  wird es nicht geben. Der Bund überlässt es den Ländern, wie sie verfahren sollen. In einem Zeitkorridor vom 9. bis 22. Mai soll es stufenweise Öffnungen geben.

Bis es aber verbindlich wieder losgeht, brauche die Branche dringend und schnellstmöglich einen Hilfsfonds mit direkten Finanzhilfen für alle Betriebstypen, stellt Inselkammer  noch einmal die Forderungen des Dehoga in den Raum.  „Unsere Branche hat nicht aufgrund individueller Fehler Umsatzeinbrüche zu verzeichnen, sondern die Betriebe wurden geschlossen, um die Gesundheit der Bevölkerung zu gewährleisten. Da ist ein verzweifelter Hilfeschrei nach staatlichen Mitteln keine Bittstellerei, sondern die einzige Möglichkeit, eine ganze Branche zu retten.“ Die Reduzierung der Umsatzsteuer sei ein enorm wichtiger Schritt, die Überlebensfähigkeit der Branche zu sichern, erläutert Angela Inselkammer, hierfür sei man sehr dankbar. Die Maßnahme werde aber erst zum Tragen kommen, wenn die Betriebe wieder Umsätze machen dürften. 

„Am Mittwoch müssen Entscheidungen hinsichtlich Eröffnungstermin und Rettungsfonds beschlossen werden“, fordert Inselkammer, „sonst werden wir ein massenhaftes und flächendeckendes Sterben von Hotellerie und Gastronomie erleben, was dauerhafte Auswirkungen auf unsere Wirtschaft und Kultur haben wird. Ohne Hotellerie und Gastronomie wird unser Leben ärmer, wir sind nicht nur systemrelevant sondern lebensrelevant“, so das Fazit von Angela Inselkammer.

Wie sehr Hoteliers und Gastronomen nach wochenlangem Lockdown leiden und was sie sich wünschen und wie sie planen - nachfolgend einige Momentaufnahmen.

Artin Martinian, Geschäftsführer des Restaurants Esszimmer 5630 in Remscheid beschreibt seine Situation so: „Verheerend. Wir verzeichnen aktuell 70 bis 80 Prozent weniger Einnahmen. Einziger Rettungsanker ist derzeit noch unser eilig aufgesetzter Liefer- und Abholservice, der immerhin erfreulich gut funktioniert.“ So wie Martinian geht es vielen Gastronomen im Land, die mit ihren Take-away und Lieferangeboten äußerst einfallsreich sind.

Online-Petition für achtsamen Neustart

Dieser kleine Erfolg ist für die Wirte jedoch nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Deshalb fordern sie – auch nach der mit gemischten Gefühlen aufgenommenen reduzierten Gastro-Mehrwersteuer – weitere Hilfen, einen Exit-Plan und eine schnelle Wiederöffnung. Die Online-Petition „Perspektive für einen achtsamen Neustart der Gastronomie“ zum Beispiel verzeichnet zurzeit mehr als ein Drittel der erforderlichen Unterschriften. Knapp 20.000 Menschen haben bis Ende April unterzeichnet. Die Initiative ist ein breites Bündnis aus Gastronomen und anderen Akteuren in der Foodbranche, die sich für einen schnellen Neustart nach dem coronabedingten Shutdown stark machen.

Andreas Lübcke, Geschäftsführer des Old MacDonald in Hamburg, sagt: „Bei allem Verständnis für die Gesamtsituation: Für uns Gastronominnen und Gastronomen muss es jetzt praktikable Lösungen und Hilfen geben. Und ich spreche hier nicht nur von Steuererleichterungen oder Krediten. Es ist doch illusorisch zu glauben, dass wir in unserem Metier so viel Geld verdienen beziehungsweise vor Corona verdient haben, dass wir nach der Krise mal eben Kredite zurückzahlen könnten, welche die Kosten von mehreren Monaten decken würden. Von welchen Umsätzen sollen die Kredite denn getilgt werden? Die angezogene Handbremse aufgrund von Corona wird unser Geschäft jedenfalls noch lange Zeit beeinträchtigen, da sind Kredite der völlig falsche Ansatz.“

Knackpunkte: Mieten und Personalkosten

Aus Lübckes Sicht sollte der Staat jetzt Mieten und Personalkosten übernehmen. Der Hamburger Gastronom macht folgende Rechnung auf: „Ich muss fürs Old MacDonald und die Better Burger Company jeden Monat einen hohen vierstelligen Betrag an Miete zahlen. Die stunden mir meine Vermieter zwar freundlicherweise gerade, trotzdem muss ich sie ihnen irgendwann zurückzahlen. Woher soll ich das Geld nehmen, wenn ich keinen Umsatz machen darf?“ Was die Lohnkosten betrifft, werde zwar Kurzarbeitergeld bezahlt, aber die Höhe reiche nicht aus, so Lübcke. „Die meisten Mitarbeitenden sind leider Geringverdiener und leben von Zuschlägen, Trinkgeldern und so weiter. Da diese jedoch gerade wegfallen, ist das für sie eine Katastrophe.“



Steffen Disch, Betreiber des Raben in Horben bei Freiburg und ausgezeichnet mit einem Michelin-Stern, hat sich in derahgz zu Beginn der Krise Ende März als Hilfe unter anderem die reduzierte Mehrwertsteuer gewünscht. „Das wäre eine echte Hilfe und eine faire Lösung, flächendeckend für die ganze Branche, wenn es nach der Krise wieder losgeht“, sagte er damals. Jetzt zeigt er sich allerdings enttäuscht darüber, dass die 7 Prozent zeitlich begrenzt und nur für Speisen gelten werden. Ein schöner Anfang sei das, aber nötig seien „7 Prozent auf alles und auf Dauer und grundsätzlich weniger Bürokratie.

„Die Politik hat die Branche nicht erhört“

Er findet: „Die Politik hat die Branche nicht erhört.“ Allerdings wolle er kein Politiker-Bashing betreiben. Vielmehr wolle er weiter Gas geben und auch so gut es geht, positive Dinge sehen. So sei er sehr dankbar für die wunderbare Unterstützung von Gästen, Mitarbeitern und Kollegen. Trotz allem erlebe er in diesen Tagen, dass die Menschen eigentlich „gut drauf“ seien. Schließlich freue es ihn auch zu sehen, wie sich die Natur erholt. Wichtig ist ihm zudem, dass der baldige Exit aus dem Shutdown von der Politik gut gesteuert und kommuniziert wird.



Genau das fordert der Berliner Großgastronom Josef Laggner (u.a. Lutter & Wegner, Augustiner, Fischerhütte) in einem offenen Brief an die politischen Entscheider: „Geben Sie der Gastronomie eine Perspektive! Geben Sie uns einen Zeitplan! Geben Sie uns Planungssicherheit!“ Die Unternehmer müssten rechtzeitig wissen, wann sie – unter Beachtung aller Auflagen – wieder starten könnten. Beim Wareneinkauf und beim Personal müsse vorgeplant werden können, heißt es in dem Schreiben. Auch die Gäste wollten wissen, wann und wie es weitergeht. „Uns erreichen täglich zahlreiche Anfragen“, so Laggner. Für die Wiederöffnung schlägt er den stufenweisen Start des Terrassengeschäfts vor. Ab Anfang Mai von 12 bis 18 Uhr. Zwei Wochen später dann solle innen und außen bis 22 Uhr geöffnet sein dürfen.

Innig wünscht sich der Thüringer Hotelier Olaf Seibicke (Der Lindenhof, Gotha) den baldigen Neustart. Als Gastgeber, der seiner Passion zurzeit nicht folgen dürfe, leide er – nicht nur finanziell. „Es wird Zeit über Regeneration und Maßnahmen zu sprechen und zu handeln. Wenn die Politik will, dass Thüringen das grüne touristische Herz Deutschlands bleibt, muss sie helfen, dass die Herzen der Hotellerie weiter schlagen werden.



Auch in Lorch an der Schnittstelle von Rheingau und Mittelrhein steht der Tourismus zurzeit still. Gästehäuser und Hotels, Restaurants und Weingüter – alle leer. Die Gäste fehlen. Deshalb haben 15 Lorcher, die für Gastfreundschaft und Heimatverbundenheit stehen, den Film #IHR fehlt! ins Internet gestellt. So wollen Sie sich bei ihren Gästen in Erinnerung bringen und signalisieren, dass sie nach dem Neustart voller Engagement wieder bereitstehen.

Wie alle Gastronomen und Hoteliers in Deutschland fiebert auch der Würzburger Unternehmer Christoph Unckell (Best Western Premier Hotel Rebstock) einer baldigen Wiederöffnung entgegen. Bei der Planung des Neustarts überlässt Unckell nichts dem Zufall. Darum hat er er - und viele Kollegen tun es ihm gleich  - eine Öffnungsstrategie für sein Haus entwickelt, das erst im vergangenen Sommer um einen schmucken Neubau erweitert wurde (ahgz berichtete).



Unckell betont: "Ich kann mir vorstellen, dass wir noch lange mit einem anderen Ablauf arbeiten werden. Die Gesundheit unserer Gäste und Mitarbeiter steht immer an erster Stelle" Mindestabstände müssten voraussichtlich zu jedem Zeitpunkt eingehalten werden, außerdem sei eine Maskenpflicht auch in Hotels und Restaurants denkbar. „Momentan warten wir auf detaillierte Regelungen für die Gastronomie und Hotellerie. Wir sind bereit, und unsere Strategien für das Kuno1408, das Frühstück und den Tagungsbereich stehen“, so Unckell weiter. Im einzelnen sieht er folgende Maßnahmen vor:

Situationen am Buffet entzerren

Eine Situation, in der viele Gäste zusammenkommen, ist das tägliche Frühstücksbuffet. „Beim Frühstück werden wir verschiedene Zeiten anbieten, damit nicht alle Gäste auf einmal kommen. Außerdem portionieren wir beispielsweise Brötchen oder Müsli, damit Gegenstände wie Brötchenzangen nicht zum Infektionsherd werden. Damit die Abstände immer eingehalten werden, besetzen wir nur jeden zweiten Tisch.“

Mit dieser Lösung will es Christoph Unckell möglich machen, dass jeder sein Frühstück weiterhin individuell zusammenstellen kann, und minimiert gleichzeitig die Ansteckungsgefahr. Weitere Maßnahmen wie Desinfektionsmittelspender, Plexiglasscheiben und Handdesinfektionsmittel an der Rezeption sowie Abstandsmarkierungen werden gerade im Hotel umgesetzt.

Tagungen im kleinen Rahmen halten

Im Tagungsbereich sind laut Unckell die großen Räume sind ideal dafür geeignet, Geschäftsmeetings oder Veranstaltungen auszurichten „Natürlich belegen wir unsere Tagungsräume noch nicht mit den vollen Kapazitäten. Dadurch, dass wir hier sehr viel Platz haben, können wir aber kleinere Konferenzen oder Meetings problemlos umsetzen, ohne dass der Mindestabstand von zwei Metern gefährdet wird," so der Hotelier.

Herausforderungen im Kuno 1498

Im Gourmetrestaurant des Hauses wartet auch Küchenchef Daniel Schröder darauf, wieder erste Gäste begrüßen zu können. Hier sind die Tische weit genug voneinander entfernt  aufgestell, sodass die erwarteten Auflagen ohne Probleme beachtet werden können. „Auch im Kuno 1408 wird das Serviceteam mit Masken arbeiten. Wir wollen weiterhin viel mit unseren Gästen in Kontakt treten, durch die Masken ist das ungefährlicher für Gäste und Mitarbeiter. Unser Gourmetrestaurant lebt wie das Hotel vom persönlichen Kontakt. Jeder Gang und der dazugehörige Wein wird am Tisch vorgestellt und erklärt, darauf wollen wir nicht verzichten. Natürlich ist ein Mundschutz eine Barriere, aber auch diese Herausforderung werden wir meistern“, so Unckell.

Die Pflicht, Mundschutz zu tragen und Mindestabstand einzuhalten, wird auch den Kontakt zum Gast verändern. „Trotzdem hat individueller Service für uns eine hohe Priorität. Wir werden weiterhin nah am Gast sein, aber auf Abstand“, sagt Christoph Unckell.

Im Bayerischen Wald - ansonsten eine Top-Destination - gibt es während der Coronakrise keine Touristen. Darum nutzen jetzt Hoteliers und Pensionsbetreiber die Zeit, um zu investieren und renovieren. So wie das Wellnesshotel Bayerwaldhof bei Bad Kötzting im Landkreis Cham. Derzeit lässt Besitzer Thomas Mühlbauer zehn Zimmer renovieren. 



Es ist das erste Mal, seit seine Eltern vor 50 Jahren den Bayerwaldhof in Liebenstein gegründet haben, dass das 180-Betten-Hotel geschlossen ist und leer steht.

Mühlbauer im Bayerischen Rundfunk: "Wir haben versucht, so weit wie es geht die Kosten runterzuschrauben. Aber einiges geht halt nicht. Kühlungen müssen weiterlaufen. Wir müssen auch immer die Wasserhähne anstellen, damit wir keine Legionellen bekommen." In der Zwangspause reifte dann die Entscheidung, eine sechsstellige Summe zu investieren - finanziert aus Erspartem. Und die Zukunft bleibt ungewiss. Irgendwann wieder aufsperren, aber ohne Saunalandschaft und Hotelschwimmbecken, würde aber nichts bringen, sagt Hoteldirektor Alfons Weiß.

Der Bayerwaldhof will erst dann wieder öffnen, wenn die Auflagen und das, was Urlauber akzeptieren, zusammenpassen. Schließlich soll man sich im Hotel nicht wie im Krankenhaus fühlen. Alle glauben jedoch fest daran: Die Gäste kommen wieder.



Zu Wort gemeldet in einem aufrüttelnden Video hat sich auch die Meistervereinigung Gastronom aus Baden-Württemberg. Ihr Vorsitzender Uwe Staiger von Staiger's Waldhorn in Plochingen zeigt sich erschüttert von den Argumenten der verantwortlichen Politiker für den anhaltenden Lockdown der Gastronomie in der vergangenen Woche und fordert eine Entschädigung des Staates für die Umsatzausfälle durch die angeordnete De-facto-Schließung des Gastgewerbes.

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