Lebensrezepte von Spitzenköchen (5): Joachim ...
Lebensrezepte von Spitzenköchen (5)

Joachim Wissler: „Glück bedeutet, im Leben zu stehen“

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Joachim Wissler: "Man muss sich ständig verändern, um das Erreichte bewahren zu können"
Joachim Wissler: "Man muss sich ständig verändern, um das Erreichte bewahren zu können"

Seit dem Jahr 2000 ist Joachim Wissler Küchenchef des Restaurants Vendôme im Althoff Grandhotel Schloss Bensberg in Bergisch Gladbach. Seit 2006 hält er drei Michelin-Sterne.

Als junger Mensch bekommt man vor allem von seinen Eltern ja fast täglich Ratschläge. Es ist klar, dass man in dieser Lebensphase nicht alle davon annimmt und umsetzt. Oft ist es auch so, dass man erst später erkennt, wie wichtig und richtig eine Empfehlung war.

Ob man einen Ratschlag beherzigt, hängt außerdem ganz stark davon ab, wie sehr man die Person achtet und respekiert, von der er stammt. Bei mir ist es so, dass ich meinen Vater ausgesprochen geschätzt und respektiert habe. Er war ein Mensch, der – wie viele aus seiner Generation – die Kriegszeiten und die Phase danach miterlebt hat. Die Familie führte ein karges Leben, und man ging abends schon glücklich ins Bett, wenn man ein bisschen was im Bauch hatte. (...)

In diesem herausfordernden Umfeld hat es mein Vater geschafft, ein kleines Unternehmen zu gründen sowie einen Gutsbauernhof mit Restaurant aufzubauen. So konnte er uns alle ernähren und immer ein aufrechter Mensch bleiben. Deshalb hatte er für mich eine große Strahlkraft und hohe Glaubwürdigkeit.

Sein wichtigster Rat an mich war: „Glück und Erfolg werden nicht über materielle Symbole unserer Gesellschaft, wie teure Autos oder eine Villa, definiert. Glück und Erfolg bedeuten, mitten im Leben zu stehen mit all seinen Höhen und Tiefen, zufrieden zu sein mit dem, was man hat, und das Leben gemeinsam mit den Menschen an deiner Seite zu meistern. Dazu gehört unmittelbar auch der Gedanke, dass man etwas macht, weil man daran glaubt, und nicht, weil man etwas gewinnen will.

Der Küchenchef muss seinem Restaurant Charakter und Persölichkeit mitgeben

In diesem Rat liegen viel Kraft und eine große Ruhe, die einem auch in schwierigen Zeiten Zuversicht geben. Damit kann man all die Herausforderungen bewältigen, die in jedem Leben auftreten. Mir hat dieser Rat sehr geholfen, dem Erfolgsdruck in der Spitzengastronomie standzuhalten und dabei menschlich zu bleiben. Meine familiäre Prägung hat auch stark dazu beigetragen, dass ich nicht ständig in Angst lebe, meine Erfolge, meinen Status oder materielle Dinge zu verlieren.

Diese Haltung meines Vaters lässt sich auch auf eine andere, konkrete Weise auf die Gastronomie oder das Geschäftsleben im Allgemeinen übertragen. Der Küchenchef muss seinem Restaurant eine Philosophie geben, eine Geschichte, eine Persönlichkeit und einen gewissen Charakter. Das trifft natürlich auch auf die Gerichte selbst zu. Diesem klaren Profil muss er dann treu bleiben, sodass sich Mitarbeiter und Gäste darauf verlassen und sich daran orientieren können. Man muss jeden Tag daran arbeiten, dieses Profil mit Leben zu füllen und weiterzuentwickeln, damit es zeitgemäß bleibt. Es ist wie in vielen Bereichen: man muss sich ständig verändern, um das Erreichte bewahren zu können.

Ich will ein aktuelles Beispiel nennen. Heutzutage genügt es in der Spitzengastronomie nicht mehr, ein paar Mal im Jahr in den Tageszeitungen vorzukommen. Man wird als Koch oder als Restaurant nur wahrgenommen, wenn man sich professionell und regelmäßig in den sozialen Medien und Netzwerken bewegt. Dort hat man die Möglichkeit, auf aktuelle Ereignisse oder jahreszeitliche Angebote schnell zu reagieren und sich auch mit tollen Fotos zu präsentieren. (…)

Dieser Text stammt aus dem kürzlich erschienen Buch "Der beste Rat, den ich je bekam - Lebensrezepte von Spitzenköchen" von Frank Arnold. Der Schweizer Autor und Berater hat Spitzenköchinnen und -köchen aus dem deutschsprachigen Raum ihre persönlichen Erfolgstipps entlockt und in einem anregenden Band zusammengestellt. Eckart Witzigmann, Alfons Schuhbeck, Harald Wohlfahrt, Sven Elverfeld, Tanja Grandits, Douce Steiner und viele andere kommen darin zu Wort. Das Buch hat 288 Seiten, ist erschienen bei Hanser und kostet 16 Euro.

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