Meinung: Sophie Lehmann: "Wir glauben an die ...
Meinung

Sophie Lehmann: "Wir glauben an die Revolution im Alltag"

Restaurant
Duo: Sophie Lehmann und Thomas Imbusch
Duo: Sophie Lehmann und Thomas Imbusch

Gemeinsam mit Spitzenkoch Thomas Imbusch leitet Lehmann das Hamburger Restaurant 100/200. In einem Meinungsbeitrag, der auch auf Facebook erschien, mahnt sie echte Gleichberechtigung an.

Heute möchten wir darüber sprechen, wie es ist, wenn 2021 zwei Menschen ein Unternehmen führen. Vermeintlich gleichberechtigt. Weil wir gemerkt haben, dass es nach wie vor unglaublich wichtig ist, insbesondere über das tägliche Miteinander und Umgangsformen zu sprechen – nicht nur zu Hause am Küchentisch. Erlauben Sie uns also, einige Worte über Chancengleichheit und Wahrnehmung zu verlieren, ohne Anspruch an politische Korrektheit und Vollständigkeit.

Es gibt viele Handlungsfelder

Dass wir in der Gastronomie - angefangen beim generellen Lohnniveau bis hin zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf - noch viele Themen haben, welche wir angehen müssen, steht für uns außer Frage. Und ein bedeutender Schritt (besonders in der Spitzengastronomie) ist sicher, dass wir mehr Wertschätzung für die Gastgeber brauchen, ohne die kein Besuch in einem Restaurant möglich wäre.

Wenn man aber glaubt, dass der ausgezeichnete Küchenchef neben dem Leiten einer Küche, dem Ausbilden, dem Kreieren neuer Gerichte und dem Einkauf beim Erzeuger jede Reservierung persönlich bearbeitet, selbstverständlich auf allen Kanälen jederzeit erreichbar ist und allgemein alle Ideen von ihm stammen, mag man das unter gewissen Aspekten noch charmant-illusorisch finden. Jeder Kollege wird aber bestätigen können: Die Realität sieht anders aus.

Romantisch oder sexistisch?

Aber wo handelt es sich, sagen wir mal, um eine romantische Sichtweise auf die Gastronomie - und wo beginnt stumpfer Sexismus? Eine Frage, die weniger abstrakt erscheint, wenn man sich ins Gedächtnis ruft, dass die meistens Küchenchefs und Unternehmer in unserer Branche männlich sind.

Und nun führen wir diese Betrachtung auf einer anderen Ebene weiter: Denn wenn Kommunikationen unterschiedlichster Art von Gesprächspartnern aller Art in erschreckender Regelmäßigkeit vorzugsweise mit nur einem der beiden Unternehmer/Gastgeber/Ansprechpartner geführt werden, ist dies verstörend. Sie werden nicht überrascht sein, das dies so gut wie immer der Mann ist. Und es geht noch absonderlicher: Zuweilen wird mitten im Gespräch der Ansprechpartner gewechselt, die Fragen des Gastes, Kunden oder Lieferanten gehen dann an den eigentlich nicht beteiligten, männlichen Kollegen.

Krasse Gesprächssituationen

Stellen Sie sich vor: Sie besprechen ein Projekt in Ihrem jeweiligen beruflichen Bereich und Ihr Gegenüber wendet sich auf einmal einem Kollegen zu, der in Ihrer konkreten Situation nichts mit dem Thema zu tun hat, der aber als Mann natürlich per se der bessere Ansprechpartner ist. Vollkommen absurd? Und leider doch die Realität.

Und nun? Ich und wir wollen uns nicht beklagen. Wir ziehen lieber eine Konsequenz: Wir werden solche Gespräche in Zukunft nicht fortsetzen sondern die Reißleine ziehen. Ohne Groll und Gram. Weil es irgendwo beginnen muss. Und wir glauben an die Revolution im Alltag. An die kleinen, stetigen Dinge.

Zwei Menschen - und ein ganzes Team

Denn wer glaubt, dass in einer Firma, die von zwei Menschen geführt wird und zu der ein ganzes Team gehört, die Kompetenz nur bei einem liegt, sollte in Zukunft akzeptieren, dass dem nicht so ist. Und wer das nicht akzeptieren kann, der darf sich gern andere Gesprächspartner suchen.

Und ansonsten freuen wir uns auf eine Zukunft, in der jeder Mensch das machen darf, was er am besten kann. Das heißt bei uns zum Beispiel: Manchmal werden Sie mit uns beiden sprechen, manchmal aber nur mit einem von uns. Einfach, weil es so richtig ist. Und glauben Sie uns, wir haben als Unternehmer, als Gastgeber und als Menschen ein wirkliches Interesse daran, alle Dinge möglichst charmant, kompetent und korrekt zu tun. Deswegen wird dieses Unternehmen auch von zwei Menschen geleitet…

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