Meinung: "Die Gastronomie ist viel, viel mehr...
Meinung

"Die Gastronomie ist viel, viel mehr"

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Lothar Eiermann: Früherer Spitzenkoch und Hoteldirektor
Lothar Eiermann: Früherer Spitzenkoch und Hoteldirektor

Lothar Eiermann, langjähriger Patron und Küchenchef im Wald- und Schlosshotel Friedrichsruhe, hat darüber nachgedacht, was Corona der Branche und der gesamten Gesellschaft angetan hat.

Was für ein Schicksalsschlag für unser Gewerbe! Dieser zeigte aber auch deutlich, wie sehr viele Betriebe schon vorher sehr zu kämpfen hatten, oft ortsbedingt, oft aber auch den mangelnden kaufmännischen Kenntnissen geschuldet. Aber auch den gut geführten Betrieben wurden hohe Belastungen durch die langen Lockdowns abverlangt.

In diesem Zusammenhang muss man dem Dehoga für seinen Kampf für Ausgleichszahlungen, Überbrückungshilfen und anderen Entschädigungen ein großes Kompliment machen. Guido Zöllick und Ingrid Hartges haben einen enormen Stress auf sich geladen, und tun es immer noch, um zum materiellen Ausgleich, zumindest annähernd zu kommen. Das ist - wie gesagt - eine enorme Leistung.


Nur eines vermisse ich dabei, die Gastronomie ist innerhalb unserer Gesellschaft sehr viel mehr, als die meisten Politiker es sehen: Die Schaubühnen, Theater, Kinos, Museen und Orchester oder Kleinkünstler haben es zumindest in der Öffentlichkeit geschafft, dass sie nicht nur finanzielle Unterstützung vom Staat in dieser Pandemie erwarten, sondern sie haben es in unzähligen Beiträgen geschafft, zu Recht zu artikulieren, dass Kultur ein wesentliches Lebensmittel für das Wichtigste im Menschen, nämlich eine gesunde Seele ist.

Und dieser Aspekt kommt mir, gerade unser Gewerbe der Gastronomie betreffend, total zu kurz. Denn auch wir Gastronomen in ganz unterschiedlichen Variationen, haben einen sehr hohen Anteil daran, dass eine Gesellschaft insgesamt gesund ist. Das betrifft das Ein-Mann-Bistro, wie zum Beispiel das Hamballe nahe meinem Wohnort, die vielen Landhotels oder Gaststuben, ja auch die sogenannte Sternegastronomie.

Jeder dieser Betriebe hat eine persönliche Kultur, und wenn ich mal zurückdenke, als wir nur mit Küche und Service an einem Abend 70 bis 80 Menschen glücklich gemacht haben, und mir vor einigen Monaten bei Douce Steiner - als alles noch offen war - in Sulzburg ein unvergleichliches Gesamtkunstwerk präsentiert wurde, dann weiß ich nicht, warum man so etwas nicht unter Kunst einordnet.

Und das ist das, was ich dem fleißigen Dehoga vorwerfe: In der Außendarstellung geht es immer nur um das Materielle - wichtig genug - aber die Gastronomie ist viel, viel mehr.

Vor vielen Jahren schon, bei einem Vortrag vor Wirtschaftsführern, habe ich betont, dass unsere Gesellschaft mindestens das Dreifache an Psychiatern bräuchte, gäbe es die vielseitige Gastronomie nicht. Alarmierende Zahlen von Gewalt in den Haushalten, zunehmende Engpässe in den sogenannten Frauenhäusern und andere Ausschreitungen sprechen eine deutliche Sprache, obwohl da natürlich noch andere Komponenten dazukommen, wie Schulschließungen und Homeoffice.

Nach der Pandemie - vielleicht schon ab Juni - aber egal, da gibt es doch nur eines:
Dafür kämpfen, dass:

- die Mehrwertsteuer von 7 Prozent auf Speisen definitiv bleiben beziehungsweise für Getränke eingeführt werden muss

- ein großer Teil dieser Entlastung an die Mitarbeiter gezahlt werden soll. 

- die Preise insgesamt für die Restaurantgastronomie, in allen Bereichen, auch bei den sogenannten Tagesessen, um 30 Prozent angehoben werden müssen, 2 und 3 Sterne vielleicht ausgenommen.

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