Porträt: Uli Brandl: Der Tatkräftige
Porträt

Uli Brandl: Der Tatkräftige

Dirk Roth
Uli Brandl: „Wer Qualität liefert, kann auch gute Preise verlangen“
Uli Brandl: „Wer Qualität liefert, kann auch gute Preise verlangen“

Ich sehe mich als offensiven Unternehmer.“ Das antwortet Uli Brandl auf die Frage nach seinem beruflichen Selbstverständnis. Für den Allgäuer bedeutet das: „In erster Linie gehe ich immer nach vorne!“

Damit hat er Erfolg: In Sonthofen gehört ihm das Szenelokal ’s handwerk und in Bühl am Alpsee das Strandrestaurant Seemanns. Mit beiden Betrieben erwirtschaftet der Gastronom einen Jahresumsatz von 2 Mio. Euro und beschäftigt zurzeit rund 50 Mitarbeiter.

Seine Erfolgsformel ist aber nicht nur das Anpacken. Brandl kalkuliert genau und durchaus selbstbewusst, er weiß, welchen Preis seine Gäste zu zahlen bereit sind. Ein beherztes Marketing betrachtet er dabei als Investment. Das bringe die Nachfrage auf Touren.

„Ein hoher Umsatz verträgt auch hohe Kosten“, weiß Brandl, der um gute Ideen nicht verlegen ist: Im letzten Coronawinter eröffnete er am ’s handwerk eine Winterterrasse mit beheizten Gewächshäusern zum Sitzen, Heizpilzen, Wolldecken und Feuerstellen. Ein roter Teppich leitete die Gäste nicht nur originell, sondern auch coronakonform ins Lokal und auf die Terrasse. Das kam gut an. Fazit: „Man kann auch abgefahrene Wege gehen, um ein Alleinstellungsmerkmal zu kreieren.“

BWL-Studium und Gastro-Jobs

Brandl weiß: „Wer Qualität liefert, kann auch gute Preise verlangen.“ Das passt für ihn auch zur gesamtgesellschaftlichen Stimmungslage nach zwei Jahren mit Corona: „Die Menschen wollen am Leben teilnehmen und sind bereit, dafür Geld auszugeben.“

Bei allem Erfolg ist Brandl kein klassischer Gastronom, sondern eher ein Seiteneinsteiger. Studiert hat er Betriebswirtschaftslehre in München. Parallel dazu sammelte er laufend praktische Erfahrung in der Gastronomie: „Vom ersten Tag an hab ich immer in Lokalen gearbeitet, um mein Studium zu finanzieren“, erzählt Brandl, Jahrgang 1973. Hat er nie überlegt, eine gastronomische Ausbildung oder ein Studium anzuhängen? Eine Ausbildung zum Koch hätte Brandl gern gemacht, aber: „Es war immer zu viel los im Leben“, sagt er und schmunzelt. Zum Beispiel an seiner ersten Arbeitsstelle in der Personalabteilung eines Münchener Modeunternehmens oder nach dem Stellenwechsel zu einem Headhunter.

Jedenfalls war es für den Macher Brandl von dort aus nur noch ein kleiner Schritt in die berufliche Selbständigkeit. In Oberstdorf eröffnete er gemeinsam mit zwei Kompagnons ein Café. Das bedeutete für ihn auch, zurück in die Heimat zu gehen, denn in Oberstdorf ist Brandl aufgewachsen. Dann kam ziemlich schnell eines zum anderen: Zusammen mit seinen Partnern gründete er in Bühl am Alpsee das Strandcafé und kaufte dort auch gleich ein benachbartes Grundstück mit Badekiosk.
„Mein Gesamtkonzept ist die Diversifizierung.“
Uli Brandl

Uli Brandl hat viele Ideen und mindestens ebenso viel Energie, um diese Ideen umzusetzen. Deshalb eröffnete er vor sechs Jahren im Zentrum von Sonthofen das Szenelokal ’s handwerk. Das Konzept: Jung, trendig, rustikale Speisen und Craft-Biere im Fokus. In Sachen Marktakzeptanz bleiben keine Wünsche offen: Das Lokal ist allabendlich komplett gefüllt und mittags gut gebucht.

Als dieser Betrieb lief, machte sich Brandl an die Konzeptionierung und den Bau des Seemanns, ebenfalls in Bühl am Alpsee und damit keine 20 Kilometer von Sonthofen entfernt. Dafür verwendete er das Grundstück, auf dem der ehemalige Badekiosk stand. Das neue Ausflugslokal liegt direkt am Seeufer in klassischer Schönwetter-Ausflugslage.

Die Mitarbeiter sind trotz Krise geblieben

Damit hat der Gastronom zwei komplett verschiedene Betriebe mit unterschiedlichen Zielgruppen. „Ich habe mich für zwei sehr gute Lagen entschieden“, so Brandl. Die Idee dahinter: „Es sind sich ergänzende Konzepte. Mein Gesamtkonzept ist die Diversifizierung“, erläutert der Betriebswirt. Ist dieser Angang erfolgreich? „Die Richtigkeit hat sich über viele Jahre bewiesen“, berichtet Brandl. Das zeige sich auch beim Problemthema Personal. Während der Coronakrise sind die Mitarbeiter nicht abgewandert, sondern geblieben.

Trotz dieser Erfolgsbilanz ist Brandl bodenständig und pragmatisch geblieben. Ein üblicher Arbeitstag beginnt mit Buchhaltung und damit, in den Betrieben nach dem Rechten zu sehen. Am Nachmittag ist Family Time, wie Brandl sagt. Er verbringt ihn mit seiner sechsjährigen Tochter. Abends ist er wieder in den Betrieben. Seine Lieblingstätigkeit ist die Gästebetreuung. „Deshalb hab ich diesen Beruf gewählt“, erklärt er. Das macht ihm nicht nur Freude, sondern ist auch nützlich. „Wichtige Dinge erfährt man nur, wenn man von Tisch zu Tisch geht und feinfühlig nachfragt“, weiß Brandl.

Aber auch seine Mitarbeiter schätzen es, wenn der Chef da ist. Sein Führungsstil basiere auf Laissez-faire und einem menschlicher Umgang auf Augenhöhe. Was er gut kann: schlichten und moderieren, falls es Unstimmigkeiten gibt. Die Balance zu halten zwischen Führungsstärke und Menschlichkeit ist eine Herausforderung für ihn, der man sich als Führungskraft unausweichlich stellen muss, wie Brandl meint. Das fällt ihm nicht ganz leicht, muss aber sein, „Sonst gibt es langfristig Probleme.“

Führungsstärke und Menschlichkeit

Mit den Sozialleistungen ist es einfacher: Es gibt Firmenautos, kostenfreies Essen, zwei kostenlose Wohnungen für Mitarbeiter von außerhalb und Sommerurlaub für Beschäftigte mit Kindern. All das ist dem Familienmensch Brandl sehr wichtig. Die Einhaltung der Arbeitszeiten spielt dabei eine wesentliche Rolle. Was liegt ihm besonders am gastronomischen Herzen? „Wenn meine Lokale geöffnet sind, schaltet mein Bauchgefühl auf grün“, sagt Brandl und lacht.

Für ihn ist das fast gegenläufig zum Trend in der Gastronomie. Viele Berufskollegen machten immer mehr Ruhetage und längere Urlaube. „Hier geht ein Riss durch die Gastronomie: Die einen müssen Reservierungen ablehnen, die anderen haben viele leere Plätze.“ Die Branche sei dabei, sich aufzuspalten. Brandl aber bleibt Optimist: „Ich rate jedem, nach vorne zu gehen und nicht die defensive Rolle einzunehmen.“

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