Online-Marketing: Wirbel um gekaufte "Gefällt...
Online-Marketing

Wirbel um gekaufte "Gefällt mir"-Angaben

Die Mehrzahl der betroffenen Fanseiten- und Youtube-Kanäle gehört kleinen und mittelständischen Unternehmen, darunter offenbar auch Betriebe des Gastgewerbes.

HAMBURG. Knapp 90.000 Fanseiten in sozialen Netzwerken haben von bezahlten "Gefällt mir"-Angaben profitiert. Das haben NDR, WDR und die Süddeutsche Zeitung herausgefunden.

Betroffen sind demnach die Seiten von Politikern, Parteien, Unternehmen und Prominenten bei Facebook, Instagram, Google und Youtube. Aus dem Datensatz geht jedoch nicht hervor, wie viele Likes gekauft wurden und wer das getan hat - ob die Seiteninhaber selbst oder Dritte.

Die Mehrzahl der betroffenen Fanseiten- und Youtube-Kanäle gehören kleinen und mittelständischen Unternehmen, darunter offenbar auch Betriebe des Gastgewerbes. In der Pressemtteilung des NDR ist die Rede von "Fastfood-Restaurants, einer Autohausgruppe, einem Kinderwunschzentrum oder einem Singlebörsen-Vergleich". Hinzu kämen sogenannte Influencer, die mit der Präsentation von Produkten bei Youtube oder Instagram Geld verdienen.

Die meisten der von den drei Medien Angefragten sagten, sie könnten sich die meist hundertfachen Likes-Käufe über mehrere Jahre hinweg nicht erklären. Nur wenige räumten eine Manipulation ein.

Das Unternehmen Paidlikes erklärte, es schlage seinen Clickworkern gelegentlich auch bestimmte Seiten zum Liken vor, ohne dass die Seiteninhaber davon wussten oder diese dafür gezahlt haben.

Verstoß gegen das Wettbewerbsrecht

Die auf Onlinerecht spezialisierte Rechtsanwältin Scarlett Lüning sieht in den Likes-Käufen von Unternehmen und Influencern einen möglichen Verstoß gegen das Wettbewerbsrecht. Damit suggeriere man Beliebtheit und Qualität, die nicht gegeben sei. Sie spricht von Irreführung. Der Kunde gehe davon aus, dass das Produkt besser sei, als es tatsächlich ist. 

Tobias Schmid, Direktor der Landesmedienanstalt Nordrhein-Westfalen, kritisiert den Kauf von "Gefällt mir"-Angaben vor allem durch Politiker: Man versuche so auf die allgemeine Meinungsbildung Einfluss zu nehmen. Auch er sprach von Irreführung. Mit dem Like-Kauf werde die Meinung im öffentlichen Raum manipuliert.

Ein Facebook-Sprecher sagte: "Wenn wir Anbieter und Accounts identifizieren, die anbieten, durch unechte Likes, Kommentare und Abonnenten die Popularität eines Accounts oder Profils zu vergrößern, entfernen wir diese." Facebook habe deshalb nach dem Eingang der Anfrage von NDR, WDR und Süddeutscher Zeitung der Firma Paidlikes vorerst die technische Möglichkeit genommen, ihr Geschäftsmodell weiter zu betreiben.

Ein Sprecher von Google sagte mit Hinblick auf das zum Konzern gehörende Video-Portal Youtube, man investiere weiterhin in Technologien, um die künstliche Aufblähung der Reichweite eines Videos zu verhindern.

Dass es gekaufte Bewertungen gibt, ist bekannt; nicht bekannt war bislang jedoch, wer genau davon profitiert. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der Ruhr-Universität Bochum konnten die Daten eines der größten Anbieter für manipulierte Bewertungen, der Magdeburger Firma Paidlikes, auslesen, weil die Seite offenbar nachlässig programmiert war.

Das Unternehmen vermittelt Fanseiten im Auftrag seiner Kunden an sogenannte Clickworker, Internetnutzer vorwiegend aus Deutschland, die gegen Zahlung von Cent-Beträgen "Gefällt mir"-Angaben vergeben. Paidlikes gibt an, seit 2012 mehr als drei Millionen davon verkauft zu haben.

Das Magdeburger Unternehmen widersprach in einer Stellungnahme allen Vorwürfen. Man sehe bei Paidlikes in der Sehnsucht nach Ruhm im Netz ein legales und legitimes Geschäftsmodell. Den Vorwurf des Betruges könne man nicht nachvollziehen. "Der nachhaltige Aufbau von neuen Fans, Followern oder Reichweite ist nicht als unlauter zu werten, da die Vergabe von sozialen Interaktionen auf Freiwilligkeit beruht", so die Stellungnahme des Unternehmens. Auch wenn die Clickworker bezahlt werden, würde niemand gezwungen, bestimmte Seiten zu liken: "Möchten sie aufgrund des dargebotenen Inhalts keine Interaktion abgeben, so können sie die Kampagne ausblenden."

Über dieses Thema berichtet auch das ARD-Politmagazin "Panorama" am Donnerstag, 19. Dezember, ab 21.45 Uhr im Ersten.

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