Zwischenruf: Was bleibt?
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Was bleibt?

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Boris Tomic: "Wäre die Lage nicht so ernst, man könnte daraus das Regiebuch für eine Seifenoper schreiben"
Boris Tomic: "Wäre die Lage nicht so ernst, man könnte daraus das Regiebuch für eine Seifenoper schreiben"

Das Agieren der aktuellen Regierung im Klein-Klein ist für foodservice-Chefredakteur Boris Tomic ein Armutszeugnis der Politik - doch es gibt auch Hoffnung.

Es bleiben Wunden. Große und tiefe Wunden, die existenzbedrohend sind. Die Ignoranz der Politik gegenüber der Gastgeberbranche – ob Hotels oder Restaurants – ist bezeichnend. Und sie ist desillusionierend.

Mit keinem Wort wird auf die vorgelegten Öffnungskonzepte, egal ob sie vom Dehoga, dem Leaders Club oder anderen renommierten Zusammenschlüssen der Branche kommen, eingegangen. 100 Milliarden Umsatz und über zwei Millionen Arbeitsplätze allein bei den Gastros scheinen der Politik nicht ausreichend zu sein, um sich um deren Belange zu kümmern.

Die ganze Absurdität des politischen Handelns wird offenbar, wenn man sich die Öffnungspläne für die Frisöre anschaut, die heute starten dürfen. Klar, ein Volk frustrierten Deutschen ist nicht gut im Zaum zu halten vor der anstehenden Bundestagswahl. Man dachte sich wohl, dann sollten diese nicht auch noch verzottelt aussehen und gab wohl so den Frisören grünes Licht.

Wäre die Lage nicht so ernst, man könnte daraus das Regiebuch für eine Seifenoper schreiben. Nicht falsch verstehen, es sei den Frisören gegönnt, dass sie öffnen dürfen. Rund sechs Milliarden Euro steuert das Business der Haarkünstler dem deutschen Bruttosozialprodukt bei. Keine wirklich große Summe im Vergleich zu den Gastgebern. Doch das trifft nicht den Kern.

Der Kern ist die Unfähigkeit der deutschen Politik, sich differenziert und detailliert mit den Begebenheiten von einzelnen Branchen auseinander zu setzen. Es wurde von der Gastronomie alles geliefert, was gefordert war. Ausgefeilte Hygienekonzepte, achtfacher Luftaustausch inklusive. Nur werden diese nicht genutzt, die Räume sind faktisch mit einem Arbeitsverbot versehen.

Sie können nicht genutzt werden, weil die Kanzlerin und ihre Recken eben nicht alles geliefert haben, was sie versprochen haben und was sie dem Volk schuldig sind. Abgesehen von den nur zögerlich eintreffenden finanziellen Hilfen, fehlt eine übergreifende Strategie zur Rückkehr in ein geordnetes soziales Leben. Und dazu gehört eine Perspektive für den gesellschaftlichen Kitt, den Restaurantbesuche darstellen. Das überhastete Agieren im Klein-Klein dokumentiert das Armutszeugnis der aktuellen Regierung.

Das nächste organisatorische Desaster wartet um die Ecke und hört auf den Namen Schnelltest. Der Gesundheitsminister kündigt für den heutigen 1. März flächendeckende Tests an – und muss zurückrudern, da dann plötzlich doch erst nochmal die Zulassung geprüft werden muss. Die Kanzlerin fordert medienwirksam eine „Strategie zum Anwenden von Schnelltests“. Ob sie wohl nicht weiß, dass diese Art von Tests bereits seit März des vergangenen Jahres in Schweden eingesetzt werden?

Was aber bleibt neben den erwähnten tiefen Wunden und dem Eindruck der Regierungs-Kakophonie noch? Es bleibt auch Hoffnung. Und Gemeinschaftssinn. Es bleibt eine bislang ungeahnte Einigkeit einer Branche, die es zu bewahren gilt.

Mit einem 4. Brandbrief hat sich der Gastgeberkreis, ein neuer Zusammenschluss von über 100 Gastronomen aus dem gesamten Gebiet der Republik, an die Kanzlerin und die Ministerpräsidenten gewendet. Ihr dringender Appell: Restaurants sind ein sicherer Ort und müssen gemeinsam mit dem Handel wieder öffnen. Die Hygienekonzepte der Restaurants sind ausgefeilt und haben sich bewährt. Und weiter: Für über zwei Millionen Mitarbeiter ist es ein Gebot der Fairness, jetzt wieder starten zu dürfen. Für die Menschen in Deutschland wäre dieser Start es ein wichtiges Signal zurück zur Normalität.

Was also auch bleibt, ist der ungebrochene Wille einer Branche, sich Gehör zu verschaffen. Und das ist gut so!

Dieser Text erschien zuerst auf www.food-service.de.

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