Hoteldesign: Experimentierfeld Badezimmer
Hoteldesign

Experimentierfeld Badezimmer

7132 House of Architects
Kokon aus Eichenholz: Einige Zimmer im 7132 House of Architects in Vals hat der japanische Architekt Kengo Kuma gestaltet. Das Badezimmer ist integraler Bestandteil des Interiordesigns.
Kokon aus Eichenholz: Einige Zimmer im 7132 House of Architects in Vals hat der japanische Architekt Kengo Kuma gestaltet. Das Badezimmer ist integraler Bestandteil des Interiordesigns.

Ort der Hygiene, Kontemplation und Entspannung: Das Hotelbad ist heute ein Multitasker. Außerdem eine Spielwiese für gute Gestaltung und Technik.

STUTTGART. Das Badezimmer ist eine Herausforderung – in funktionaler, technischer und ästhetischer Hinsicht. Hier kristallisieren sich kulturelle Normen, gesellschaftliche Trends und persönliche Vorlieben. Seit jeher ist das Hotel ein Experimentierfeld für Architekten und Designer, auch weil Renovierungsintervalle weitaus kürzer sind als im Privatbereich. Deshalb kann kurzerhand ausprobiert werden, was zeitversetzt dann zu uns nach Hause kommt – ein Badezimmer, das sich zum Schlafraum öffnet, beispielsweise. Werden beide Räume eins, verändert sich die Gestaltung: Der Raum wird wohnlicher, was sich an Sanitärobjekten, Armaturen, Möbeln, Materialien und Farben zeigt. Oder aber kompakte Bäder, die gerade in Stadthotels – wo oft im Bestand gebaut wird – gefragt und bei zunehmenden Quadratmeterpreisen auch vermehrt in Privathaushalten anzutreffen sind. Hier setzen Designer auf praktische Lösungen wie multifunktionale Möbel und platzsparende Regenduschen, ohne jedoch den ästhetischen Aspekt aus dem Blick zu verlieren.

Die antiseptische Nasszelle jedenfalls will heute niemand mehr. Im Gegenteil: Das Badezimmer wird zum Statussymbol, Erlebnisort und Distinktionsraum, mit dem man guten Geschmack und Zeitgeistigkeit demonstriert. Dabei wünschen sich die meisten Nutzer einen Rückzugsort, wo man entschleunigen und gleichzeitig etwas für die Gesundheit tun kann.

Mehr Wohnlichkeit



Grenzenlos: In designaffinen Hotels wird das Bad zunehmend in den Schlafraum integriert - wie hier in der Villa Verde im südtirolerischen Algund.
Tiberio Sorvillo
Grenzenlos: In designaffinen Hotels wird das Bad zunehmend in den Schlafraum integriert - wie hier in der Villa Verde im südtirolerischen Algund.


Dass ursprünglich fest zugewiesene Raumfunktionen verschwimmen, ist im Hoteldesign gerade überall zu sehen. Die Lobby beispielsweise ist längst nicht mehr nur ein Ort zum Warten und zum Check-in, sondern Bar und Restaurant zugleich. Hier sind Aufenthaltsqualität und Verweildauer ?frappant gestiegen, ebenso wie im Hotelbadezimmer. Seit einigen Jahren schon rückt es in den Wohnraum vor, sodass Waschbecken, Dusche und Badewanne wie im Placid Hotel in Zürich und in der Villa Verde in Algund mehr oder weniger mitten im Raum stehen, während nur noch das WC separat untergebracht ist.

Für die Gestaltung heißt der Floating Space vor allem aber: mehr Wohnlichkeit – in Form von Materialien, Texturen, Farben und Mustern. Katrin Rüfenacht, General Manager vom 7132 Hotel in Vals, sagt, dass sich das Hotelbad von einem Funktionsbad zu einem luxuriösen Wohnraum entwickelt hat: „Bei der Gestaltung der neuen Bäder haben wir bewusst nicht an Fläche gespart. Die Badezimmer in unseren Spa -Deluxe-Zimmern und Spa-Suiten sind großzügige Private-Spa-Räume auf 30 Quadratmetern“ und sie ergänzt, dass „das Bad auch ein maßgeblicher Faktor für die Aufenthaltsqualität und Zufriedenheit des Gastes“ ist. Doch egal ob ausufernder Wellness-Tempel oder Kompaktklasse: Ein Hotelbad sollte vor allem die Sinne ansprechen, sagt Andreas Neudahm, der als Designer für Kunden wie Leonardo Hotels arbeitet: „Dazu zählen Faktoren wie etwa ein angenehmer Duft, eine ruhige Atmosphäre, ein schmeichelhaftes Licht, eine funktionale Ablage oder auch die Farbgestaltung.“ Damit der Open Space visuell stimmig wirkt, bietet es sich an, die verschiedenen Funktionsbereiche einheitlich zu gestalten – das betrifft Möbel, Leuchten, Sanitärobjekte, Armaturen, Materialien und Farben.

Loft Style: Mittermeiers Alter Ego in Rothenburg ob der Tauber war einmal eine Fabrikantenvilla. Im Mittelpunkt des Hotelzimmers: ein offenes Bad mit einer Stahlemail-Badewanne von Bette.
Bette
Loft Style: Mittermeiers Alter Ego in Rothenburg ob der Tauber war einmal eine Fabrikantenvilla. Im Mittelpunkt des Hotelzimmers: ein offenes Bad mit einer Stahlemail-Badewanne von Bette.

Es mangelt an Emotionen



Parallel zu den Tendenzen im Interiordesign zeichnen sich im Hotelwohnbad, vereinfacht gesagt, derzeit zwei gestalterische Richtungen ab: auf der einen Seite ein lässiger Scandi-Style, der natürliche Materialien wie Holz, Naturstein, Glas und Kupfer mit einer Palette von Pastell- und Erdtönen sowie haptisch interessanten Oberflächen kombiniert – so wie im Rooms Hotel in Kohkta. Oder aber ein Glamour-Look mit Wow-Effekt, der sich ausdrückt in der Verwendung wertvoller Materialien wie Marmor, geschliffenem Glas und Armaturen aus Messing. Kein Glanz und Glitter, doch spektakulär und zugleich zeitlos ist der Kontrast von Schwarz und Weiß – wie die Badezimmer im Hotel K7 in Bad Nauheim und in Mittermeiers Alter Ego in Rothenburg ob der Tauber zeigen.

Und auch wenn es in Hotelbädern manchmal an funktionalen Basics wie ergonomisch positionierten Sanitärobjekten, einer guten Beleuchtung, genügend Abstellfläche oder einer Duschabtrennung, die keine Überschwemmung verursacht, mangelt – vor allem im oberen, meist designaffinen Sternesegment oder bei Kettenhotels sind die Bäder inzwischen technisch auf dem neuesten Stand und durchdacht gestaltet. Während in öffentlichen Bereichen vermehrt kontaktfreie Lösungen zum Einsatz kommen – darunter berührungslose Armaturen und Spülungen, Licht- und Musikkonzepte, finden sich im privaten Hotelbadezimmer ausgeklügelte Wellnesskonzepte, wie die Studie SSPS Suite von Sieger Design zeigt. Speziell für Hotelzimmer konzipiert, bringt sie auf nur acht Quadratmetern Fläche ein komplettes Spa mit digitaler Bedienung, Vertical- und Horizontal-Shower unter. „Spa-Anwendungen wie Dampfbäder oder Massagedüsen, Kneippschläuche und großzügige Kopfbrausen bringen Spa-Momente in den privaten Bereich des Zimmers und verschieben so den Fokus von den großen halböffentlichen Wellnesslandschaften hin zu der intimen Nutzung im Zimmerumfeld“, sagt Christian Sieger, CEO und Marketing Direktor von Sieger Design. Sieger sieht das Potenzial insbesondere bei Businesshotels: „In diesen Bädern mangelt es häufig an Emotionen.“

Klein, aber fein: K7 ist ein Boutiquehotel in Bad Nauheim, das zeigt, das auch kompakte Bäder schön sein können.
Bette
Klein, aber fein: K7 ist ein Boutiquehotel in Bad Nauheim, das zeigt, das auch kompakte Bäder schön sein können.

Eine Frage des Preises



Auch Dusch-WCs kommen verstärkt in Europa zum Einsatz, zum Beispiel im Hotel Goldener Hirsch in Salzburg und im L’Armancette in Haute-Savoie. Allerdings sind technische Innovationen oft eine Frage des Preises, sagt Christina Biasi-von Berg vom Südtiroler Architektur- und Designbüro Biquadra, die Interiors für Hotels wie Villa Verde in Algund und 1477 Reichhalter in Lana entworfen hat. Sie findet, dass sich auch mit wenigen Mitteln viel erreichen lässt. Über Funktionalität und gute Gestaltung lohnt es sich allemal nachzudenken. Schließlich halten sich Gäste im Bad eine ganze Weile auf – und zwar genau 49 Minuten am Tag. 

Text: Claudia Simone Hoff

Weitere Inspirationen zum Thema finden Sie auch im ahgz-Magazin hoteldesign am 19. Juni. 

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