Gastbeitrag: Andreas Koch: "Warum Nachhaltigk...
Gastbeitrag

Andreas Koch: "Warum Nachhaltigkeit ein Erfolgsmodell in der Krise und danach ist"

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Andreas Koch: "Der Tourismus hat alle Chancen, wirtschaftlich erfolgreich und attraktiv zu sein und gleichzeitig beispielhaft zu zeigen, wie Zukunft geht"
Andreas Koch: "Der Tourismus hat alle Chancen, wirtschaftlich erfolgreich und attraktiv zu sein und gleichzeitig beispielhaft zu zeigen, wie Zukunft geht"

Im August war der Berater Andreas Koch per Rad in Deutschland unterwegs. Vor Ort tauschte er sich mit Hoteliers und Gastronomen aus. Im ahgz-Beitrag schildert er nun konkrete Handlungsoptionen.

Was hat Corona verändert? Was führt den Tourismus in die Zukunft, was bleibt und was geht? Stärkt oder schwächt die Pandemie das Thema Nachhaltigkeit? Mit diesen Fragen bin ich im August quer durch Deutschland von Füssen nach Kiel geradelt und habe mich mit 50 Hoteliers, Gastronomen, Tourismusverantwortlichen und Zulieferern auf meiner Radtour für die Zukunft ausgetauscht.

Stefan Fredlmeier, Tourismusdirektor in Füssen, eröffnete die Tour mit dem Satz „Corona ist wie ein Brennglas auf die Herausforderungen, die wir vielfach vorher schon hatten“. Diese These zog sich durch alle Gespräche, denn Themen wie Besucherlenkung, Overtourismus, Klimaschutz oder auch sich ändernde Kundenerwartungen und Digitalisierung waren bereits vorher Herausforderungen. Nun kamen noch Punkte wie Hygiene, Kurzarbeit und das Krisenmanagement mit Kunden, Lieferanten und Banken hinzu.

Doch was sind die Chancen und Erfolgsmodelle in dieser von Corona geprägten Zeit? Meine Erkenntnisse fasse ich in diesen fünf Thesen zusammen:

Gemeinschaft & Austausch ermöglichen den Weg in die Zukunft

Ich habe mit vielen Betrieben gesprochen, die Dank eines gewachsenen Zusammenhaltes mit ihren Mitarbeitern, ihren Gästen aber auch den Zulieferern, gemeinschaftlich und gestärkt durch die Krise gegangen sind. Das ist sicher keine generelle Aussage, da es einige Regionen wie Städte, konferenzlastige Hotels oder Fernreiseanbieter besonders hart trifft, aber zumindest ein Trend, der mir aufgefallen ist.

Besonders berührt hat mich der Besuch im Ökodorf Schloss Tempelhof. Dort hat die Gemeinschaft eines der zukunftsfähigsten Gebäude Deutschlands erbaut. Das sogenannte Earthship kommt theoretisch ohne externe Ressourcen wie Wasser und Energie aus und wird großteils aus Recyclingstoffen wie Altreifen oder Glasflaschen erbaut. Das Besondere ist, dass die Erfahrungen beim Bau und Betrieb dieser Innovation mit den anderen weltweit 10.000 Ökodörfern offen und transparent geteilt werden. Ich habe mir dabei vorgestellt, wie es wäre, wenn Hotels und Regionen die besten Maßnahmen ohne Konkurrenzdenken teilen würden und so gemeinsam lernen, wie der Schutz unseres Planeten mit erfolgreichem Tourismus vereinbar ist. Das Konzept nennt sich Ko-Kreation und passt - wie ich finde - gut zum emotionalen Tourismus, der Menschen weltweit verbindet.

Tourismus kann Natur und Gemeinschaft erlebbar machen

Wegen der möglichen Ansteckungsrisiken ist es verständlich, dass es gerade einen Trend zu Individualität statt Masse gibt. Darüber hinaus sehnen sich Touristen in diesen turbulenten Zeiten nach Orten, die Kraft geben und Ruhe ausstrahlen. So ist es verständlich, dass solche Orte wie „destinature – die Natur wird zum Hotel“, die Bio Hotels, Eco-Campingplätze wie Stover Strand oder auch die sleeperoo Cubes, in denen ich mitten im Wald oder im Garten der Weissenburg übernachtet habe, gerade Rückenwind haben.

Ich sehe daher diese Krise auch als Chance, den Tourismus nicht nur als Auszeit von der anstrengenden Arbeit zu sehen, sondern als Wegweiser und Impulsgeber für die Gestaltung von attraktiven Zukunftsorten. Gerade jetzt sind Räume von Bedeutung, in denen wir wieder spüren, was wichtig ist. Wäre das nicht eine Vision, wenn der Tourismus Taktgeber und Leuchtturm für eine zukunftsfähigere, bessere Welt wäre, die alle mitgestalten: Reisende, Bereiste und Tourismusakteure. Für mich ist Corona ein Weckruf für die Welt und besonders den Tourismus, der von der Gesundheit der Menschen und des Planeten lebt.

Lieferanten als Dreh- und Angelpunkt in Sachen Nachhaltigkeit

Wenn wir eines sicher in der Krise gelernt haben, dann, dass alles mit allem zusammenhängt. Denn das, was in China passiert, betrifft uns und umgekehrt. Das ist eine der Herausforderungen der Globalisierung. Eine Schlussfolgerung daraus ist, auf lokale Kreisläufe und lokale, gesundheitsfördernde Produkte und Lieferanten zu setzen, um die Widerstandsfähigkeit und Zukunftsstabilität touristischer Regionen zu steigern. Das ist in der Coronazeit ein Gesellschaftstrend, der genauso für touristische Betriebe und Regionen gilt: Allen voran natürlich für unsere Lebensmittel, aber genauso für Reinigungsprodukte und im Grunde genommen für alle Zulieferer.

Gerade in der Krise hatten viele dieser Lieferanten Rückenwind. Sei es der Hotelier und Sternekoch Ulf Heeschen, der mit dem Fokus auf lokale Produkte mit dem Label Feinheimisch einen sehr erfolgreichen Abholservice mit Geling-Garantie anbietet, der erfolgreiche Biowinzer Roth oder der Holzradhersteller Myboo mit einem sozialen Geschäftsmodell. Das aktive Management von Lieferanten im Sinne der Gesundheit der Gäste, der Mitarbeiter und unseres Planeten, gewinnt stark an Bedeutung und bietet viele Chancen im Tourismus - auch für authentische Gästeerlebnisse.

Energieeffiziente Betriebe sind krisenresistenter und schützen das Klima

Noch 2019 waren die Fridays for Future Demonstrationen und das Thema Klimaschutz in aller Munde. Die Energieeffizienz eines touristischen Betriebes, welche direkt mit dem Klimaschutz zusammenhängt, gewann vor allem hinsichtlich der Kosten in der Krise an Bedeutung. Nach dem Wareneinsatz und den Personalkosten, rangieren die Kosten für Energie und Wasser oft auf Platz drei eines Hotels. Gerade während des Lockdowns und bei niedrigeren Belegungen kam daher oft die Frage auf, wie man diese Kosten minimieren könne.

Als Berater waren wir froh und gefragt, unsere Expertise und vor allem die 80 Prozent Förderung für Energieberatungen bei kleinen und mittelständischen Hotels anzubieten. Zwar gab es diese Förderung auch schon vor Corona, aber in der Krise haben viele Hotels die ruhigere Zeit genutzt, um ihre Energie- und Wasserkosten einmal unter die Lupe zu nehmen. Erfahrungen zeigen, dass Hotels so durchschnittlich 15 Prozent im ersten Jahr und 30 Prozent ihrer gesamten Energie- und Wasserkosten einsparen können. Fairerweise muss erwähnt werden, dass höhere Einsparungen oftmals mit Investitionen in effizientere Technologien wie neue Pumpen oder auch eine neue Heizung verbunden sind - die 15 Prozent Einsparungen sind allerdings in nahezu allen Hotels im ersten Jahr amortisiert.

Wir benötigen neue Formen der Bilanzierung, Transparenz und Ehrlichkeit

Der frühere US-Präsident Robert F. Kennedy soll einmal gesagt haben: "Das Bruttoinlandsprodukt misst alles – außer dem, was das Leben lebenswert macht." Dem Beispiel des Himalaya- Staates Bhutan folgend, erarbeiten Länder wie Neuseeland, Schottland oder Island gerade neue Bewertungsformen, wie Fortschritt besser gemessen werden kann. Der World Happiness Index ist zum Beispiel ein solcher Ansatz. Was sind denn eigentlich Messgrößen für einen erfolgreichen Tourismus? Gerade diese Frage kam während des Ansturms auf viele Regionen wie die Küsten Deutschlands nach dem Lock Down hoch. Bettina Bunge, Touristikchefin Schleswig-Holsteins, thematisierte in unserem Gespräch etwa  folgende Frage: „Wie ist die Balance zwischen den Bewohnern, den Besuchern und den Unternehmern“.

Dafür benötigen wir aus meiner Sicht bessere Indikatoren und neue Ziele. Eine Pilotgruppe der Bio Hotels, bei der auch die Präsidentin Rica Friedl dabei ist, testet zum Beispiel eine neue Bilanzierungsmethode und erstellte je Hotel eine Gemeinwohl-Bilanz. Sicher ein guter und innovativer Ansatz, um von der konventionellen Betrachtung der Finanzen und der Gästezufriedenheit zu einer ganzheitlichen Bewertung der Zufriedenheit aller Beteiligten wie Mitarbeiter, Regionen, Zulieferer und der Einheimischen zu kommen.

Mir persönlich geben alle diese Beispiele Hoffnung, dass der Tourismus sich erholt und beides sein kann: Revitalisierer für uns alle und Impulsgeber für eine Welt, die zukunftsfähiger, resilienter und gesünder ist für alle Beteiligten. Ich freue mich darauf, diesen Weg mit meiner Beratungsfirma Bluecontec mitgestalten zu können und spüre nach meiner Radtour und den Gesprächen, dass Nachhaltigkeit viel mehr als ein Konzept ist: Es ist eine Einstellung, eine Art zu leben und Unternehmen zu führen, die Sinn macht, die uns erfolgreich in die Post-Corona-Zeit führt. Der Tourismus hat alle Chancen, damit wirtschaftlich erfolgreich und attraktiv zu sein und gleichzeitig beispielhaft zu zeigen, wie Zukunft geht – in der Region, im Hotel, im Restaurant und nicht zuletzt für den Mensch.

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