Corona-Exit: Bad Füssing: Schwacher Start, st...
Corona-Exit

Bad Füssing: Schwacher Start, starker Sommer in Sicht

Johannesbad Hotels
Ralf Müller: Unter normalen Umständen sind um diese Jahreszeit täglich rund 2.500 Besucher in der Johannesbad Therme. Seit dem 8. Juni können 1.000 Personen täglich die Johannesbad Therme genießen.
Ralf Müller: Unter normalen Umständen sind um diese Jahreszeit täglich rund 2.500 Besucher in der Johannesbad Therme. Seit dem 8. Juni können 1.000 Personen täglich die Johannesbad Therme genießen.

Schöne Begegnungen, ernüchternde Bilanz. So beschreibt der Chef der Johannesbad Hotels in Bad Füssing, Ralf Müller, seine Erfahrungen zur Wiedereröffnung.

BAD FÜSSING. Seit gestern dürfen die Außenbereiche der Thermen in Bayern wieder Gäste empfangen. Jedoch sind die Hotels in Bad Füssing auf die komplette Öffnung der Bäderlandschaften angewiesen. So läuft der Juni dort sehr verhalten an, für August ist bei den Johannesbad Hotels aber ein spürbarer Aufschwung absehbar.

Ralf Müller, seit Pfingsten dürfen die Hotels auch in Bayern wieder für touristische Gäste öffnen. Wie war die erste Woche?

Müller: In erster Linie sind wir sehr froh, dass wir wieder öffnen durften. Endlich ist wieder Leben in die Hotels zurückgekehrt, wenn auch noch nicht in dem Maße wie wir es vor der Schließung kannten. Uns war es besonders wichtig für unsere Gäste eine angenehme Atmosphäre zu schaffen und sie mit gewohnter Herzlichkeit zu empfangen. Auch mit Maske verlieren wir das Lächeln nicht und können hoffentlich auch den Gästen eines ins Gesicht zaubern.

Nichtsdestotrotz kann dies aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass wir mit den aktuellen Belegungszahlen nicht annähernd eine Kostendeckung erreichen können. Hier im Bayerischen Bäderdreieck sind wir abhängig von den Thermen und dem Heilwasser. Solange diese nicht vollständig öffnen dürfen, werden nur wenige Gäste einen Urlaub in Bad Füssing in Betracht ziehen. Ohne festen Termin für die vollständige Thermenöffnung wird es sehr schwierig für uns.

In der Zwischenzeit versuchen wir, möglichst viel zu lernen. Die erste Woche war ein andauernder Lernprozess für uns. Die neuen Hygienevorschriften sind sowohl für unsere Gäste als auch für unsere Mitarbeiter ungewohnt. Ich konnte mit einigen Gästen persönlich sprechen und mir einen Eindruck verschaffen, wie sie die Situation wahrnehmen. Und auch das Feedback unserer Mitarbeiter ist mir sehr wichtig. Gemeinsam arbeiten wir daran, Abläufe und Prozesse weiter zu optimieren. Dabei konnten wir feststellen, dass es keine Blaupause gibt, die für alle passt. Wegekonzepte können beispielsweise durch bauliche Bedingungen sehr unterschiedlich ausfallen und Abläufe, die in der Theorie logisch klingen, erweisen sich in der Praxis als umständlich.

Ich bin mir aber sicher, dass wir hier gemeinsam weiterhin gute Lösungen finden, die für alle praktikabel sind und schon bald Normalität sind.

Welche Sicherheitsvorkehrungen hast Du getroffen? Hast Du neue Produkte angeschafft, etwa zum kontaktlosen Einchecken, Reservieren oder zur Öffnung der Türen?

Müller: Selbstverständlich haben wir alle geforderten Sicherheitsvorkehrungen umgesetzt, aber auch darüber hinaus Maßnahmen ergriffen. Bereits im April haben wir unsere Gäste befragt, was sie sich in Zukunft im Hotel wünschen. Das war sehr hilfreich und hat uns ermöglicht, schon jetzt zu reagieren. Ein großer Punkt war das Buffet. Eine überwältigende Mehrheit der Befragten hatte sich für ein Buffet und gegen Tellerservice ausgesprochen. Also haben wir dies für unsere Gäste möglich gemacht. Die Buffets sind nun nochmals durch extra Acrylscheiben geschützt und die Ausgabe des Essens erfolgt ausschließlich durch einen Koch. So ist zwar keine Selbstbedienung mehr möglich, aber die Gäste müssen auf diese Weise nicht auf ihr geliebtes Buffet verzichten. Ich denke das ist ein guter Kompromiss.

Wir haben zudem weitere Maßnahmen umgesetzt, die keine Pflicht sind. Die Zahl der Desinfektionsspender liegt deutlich über der geforderten Zahl. Außerdem haben wir ein Kaltvernebelungsgerät angeschafft, mit dem wir die Zimmer komplett bakterien- und virenfrei machen können. Schlüssel werden per UV-Gerät sterilisiert und alle Check-In Unterlagen verschweißt an den Gast übergeben.

Als Teil der Johannesbad Gruppe, die nicht nur Hotels, sondern auch Kliniken betreibt, haben wir hier sicherlich einen Vorteil. Wir konnten auf das Wissen der Hygiene-Experten aus dem Klinikbereich zurückgreifen und unsere Hygienekonzepte an die der Kliniken anlehnen. Das gibt uns und unseren Gästen Sicherheit.

Wie reagieren die Gäste?

Müller: Die Gäste reagieren sehr verständnisvoll und halten sich im Allgemeinen auch an die Regeln. Für die wenigen, die sich nicht daran halten, haben wir eine spielerische Möglichkeit entwickelt, zum Beispiel auf die Einhaltung des Mindestabstandes hinzuweisen: Wir haben Schiedsrichter-Trikots gekauft und zeigen bei Nicht-Einhaltung der Regeln einfach mal die gelbe Karte. Meist steckt keine böse Absicht dahinter, sondern einfach Unaufmerksamkeit und auf diese Weise können wir die Situation mit einem gemeinsamen Lacher bewältigen, ohne dass sich jemand auf den Schlips getreten fühlt. Das kommt auch bei den Gästen gut an!

Allen ist klar, dass jeder seinen Beitrag leisten muss, damit wir alle gut durch die Krise kommen und uns die Regeln nicht einfach ausdenken, um jemanden zu ärgern. Dennoch ist natürlich die Frustration groß, dass die Thermen geschlossen sind. Für viele sind sie der Hauptgrund, um nach Bad Füssing zu reisen. Im Johannesbad Hotel Königshof haben wir im ersten Quartal den Wellnessbereich vollständig renoviert und um 300 Quadratmeter vergrößert. Das stößt einigen natürlich schon auf, dass sie diesen nicht benutzen dürfen.

Welche Nachfrage zeichnet sich für die nächsten Wochen und Monate ab? Werden alle 8 Hotels mit allen Zimmern wiedereröffnet?

Müller: Im Juni und Juli ist das Buchungsverhalten noch sehr zurückhaltend. Ab August sieht es aber schon sehr viel besser aus. Hier nähern wir uns bereits den Buchungen des Vorjahres an. Mit den neuen Stornoregelungen wissen wir aber natürlich trotzdem nicht, ob es dabei bleibt. Wir sind aber zuversichtlich, dass bis zum 01.08.2020 wieder alle unsere Hotels geöffnet sein werden.

Wollen die Menschen wieder Reisen und Urlaub machen oder sind sie verunsichert?

Müller: Ganz klar, eine gewisse Verunsicherung ist natürlich noch da. Durch gute Konzepte können wir diese den Gästen nehmen. Grundsätzlich ist die Reiselust unserer Gäste aber sehr hoch. Da die Mehrzahl bereits im Rentenalter sind, können sie auch sehr flexibel reisen. Zudem haben wir einen sehr hohen Stammgästeanteil. Für viele ist der Besuch in Bad Füssing seit vielen Jahren ein fester Bestandteil des Jahres – häufig auch mehrfach. Ausschlaggebend ist dabei aber vor allem die Therme. Das ist nicht nur für uns, sondern für alle Hoteliers in Bad Füssing enorm wichtig.

Wir hören von vielen Unternehmen, dass sich derzeit die Öffnungen nicht lohnen und Verluste gemacht werden. Wie ist deine Sicht und ab wann wirst Du wieder in den grünen Bereich kommen?

Müller: Es ist definitiv so, dass momentan kein Hotel in Bad Füssing gewinnbringend betrieben werden kann. Vor allem im Juni sind die Verluste hoch. Schritt für Schritt tasten wir uns voran, jedoch werden wir die Auswirkungen aber auch noch bis ins Jahr 2021 spüren. Für uns ist es momentan nur als Teil eines Gesundheitskonzerns möglich, nur als Hotels könnten wir die Situation so nicht meistern.

Seit 8. Juni können auch wieder die Außenbereiche der Thermen geöffnet werden. Wie läuft das konkret bei den Johannesbad Hotels?

Müller: Wir sind froh, dass zumindest ein Teil der Therme öffnen kann. Leider nur sehr eingeschränkt, denn nur der Außenbereich wird zugänglich sein. Da der Innenbereich nach heutigem Stand nicht genutzt werden darf stellen sich natürlich einige Herausforderungen, zum Beispiel was Umkleiden und Duschen angeht. Somit können wir unseren Gästen nur ein eingeschränktes Erlebnis bieten, was sehr schade ist und nur bedingt zu zufriedenen Gästen führen kann.

Wie regelt das Unternehmen Zugänge und Abstände?

Müller: Eingang und Ausgang sind getrennt, ein Wegeleitsystem bringt die Gäste zudem direkt zum Außenbereich. Auch hier gelten natürlich die bekannten Abstandsregeln. Der Außenbereich der Johannesbad Therme ist glücklicherweise sehr groß mit ausladenden Grünflächen. Somit ist es nicht schwer, die Liegen in ausreichendem Abstand zu platzieren und für die Gäste macht es fast keinen Unterschied. Die Transponder für den Eintritt werden selbstverständlich vor der Ausgabe an den Gast vollständig desinfiziert. Im Bereich Food & Beverage arbeiten wir mit To Go-Angeboten.

Wie viele Gäste kommen normalerweise und wie viele können derzeit im Wasser planschen?

Müller: Unter „normalen“ Umständen sind um diese Jahreszeit täglich rund 2.500 Besucher in der Johannesbad Therme. Seit dem 8. Juni können 1.000 Personen täglich die Johannesbad Therme genießen. Allerdings ist das vorerst auch nur für Hotelgäste und Patienten, Gäste aus der Umgebung, die nur für den Besuch der Therme kommen möchten, haben immer noch das Nachsehen.

Lohnt sich der Aufwand, die großen Anlagen mit viel Energie zu betreiben, für die wenigen Besucher?

Müller: Ganz klar: Die Energiekosten der Therme bleiben fast gleich, egal wie viele Personen sich im Wasser befinden. Wir schauen hier aber auch über den Tellerrand hinaus. Das Johannesbad mit der Therme und den Hotels ist sehr wichtig für die Identität Bad Füssings. Der Ort ist durch das Unternehmen groß geworden und wir betreiben die größte der drei Thermen. Wenn die Therme öffnet, hat das deshalb auch eine große Symbolkraft für die gesamte Destination. Außerdem sind alle Hotels des Ortes von den Thermen abhängig. Würden wir die Johannesbad Therme geschlossen halten, würden wir auch alle Hoteliers am Standort hängen lassen. Deshalb war das für uns keine Option. Auch die Gründerfamilie rund rum Dr. Johannes Zwick steht voll hinter dieser Entscheidung und ist bereit, für den gesamten Ort und die Unternehmen ein Zeichen zu setzen.

Welche Signale gibt es für Wellness im Innenbereich?

Müller: Leider werden wir hier immer noch alleine gelassen. Seitens der Politik gibt es leider keine Aussage, wann wir die Wellnessbereiche wieder öffnen können, dabei wäre ein konkreter Termin sehr wichtig für uns, auch um unseren Gästen Sicherheit zu bieten. Für unser Johannesbad Hotel Königshof ist es besonders bitter: Hier haben wir zu Beginn des Jahres 1,8 Mio. Euro investiert, um den Wellnessbereich zu erneuern und zu vergrößern. Hier stehen wir mit der Vulkansauna, Schwebeliegen, dem neuen Solebad und vielem mehr in den Startlöchern, leider sind uns jetzt die Hände gebunden. Insbesondere mit den beiden Gradierwerken, bei denen Salzwasser auf Birkenreisig zerstäubt wird und so ein Luftklima wie am Meer erzeugt wird, wäre für unsere Gäste ein tolles neues Erlebnis und ein echtes Alleinstellungsmerkmal in Bad Füssing, das wir nun nicht nutzen können.

Österreich ist da schon weiter. Fürchtest Du eine Abwanderung von Urlaubern, wenn die Grenzen Mitte des Monats wieder geöffnet werden?

Müller: Das ist definitiv ein Problem. Mit jedem Tag, an dem wir uns weiterhin in der Unsicherheit befinden, wird das Problem für uns gravierender. Die Öffnung der Grenzen wurde nun schon auf den 04.06.2020 vorgezogen, während wir weiterhin nicht wissen, wann wir die Thermen und die Wellnessbereiche öffnen können. Die nächste Therme in Österreich befindet sich nur 10 km von Bad Füssing entfernt. Das ist ein echter Wettbewerbsnachteil für uns. Wer jetzt seinen Urlaub plant, fährt nach Österreich und wird sicher nicht sofort danach wieder nach Bad Füssing kommen. Das sind für uns verlorene Gäste und das können wir auch nicht mehr aufholen. In der direkten Nachbarschaft zu Österreich stehen wir natürlich in Konkurrenz. Aktuell ziehen wir dabei aber definitiv den Kürzeren.

Alles in allem: Wie lautet deine Zwischenbilanz? Wird sich die Branche wieder erholen?

Müller: Trotz schöner Begegnungen mit den Gästen, ist die Bilanz bisher ernüchternd. Die Zeit zwischen der Information, dass wir öffnen dürfen und der ersten Anreise war sehr kurz. Dadurch, dass die Thermen immer noch nicht vollständig geöffnet sind sind, fehlt unser USP. Trotzdem müssen wir als Branchenführer in Bad Füssing ein klares Zeichen setzen und für die Destination einstehen, durch die die Johannesbad Gruppe ihre heutige Größe überhaupt nur erreichen konnte. Wir denken, es ist Zeit dem Ort auch etwas zurück zu geben und für alle Betriebe, egal ob Hotels, Thermen oder Einzelhandel, einzustehen.

Ich mache den Job seit 35 Jahren und das ist das Schlimmste, was ich je erlebt habe. Sicherlich werden wir auch irgendwann wieder eine Erholung erfahren, aber sicher nicht vor 2021 und nur mit einer großen Marktbereinigung. Was am meisten weh tut ist, dass viele Familienbetriebe im Begriff sind zu sterben und die Vielfalt an Gastronomie und Hotellerie leiden wird. Einer der Indikatoren wird sein, ob wir eine Preisstabilität erreichen können und partnerschaftlich mit Reiseveranstaltern und OTAs zusammenarbeiten.

Johannesbad Gruppe

Unternehmen: Einer der größten Gesundheitsdienstleister Deutschlands mit 11 Standorten

Angebot: u.a. Fach- und Rehabilitationskliniken, Johannesbad Therme in Bad Füssing und Hotels

Zahlen: Rund 2.000 Mitarbeiter, 130 Mio. Euro Umsatz

Leitung: Dr. York Dhein, CEO, Werner Weißenberger, CFO, und Markus Zwick, CVO

Hotels: 8 Hotels in Deutschland und Österreich mit 320 Mitarbeitern und 32 Mio. Euro Umsatz

Ralf Müller

Geboren: 1964 in Lüdinghausen (NRW)

Ausbildung: Bäcker und Konditor, Qualifizierung zum Qualitätscoach

Stationen: u.a. Assistent des geschäftsführenden Gesellschafters Hotel Europa/Hotel Conti in Münster (1992-1996),

Selbstständiger Unternehmensberater (seit 2003), GM Seetel Hotels (2006-2015)

Jetzige Position: Geschäftsführer Hotellerie Johannesbad Holding (seit 2015)

Auszeichnungen: u.a. Maverick of the Year Stevie Award D–A–H–L –NL (2020), Stevie Award for Great Employer (2019), HR Excellence Award (2017 und 2019), Deutscher Tourismuspreis - Azubicasting (2014)

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