Im Gespräch: Otto Lindner, Vorsitzender Hotel...
Im Gespräch: Otto Lindner, Vorsitzender Hotelverband Deutschland

„Bettensteuer ist bescheuert“

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Otto Lindner: „Die Kennzahlen in der Hotellerie, auch in Berlin, stehen auf Wachstum.“
Otto Lindner: „Die Kennzahlen in der Hotellerie, auch in Berlin, stehen auf Wachstum.“

Der IHA-Vorsitzende Otto Lindner berichtet über neue Akzente im Verband und nimmt Stellung zu aktuellen Fragen.

Herr Lindner, das Jahr 2016 ist mit der Terrorattacke in Berlin schrecklich zu Ende gegangen. Sehen Sie so gravierende Folgen wie in Brüssel oder Paris?



Lindner: Das hat uns alle bis ins Mark getroffen. Bislang verzeichnen wir aber keinen nachhaltigen Buchungsrückgang. Dazu hat sicher auch die positive Trotzreaktion der Berliner beigetragen. Es gab nach dem Anschlag eine relativ schnelle Beruhigung. Die Stadt hat unglaublich souverän und sachlich reagiert. Nach wie vor ist Deutschland ein sicheres Reiseland. Die Kennzahlen in der Hotellerie, auch in Berlin, stehen auf Wachstum.

In den USA gibt es Warnungen vor Europareisen.



Lindner: Ich glaube nicht, dass wir als Hotellerie in der Lage wären, gegen Reisewarnungen anzugehen. Uns kommt aber das herausragende Image Deutschlands zugute. Die ausländischen Gäste fühlen sich hier sicher. Wir müssen dennoch proaktiv darüber nachdenken, wie man zukünftig mit Krisen umgeht und werden uns daher erneut mit Fachleuten zusammensetzen.

Sie sind seit gut einem halben Jahr IHA-Vorsitzender. Mit welchen Themen haben Sie sich zuerst befasst?



Lindner: Ich bin ja kein Neuling, sondern bereits seit 1998 im Vorstand. Die Themen sind mir vertraut. Die Mannschaft ist über alle Maßen kompetent und motiviert. Zwei wichtige Erfolge konnten wir jüngst verzeichnen: Wir haben als Hotelverband entscheidende Nachbesserungen bei der Umsetzung der Pauschalreiserichtlinie erreicht und verhindert, dass simple Hotelbuchungen zur Pauschalreise werden. Und wir konnten nach der Kritik des Bundesrechnungshofs die Politik zu einem klaren Bekenntnis zur nachhaltigen Finanzierung der Deutschen Zentrale für Tourismus bewegen, die in wichtigen Auslandsmärkten für uns wirbt.

Sie haben angekündigt, den Verband von einer „oftmals reaktiven, abwehrenden Haltung hin zu einem noch stärker gestaltenden, proaktiven“ Handeln zu entwickeln. Was haben Sie damit gemeint?



Lindner: Das fängt bei den internen Strukturen an. Die Hälfte des Vorstands und des Beirates ist neu und es gibt eine Verjüngung. Bisher haben der Vorsitzende und der Geschäftsführer den wesentlichen Teil der Arbeit geleistet. Wir haben die Themen nun auf viele Schultern verteilt. Die Vorstände und Beiräte werden ihre Rolle aktiver ausführen. Wir treten als Team auf und nutzen die individuellen Kompetenzen stärker. Ich muss nicht das ausschließliche Sprachrohr des Verbandes sein.

Eine Nagelprobe waren die Probleme mit der Sterneklassifizierung, die das ZDF aufdeckte. Wie beurteilen Sie das mit einem halben Jahr Abstand? Und müssen die Sterne insgesamt attraktiver werden? Große Ketten wie Motel One verzichten darauf.



Lindner: Wir haben die Erwartungshaltung der Öffentlichkeit verstanden und einen Maßnahmenkatalog verabschiedet, der greifen wird. Es gibt tatsächlich eine missbräuchliche Verwendung von Sternen. Dem gehen wir schonungslos nach, müssen dies aber mit unserem Rechtsstaat angemessenen Fristen umsetzen. Generell sind die Sterne ein Erfolgsprodukt, das nach und nach von immer mehr europäischen Ländern übernommen wird und deren Bedeutung im Markt zunimmt. Die Kriterien müssen flexibel gestaltet sein und regelmäßig auf den Prüfstand kommen, damit sie mit den Innovationen im Hotelalltag und den sich ändernden Gästeerwartungen Schritt halten.

Wie werden Sie das Jahr im Vorfeld der Bundestagswahl gestalten?



Lindner: Wir sind mit dem DEHOGA in enger Abstimmung und erarbeiten eine gemeinsame Checkliste zur Bundestagswahl. Es wird dabei um klare, nachvollziehbare Antworten zu den Themen Flexibilisierung der Arbeitszeit, Verbraucherschutz oder Bettensteuern gehen. Eine darauf basierende Wahlempfehlung für eine bestimmte Partei halte ich für eher unwahrscheinlich und nicht zielführend.

Haben Sie die Befürchtung, dass die Mehrwertsteuerermäßigung für die Hotellerie wieder abgeschafft werden könnte?



Lindner: Nein. Finanzminister Schäuble schließt ja aktuell Steuererhöhungen für die nächste Legislaturperiode unter der Führung von CDU/CSU aus. Ich bin mir sicher, dass er sein Wort hält, auch bei der Mehrwertsteuer. Das Steueraufkommen ist ja absolut und von der relativen Steuerquote her auf einem Höchststand. Die Absenkung für die Hotellerie ist ein Erfolgsmodell mit nachweislich 30.000 neu geschaffenen Arbeitsplätzen und sichtbaren Milliardeninvestitionen, und das jedes Jahr aufs Neue. Der theoretisch befürchtete Steuerausfall fand nicht statt und wird durch diese positiven Effekte deutlich überkompensiert. Zudem wenden weiterhin fast alle europäischen Länder für ihre Hotellerie den reduzierten Mehrwertsteuersatz an. Fakt ist: Wer an diesem Erfolgsmodell, einem echten Konjunkturprogramm für den Deutschlandtourismus, rütteln sollte, dem unterstelle ich rein ideologische oder wahltaktische Motive.

Werden die Verbände eine Kampagne zur Senkung der Mehrwertsteuer auch bei den Gaststätten starten?



Lindner: Unternehmen, die mehr Service bieten, werden bestraft. Wer einen Hamburger am Drive-in verschlingt, zahlt 7 Prozent Mehrwertsteuer, wer sich gemütlich hinsetzt, ist dann mit 19 Prozent dabei. Das kann man niemandem erklären. Es geht um die Wettbewerbs- und Zukunftsfähigkeit der klassischen Gastronomie, in der Speisen frisch zubereitet und serviert werden. Das steht auf der politischen Agenda der Verbände weiterhin ganz oben.

Gerade bei der Bettensteuer werden die Kommunen immer versierter und legen gerichtsfeste Regelungen vor. Was kann der IHA machen?



Lindner: Bettensteuer ist vom Grundzweck her bescheuert. Warum werden ständig neue Steuern erfunden? Wozu zahlen wir Unternehmenssteuern? So nimmt man der Branche die Ertragskraft. Statt die Branche zu feiern, versucht man die Firmen zu gängeln. Neben den hohen Kosten ist das ein riesiger bürokratischer Aufwand. Zum Glück wird über die Bettensteuern nun höchstrichterlich entschieden. DEHOGA und IHA begleiten hier drei Hoteliers beim Gang vor das Bundesverfassungsgericht, wir gehen von einer Entscheidung im Laufe des Jahres aus.

Zum Thema Digitalisierung: Die Bandbreite in der Hotellerie ist enorm. Fast die Hälfte hat noch keine Buchungsmöglichkeit auf der eigenen Webseite. Kann der IHA dabei helfen?



Lindner: Ich sehe den IHA nicht in der Pflicht, Dienstleistungen dazu anzubieten. Diese Finanzkraft haben wir nicht. Aber wir stehen beratend zur Seite. Über unseren europäischen Dachverband HOTREC haben wir die Kampagne „Direkt Buchen“ gestartet, um die Vorteile des unmittelbaren Kontakts zwischen Gast und Gastgeber gerade auch im digitalen Zeitalter zu unterstreichen. Wichtig ist, dass sich IHA erfolgreich gegen wettbewerbswidrige Klauseln der OTA, eingesetzt hat und damit eine Vorreiterrolle in Europa einnimmt. Und wir kämpfen weiter für ein vollständiges Verbot jedweder Paritätsklauseln von Online-Portalen, damit die Hotellerie ihre unternehmerische Gestaltungsfreiheit zurückerlangen kann.

Beim Hotelkongress wollen Sie nicht zusammen mit DEHOGA-Präsident Guido Zöllick auf dem Podium auftreten. Was hat es damit auf sich?



Lindner: Herr Zöllick war der Wunschkandidat des Hotelverbandes an der Spitze der DEHOGA. Es gibt allerbestes Einvernehmen zwischen uns. Unsere Zusammenarbeit ist hervorragend, sinnvollerweise aber auch arbeitsteilig. In diesem Sinne haben wir das gemeinsam so entschieden.

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