Coronakrise: Das Gastgewerbe will nicht länge...
Coronakrise

Das Gastgewerbe will nicht länger stillhalten

Svea Pietschmann/Dehoga Bundesverband
Guido Zöllick: "In der Branche wachsen Verzweiflung, Wut und Zukunftsängste dramatisch."
Guido Zöllick: "In der Branche wachsen Verzweiflung, Wut und Zukunftsängste dramatisch."

Der Dehoga fordert einen klaren Fahrplan für Öffnungen und mahnt verbesserte Hilfszahlungen an. Viele tausend Wirte und Hoteliers haben der Kanzlerin und den Ministerpräsidenten geschrieben und auf ihre verzweifelte Lage aufmerksam gemacht.

Vor dem Bund-Länder-Gipfel am 22. März, bei dem auch über Oster-Öffnungen entschieden wird, erhöht der Dehoga Bundesverband den Druck auf die Politik und weist auf die "riesige Not" im Gastgewerbe hin. Ende März befinde sich die Branche seit Beginn der Pandemie insgesamt sieben Monate im Lockdown. Viele Betriebe wie Discotheken und Clubs seien seit einem Jahr durchgehend geschlossen.

"In der Branche wachsen Verzweiflung, Wut und Zukunftsängste dramatisch", sagt Guido Zöllick, Präsident des Dehoga Bundesverbands. Mit Blick auf den Bund-Länder-Gipfel am 22. März fordert Zöllick einen konkreten Fahrplan zur sicheren und verantwortungsvollen Öffnung der Betriebe sowie schnelle und verbesserte Hilfszahlungen.

Altersvorsorgen sind aufgebraucht

In dem Brief, den der Dehoga Bayern stellvertetend für die fast 450.000 Erwerbstätigen des bayerischen Gastgewerbes an Ministerpräsident Markus Söder geschrieben hat, heißt es: "Die Betriebe ringen trotz Wirtschaftshilfen um ihre Existenz. Private Rücklagen, auch Altersversorgungen, sind aufgebraucht und die Nerven liegen blank. Es gibt weiter keine ernsthafte Perspektive."

Eindringlich geht die Bitte an den Ministerpräsidenten: "Geben Sie unserer Branche am 22. März Perspektiven und sichern Sie das Überleben der unverschuldet in Not geratenen Unternehmen! Tausende Existenzen und hunderttausende Arbeitsplätze stehen auf dem Spiel. Vertrauen Sie den Menschen und auch den Betrieben, die in Verantwortung für Ihre Gäste und Mitarbeiter keine fahrlässigen Schritte gehen würden."  (Dem Brief an den Ministerpräsidenten  lagen tausend Schreiben betroffener Betriebe bei, die hier zu finden sind.)

Der Dehoga Bundesverband wiederholt seine Forderung, das Gastgewerbe für das "Sonderopfer", das ihm abverlangt wird, damit andere Wirtschaftszweige sowie Schulen und Kitas geöffnet bleiben können, zu entschädigen: "Die Hilfen sind aufzustocken und zu verlängern."

Nie dagewesene Umsatzverluste

Der Verband verweist auf nie dagewesene Umsatzverluste von Restaurants und Hotels im Zuge der Coronakrise: Die Umsätze brachen im Jahr 2020 real um 39 Prozent ein. Wie aus einer aktuellen Umfrage des Dehoga hervorgeht, beklagen die Betriebe seit 1. März 2020 bis heute Umsatzeinbußen von 63  Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum. Im Februar 2021 sank der Umsatz laut Angaben der 6500 Umfrageteilnehmer um 77,9 Prozent. "Die Konten sind leer, die Rücklagen sind aufgebraucht, die Nerven liegen blank", so Guido Zöllick. „Die Angst der Betriebe vor dem endgültigen Aus nimmt zu.“ 72,2 Prozent der Unternehmer bangen um ihre Existenz. Jeder Vierte (24,8 Prozent) zieht konkret eine Betriebsaufgabe in Erwägung.
„ Die Hotellerie kämpft ums nackte Überleben.“
Otto Lindner, IHA

Der Verband hat darum schnelle und verbesserte Hilfszahlungen gefordert. Die Überbrückungshilfe müsse dringend um einen Unternehmerlohn ergänzt werden, und die erstattungsfähigen Fixkosten müssen für alle Unternehmen auf 100 Prozent heraufgesetzt werden. Otto Lindner, Vorsitzender des Hotelverbandes Deutschland, mahnte deutlich den Handlungsbedarf für die Hotelgruppen an, die immer noch keine Novemberhilfe erhalten hätten. Und Stephan von Bülow, Vorsitzender der Dehoga-Fachabteilung Systemgastronomie, zeigte auf, dass es inakzeptabel sei, dass verbundene Unternehmen, die erhebliche Verluste erleiden und deren Betriebsergebnis im Unternehmensverbund dadurch insgesamt negativ sei, keinerlei Anspruch auf die November- und Dezemberhilfe hätten. Fest steht: Die Corona-Krise differenziert nicht zwischen kleinen und großen Unternehmen.

Und die Krise zieht Kreise über das eigentliche Gastgewerbe hinaus: Die Partner der Branche wie die Lebensmittel- und Getränkeindustrie, Brauereien, Ausstatter, Einrichter, landwirtschaftliche Betriebe, Großhandel und das Handwerk sind ebenfalls massiv betroffen. Laut einer Dehoga-Umfrage, an der sich 1300 Zulieferfirmen beteiligt haben, beliefen sich die Umsatzverluste aufgrund der Einschränkungen für das Gastgewerbe in 2020 auf durchschnittlich 37 Prozent. Für Januar und Februar 2021 beklagen die Unternehmen Einbußen in Höhe von 46,5 Prozent.

Im Kampf gegen die Pandemie mahnt Zöllick zielgerichtete, widerspruchsfreie und effektive Maßnahmen an. "Unseren Betrieben ist nicht zu vermitteln, dass die Bundesregierung einerseits Urlaub auf Mallorca wieder möglich macht, aber einen Besuch im Biergarten weiterhin nicht erlaubt. Das führt zu maximalem Frust in unserer Branche." 

Auch in Deutschland gebe es Regionen mit zum Teil sehr niedrigen Inzidenzwerten. Hotels und Restaurants hätten zudem umfassende Hygienekonzepte erarbeitet. "Das heimische Gastgewerbe ist nachweislich kein Pandemietreiber. Lockerungen dürfen unsere Branche nicht benachteiligen. Wir erwarten Gleichbehandlung mit anderen Branchen und Sachverhalten", stellt Zöllick klar. "Es ist Aufgabe der Politik, alles dafür tun, dass die Betriebe keinen Tag länger als gesundheitspolitisch geboten geschlossen bleiben." Dazu gehöre insbesondere auch ein besseres Management beim Impfen und Testen.

Hohe gesellschaftliche Relevanz

"Es geht es um die Zukunftssicherung einer Branche mit 222.000 gastgewerblichen Unternehmen und 2,4 Millionen Beschäftigten", hebt Zöllick die wirtschaftliche Bedeutung des Gastgewerbes hervor und betont zugleich die hohe gesellschaftliche Relevanz der Branche: "Es geht um den Erhalt einer Branche, die wie keine zweite für Lebensqualität, Vielfalt und Genuss steht und die für das soziale Miteinander in unserem Land unverzichtbar ist."

Der Verband stellt deshalb klar: "Am 22. März muss es einen klaren Fahrplan geben, wann unter welchen Voraussetzungen die Restaurants und Hotels öffnen dürfen. Uns geht es nicht um eine Öffnung um jeden Preis. Wir benötigen jedoch eine verlässliche Perspektive. Sicher und verantwortungsvoll."

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