INKLUSION: Ein Hotel ohne Barrieren
INKLUSION

Ein Hotel ohne Barrieren

Kempten. Auf den ersten Blick sieht es im Allgäu Art Hotel aus wie in jedem Stadthotel. Doch wer genauer hinsieht, bemerkt Leitsysteme auf dem Boden, Lichtschienen und Hinweisschilder in

Kempten. Auf den ersten Blick sieht es im Allgäu Art Hotel aus wie in jedem Stadthotel. Doch wer genauer hinsieht, bemerkt Leitsysteme auf dem Boden, Lichtschienen und Hinweisschilder in Blindenschrift. Das Allgäu Art Hotel ist ein Stadthotel in einer neuen Immobilie. Zielgruppe sind Geschäftsreisende, Touristen – und Menschen mit Behinderung.

Eröffnung des 3-Sterne-superior- Hauses im Stadtzentrum von Kempten war im Dezember. „Bei uns ist das Thema Mensch mit Handicap ins Unternehmenskonzept integriert, dennoch wollen wir den Gast nicht durch soziales Engagement, sondern durch Qualität und Service überzeugen“, sagt Hoteldirektor Claus Quasten.

Das Hotel ist ein barrierefreies Haus. Naheliegend, dass das Einrichtungskonzept nicht von der Stange ist – entwickelt wurde es gemeinsam mit dem Hoteleinrichter R+S Mayer . „Wir haben die gesamte Einrichtung mit einem Rollstuhl getestet“, so der geschäftsführende Gesellschafter Rüdiger Mayer. Inhaltlich ist das Design an den Themen Entschleunigung und Allgäu orientiert: Die Mooswand in der Lobby, das Scheunenholz an den Wänden im Tagungsbereich, und die handgemalten Waldmotive an den Restaurantwänden zeugen von Liebe zum Detail. In den 56 Zimmern steckt viel Technik: Klingel mit Blitzlicht, Notruftaste, Pflegebetten, unterfahrbare Waschbecken, Türöffner, Sitzgelegenheiten in den Duschen. Saunen mit Platz für Rollstühle, Abstellplatz für Rollatoren und Pflegebetten im Ruheraum machen das Spa für Menschen mit Handicap tauglich.

Zum Konzept gehört auch, Mitarbeiter mit Behinderung zu beschäftigen: „Ziel ist es, diese Menschen auf den ersten Arbeitsmarkt zu bringen“, so Quasten. Am Empfang arbeiten zum Beispiel zwei Mitarbeiterinnen im Rollstuhl (siehe Interview), die Wellnessabteilung wird von einer blinden Masseurin geleitet. Knapp die Hälfte der Mitarbeiter sollen Menschen mit Behinderung sein, um den Status der Gemeinnützigkeit und damit eine 7-Prozent-Umsatzbesteuerung nicht zu verlieren. Das bedeutet in manchen Punkten aber auch Mehraufwand: Der Hoteldirektor nennt die tägliche Belastungszeit von vier bis sechs Stunden, Kündigungsbedingungen und die Zusammenarbeit mit dem Integrationsamt. Dem gegenüber ist er mit dem Engagement seiner Mitarbeiter sehr zufrieden. In puncto Marketing setzt das Haus auf Reiseportale, Firmenkontakte, Messen und die Homepage. Ein Vertriebskanal ist die Mitgliedschaft bei den Embrace Hotels, einem Verbund aus barrierefreien Häusern.

Die Mitbewerbersituation vor Ort ist entspannt. Zwar gibt es ein weiteres Hotel in Kempten, das auf die Bedürfnisse von Menschen mit Behinderung zugeschnitten ist, „jedoch nicht in dieser Ausprägung wie bei uns“, sagt Quasten. Was das Standbein Stadthotellerie angeht, berichtet er von einer hohen Nachfrage mit vielen Stoßzeiten aufgrund des Geschäftsreise- und Kulturtourismus. Echtes Alleinstellungsmerkmal sei das Angebot für Menschen mit Behinderung und die Lage im Stadtzentrum. In der nächsten Zeit will Quasten das Hotel am regionalen Hotelmarkt etablieren und das Potenzial der Standbeine Veranstaltung und Restaurant ausbauen. Sylvia Ailinger

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