HGK Future Day

"Apps kann man fast schon beerdigen"

Regina Goldlücke
Keynote Speaker: Leaders-Club-Präsident Michael Kuriat formulierte Perspektiven und Lösungsansätze für die Branche.
Keynote Speaker: Leaders-Club-Präsident Michael Kuriat formulierte Perspektiven und Lösungsansätze für die Branche.

„Hospitality goes Digital“ - so war der Future Day der Einkaufsgenossenschaft HGK in Ahaus überschrieben. In Workshops und Vorträgen zeigten Experten die zwingende Notwendigkeit auf, in der Gastronomie bei der Digitalisierung nachzurüsten. „Die Karten werden neu gemischt“, sagte Michael Kuriat, „wir stehen vor einem großen Wandel.“

Als Präsident des Leaders Clubs, Marketing-Profi, Betreiber von sieben gastronomischen Konzepten und Mediziner bewegt er sich zwischen den Welten. In Ahaus schilderte er seine Sicht der Dinge: „Wir haben die Digitalisierung in der Gastronomie oft verschlafen. Dabei könnten wir im Idealfall gestärkt aus der Krise herausgehen, wenn wir ihre Chancen nutzen. Die Großen haben es vorgemacht, die Kleineren konnten das nicht immer, die kämpften ums nackte Überleben. Wir dürfen das Feld aber nicht den Ketten überlassen.“

In seinem Referat „Fast Forward – Die Branche im Wandel“ benannte Michael Kuriat die Hürden: „Wie motiviere ich mein Personal und hole die Abtrünnigen zurück? Wir werden noch Monate auf Sicht fliegen müssen, da ist es schwer, Leute zu begeistern, ihnen eine Perspektive zu geben oder sie zur Rückkehr zu bewegen.“ Abwerbungen durch Lidl oder Amazon hätten das Personal während der Pandemie noch weiter dezimiert. „Wir müssen ganz anders an die Recrutierung rangehen und die Personalsituation bei den Gästen ehrlich und transparent kommunizieren“, schlägt Michael Kuriat vor.

Zeitliche Slots einrichten, Personalsituation ehrlich kommunizieren

Die Restaurantkette Wilma Wunder führte notgedrungen Slots bei der Buchung ein („das hätte vor Corona keiner akzeptiert“) und erreichte dadurch eine viel höhere Auslastung. Nebenbei bemerkt: Für zukunftsträchtig hält er den Delivery-Markt, „ein Segment, bei dem ich dauerhaft mit einer Steigerung rechne.“ Erfolg hätten auch die aufploppenden Ghost Kitchen. Und natürlich sei Nachhaltigkeit unerlässlich: „Keine Plastikstrohhalme, keine Styroporverpackungen, das machen die Gäste nicht länger mit.“

Smartphone ist Fernbedienung für die ganze Welt

Bei seinem Lieblingsthema Digitalisierung lobt Michael Kuriat Ahaus als „Silicon Valley der deutschen Gastronomie“. Dort hat das Software-Unternehmen Tobit in Bars, Restaurants und einem Hotel die Utopie von der 100-prozentigen Digitalisierung verwirklicht. „Die Gäste können damit umgehen, diesen Diskurs brauchen wir nicht mehr zu führen“, glaubt er. Das Smartphone sei die Fernbedienung für die ganze Welt, die Möglichkeiten unglaublich. Apps könne man fast schon beerdigen, sie würden von digitalen Assistenten wie Alexa und Siri zunehmend abgelöst.

"Offen sein für neue Lösungsansätze"

Mit den „self ordering terminals“ sei McDonald‘s ein Vorreiter, bald könne man dort vermutlich auch elektronisch bezahlen. In den "Glorious Bastards"-Restaurants wurde Bargeld komplett abgeschafft. „Die Bereitschaft der Gäste ist da“, versichert Michael Kuriat. „Alles was digital werden kann, wird digital werden. Die Frage ist, ob auch die Gastronomie diese mentale Transformation mitmachen wird.“ Sein Rat: „Keine Angst vor Veränderungen, offen sein für neue Lösungsansätze. Nie war es so einfach, die richtige Zielgruppe relevant zu erreichen.“

Social Media: Digital-affinen Azubi einbinden

Dazu gehöre, die eigene Homepage als digitale Visitenkarte zu pflegen und zu aktualisieren, Beschwerden ernst zu nehmen und darauf einzugehen. Benötigt würden auch die sozialen Medien: „Dort findet heute der Austausch statt. Ein idealer Platz, um seine Botschaften zu formulieren. Aber keine plumpe Werbung“, warnt er, „lieber Geschichten erzählen. Und nicht überall ein bisschen, besser konzentriert.“ Es könne sich bewähren, einen digital-affinen Azubi einzubinden und ihn so zu fördern. Sein Fazit: „Holt euch das Wissen ins Unternehmen.“

„Machbar ist bei der Digitalisierung alles, es ist keine Frage der Technik, sondern der Einstellung.“
Dieter van Acken und Mark Sander, Tobit.Software

Dass die Gäste bei der Digitalisierung oft weiter entwickelt seien als die Betriebe und nur wenige eine Hilfestellung bräuchten, beteuerten auch Dieter van Acken und Mark Sander von Tobit.Software. Seit 2007 hat das Unternehmen mit eigenen Gastronomiebetrieben viele Evolutionsstufen durchlaufen. „Machbar ist bei der Digitalisierung alles“, sagen sie, „es ist keine Frage der Technik, sondern der Einstellung.“ In der Arbeits- und Alltagswelt sei bei Corona vieles normal worden: Zoom-Konferenzen, Online-Shopping, Kartenzahlung, Terminbuchung. „Die Gastronomie hinkt hinterher. Wir müssen auch hier den Menschen mehr zutrauen“, fordert Dieter van Acken. Ein guter Anfang im Restaurant könne die Aufteilung in Bereiche mit Service oder Selbstbedienung sein, „so sammelt man Erfahrungen".

Bewertungen einfordern und Suchmaschinen klug nutzen

Wie Online-Marketing im Jahr 2021 funktioniert, erläuterte Jan Schulte, Betreiber der wyn.digital GmbH und Kooperationspartner von HGK. Er nutzte die 16 Meter lange Screen-Wand für seine Tipps: Ziele klar formulieren, Messbarkeit auflisten (was biete ich, was nicht), Bewertungen bei den Gästen aktiv einfordern und die Suchmaschinen klug nutzen, am besten anhand einer Checkliste nach dem 5-B-Prinzip: Bekenne dich zu deiner Position, baue eine aktivierende Webseite, biete eine wachsende Sichtbarkeit, betöre mit spannenden Inhalten, baue immer mehr Nutzer-Vertrauen auf. „Nischen erkennen und handeln“, fasste Jan Schulte zusammen. „Mit definierter Zielgruppe und richtiger Ansprache lassen sich passende Highlights und Kampagnen entwickeln. Einfach mal machen.“

Gäste fordern nachhaltiges wirtschaften

 
Vor einem Jahr hatte der HGK Future Day Premiere, mitten in der damals noch unberechenbaren Pandemie. Die Nöte der Branche waren greifbar: Wie geht es weiter? Wann dürfen wir richtig durchstarten? Mit welchen Konzepten kann sich die Gastronomie den Gegebenheiten anpassen? Vieles funktioniert seitdem wieder fast normal. Dafür haben sich im Zuge von Corona neue Probleme aufgetan. „Thema Nummer 1 ist der Personalmangel“, verdeutlichte Joachim Schütt, Marketingchef der HGK.

Auch das dringliche Thema Nachhaltigkeit wurde in Ahaus beleuchtet. „Hier gibt es einen großen Druck von den Gästen“, so Joachim Schütt. Zu diesem Thema referierten Klaus Wiesler und Fabian Isele vom Seehotel Wiesler in Titisee unter der Überschrift „Erfolgsfaktor Nachhaltigkeit – Einblicke eines Pioniers und erfolgreichen 4-Sterne-superior-Hoteliers“. Beide Themenkomplexe, Nachhaltigeit und Digitalisierung, waren bereits am Vortag des Future Days in zwei Workshops behandelt worden.            

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