Gastbeitrag: Hilferuf aus Berlin: „Dramatisch...
Gastbeitrag

Hilferuf aus Berlin: „Dramatische Situation“

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Jürgen Gangl: "Die gesamte Hotellerie ist in ihrem Handeln von politischen Regelungen und Restriktionen bestimmt"
Jürgen Gangl: "Die gesamte Hotellerie ist in ihrem Handeln von politischen Regelungen und Restriktionen bestimmt"

„Wir haben extreme Verluste, werden aber als Branche nicht richtig ernst genommen.“ Das sagt Jürgen Gangl, General Manager im Park Inn by Radisson Berlin Alexanderplatz und 1. Vorsitzender der HDV.

BERLIN. Hessischer Hof Frankfurt, Anna Hotel München - beide Hotels müssen infolge der Coronakrise schließen. Die Befürchtung, dass der Druck in der Branche weiter steigt und andere renommierte Häuser in Schwierigkeiten geraten, liegt nahe. Bau- und Hotelunternehmer Kurt Zech sprach gegenüber dem Focus kürzlich von einem "Blutbad", das der Hotellerie bevorstehen könnte. Nun äußert sich Jürgen Gangl, General Manager Park Inn by Radisson Berlin Alexanderplatz und 1. Vorsitzender der Hoteldirektorenvereinigung (HDV) in einem ahgz-Gastbeitrag:

Die Situation für die Hotellerie bleibt dramatisch und unberechenbar. Der Komplettausfall des Geschäftsreisetourismus, die flächendeckenden Absagen von Messen, Kongressen und Großveranstaltungen bringen insbesondere die Stadthotellerie an den Rand der Existenz. Viele Unternehmen untersagen ihren Mitarbeitern nach wie vor Business-Reisen und planen dies auch 2021 so zu halten.

Das Beherbergungsgewerbe ist mit einem Umsatzverlust von 48,2 Prozent im ersten Halbjahr trauriger Spitzenreiter im Ranking der gastgewerblichen Segmente. Ein weiterer Spitzenwert sind 36.000 neue Arbeitslose in unserer Branche im Zeitraum April bis Juli. Laut Bundesagentur für Arbeit liegen wir weit vor dem Handel oder dem verarbeitenden Gewerbe.

„Die Lage ist desaströs“

Berlin steht mit 20 bis 25 Prozent Belegung im Vergleich zu anderen Metropolen auch in Europa noch einigermaßen gut da. Dennoch ist die Lage desaströs. Destinationen wie Frankfurt, die nur minimales freizeittouristisches Geschäft haben, sind extremer betroffen.

Im Park Inn liegen wir mit einer Belegung von derzeit mehr als 30 Prozent über dem Berliner Durchschnitt. Die Größe unseres Hauses und die umfangreichen Hygienemaßnahmen wirken sich offenbar in einem gewissen Maße positiv aus. Die gesamte Hotellerie ist in ihrem Handeln von politischen Regelungen und Restriktionen bestimmt. Wir müssen umsetzen, was uns vorgeschrieben wird.

Selbstverständlich steht das Thema Sicherheit für die Gesundheit im Vordergrund. Aber die Maßnahmen müssen sinnvoll und nachvollziehbar sein. Das sind sie nicht immer. Ich erwarte pragmatische Handlungen von der Politik. So sollten bei einer Pandemie deutschlandweit einheitliche Regelungen gelten. Ein Geschäftsreisender blickt nicht mehr durch die Auflagen durch und wundert sich über den unterschiedlichen Umgang. Das Virus macht aber nicht an der Landesgrenze halt.

Wir müssen alles dafür tun, einen erneuten Shutdown zu vermeiden. Dafür muss bundesweit einheitlich agiert werden. Die Hotellerie hält alle Auflagen penibel ein und befolgt die geltenden Hygienerichtlinien. Um das Vertrauen unserer Gäste zu erhalten, tun wir sogar viel darüber hinaus.

„Wir werden nicht ernst genommen“

Die Befürchtung, dass es eine hohe Anzahl an Insolvenzen und damit verbunden den Verlust vieler Arbeitsplätze geben wird, ist berechtigt. Die ersten prominenten Beispiele gibt es bereits, und es wird weitergehen. Selbstverständlich werden auch neue Hotels eröffnet, die Investitionen sind geplant und die Hoffnung stirbt zuletzt.

Ernüchternd und inakzeptabel ist, wie wenig sich die Bundespolitik für die Belange unserer Branche interessiert. Ich sehe kein ernsthaftes Bemühen, die Hospitality-Branche als besonders gefährdet wahrzunehmen und die prekäre Situation zu ändern. Es zeigt sich in der Corona-Krise besonders deutlich, dass die Hospitality-Branche bei der Politik auf den hinteren Plätzen rangiert – obwohl wir auch als Arbeitgeber und bedeutender Einzahler in das Bruttoinlandsprodukt von hoher Relevanz sind.

Wir werden nicht richtig ernst genommen. Nehmen wir das Thema Pachtbelastungen. Wenn keine Einigung über eine Stundung oder komplette Aussetzung der Pachten getroffen werden kann, führt das Hotels derzeit zwangsläufig in massive Existenznot. Hier hätten schon längst gesetzliche Regelungen getroffen werden müssen, die vorsehen, dass Pacht- aber auch Bankverpflichtungen in wirtschaftlichen Ausnahmesituationen ausgesetzt werden können (BGB § 313: Störung der Geschäftsgrundlage ).

„Komplette Streichung der Mehrwertsteuer“

Die finanziellen Hilfen reichen nicht aus oder kommen nicht an. Dafür wurde uns als große Entlastung die sechsmonatige Mehrwertsteuersenkung verkauft. Dabei belastet die Umstellung mehr, als dass sie im Moment hilft, und Gäste und Zulieferer verstehen nicht, dass wir die Senkung nicht eins zu eins an sie weitergeben können. Wir benötigen liquide Mittel.

„Extreme Verluste“

Jetzt müssen wir darum kämpfen das die Mehrwertsteuersenkung unbedingt verlängert wird und nicht endet, bevor sie den Betrieben nutzt. Die öffentliche Hand kann so auf direktem Wege helfen, ohne über die für die Branche schwierigen Kredite zu gehen. Wir benötigen dringend unkonventionelle und schnelle Entscheidungen.

Wir haben extreme Verluste, die die Branche noch über Jahre beeinträchtigen werden. Grundsätzlich müssen wir uns darüber im Klaren sein, dass das Virus unser Leben so lange begleitet ... Dehoga Berlin: "Es ist fürchterlich" vom 05. Oct 2020

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