Hoteldirektorenvereinigung: HDV-Tagung: „Bis ...
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HDV-Tagung: „Bis 2030 fehlen 4 Millionen Arbeitskräfte“

Antonia Jenner, Jenner Egberts
Der HDV-Vorstand (v.l.): Andreas Neininger (Beisitzer), Oliver Mathée (Schatzmeister), Bernhard Langemeyer (Beisitzer), Jürgen Gangl (1. Vorsitzender), David Depenau (2. Vorsitzender)..
Der HDV-Vorstand (v.l.): Andreas Neininger (Beisitzer), Oliver Mathée (Schatzmeister), Bernhard Langemeyer (Beisitzer), Jürgen Gangl (1. Vorsitzender), David Depenau (2. Vorsitzender)..

Die Coronakrise und der Arbeitskräftemangel standen im Mittelpunkt der HDV-Tagung. In beiden Bereichen scheint die Lage zu entgleiten.  

In Deutschland stehen immer weniger Arbeitskräfte zur Verfügung. Bei der Herbsttagung der Hoteldirektorenvereinigung Deutschland (HDV) im Steigenberger Hotel Treudelberg in Hamburg verwies Prof. Hartwig Bohne von der SRH Dresden School of Management auf das rückläufige Erwerbspotenzial. Die Zahl der Erwerbstätigen gehe von 49 Mio. im Jahr 2013 auf 38 Mio. im Jahr 2030 zurück. „Bis 2030 werden in den Dienstleistungsbranchen voraussichtlich ca. 4 Mio. Arbeitskräfte fehlen.“

Deutlich weniger Azubis

Auch die Azubi-Zahlen im Gastgewerbe sinken, von 107.041 (2007) auf nur noch 45.507 (2020). Das sei ein Minus von 58 Prozent. Ein duales Studium könne helfen, die Berufe wieder attraktiver zu machen, da es berufspraktische Aspekte und einen Hochschulabschluss miteinander verbinde.

Der HDV-Vorsitzende Jürgen Gangl sagte zum Auftakt der Tagung: „Wir müssen die Branche wieder interessant machen. Wir haben nicht mehr gezeigt, was wir können.“ Die Branche habe 130.000 sozialversicherungspflichtige Mitarbeiter in den vergangenen 24 Monaten verloren. Es sei fünf nach zwölf.

Prof. Nicola Zech von der Internationalen Hochschule betonte, digitale Lösungen könnten beim Thema Mitarbeitermangel nur unterstützen. „Digitalisierung allein kann das Arbeitskräfteproblem nicht lösen.“ Für die Arbeitgeber komme es darauf an, die Bedürfnisse der Mitarbeiter zu berücksichtigen, etwa nach einer Work-Life-Balance. Wenn die Mitarbeiter zufrieden sind, seien auch die Gäste zufrieden.

Sorge vor Lockdown

In der Branche geht die Sorge vor neuen coronabedingten Betriebsschließungen um. Obwohl die Politik bis vor kurzem einen erneuten Lockdown ausgeschlossen hat, wächst bei vielen Hoteliers die Angst, dass es doch wieder dazu kommen wird. „Wir müssen mit allem rechnen“, meinte Jürgen Gangl.

Der Hauptgeschäftsführer des Hotelverbands Deutschland (IHA), Markus Luthe warnte vor einem Lockdown durch die Hintertür. „Die Inzidenzwerte fliegen uns um die Ohren.“ Nach dem Aufruf von Lothar Wieler, dem Chef des Robert Koch-Instituts, die Personenzahl bei Großveranstaltungen zu reduzieren oder ein Verbot zu erwägen, würden wieder viele Tagungen, Konferenzen und Feiern abgesagt, wie etwa der für den 16. November geplante Arbeitgebertag. „So schnell ändert sich die Lage. Es wird wieder Einschläge ohne Ende geben. Was ist das anderes als ein Lockdown, in den wir hineinlaufen werden. Und wir haben kaum Rechtsmittel dagegen“, erklärte Luthe.

„Staatliche Hilfen fortsetzen“

Deshalb sei es nun wichtig, dass die staatlichen Hilfen fortgesetzt würden. Die Kurzarbeiterhilfe sei bereits bis Ende März verlängert worden, bei der Ausdehnung der Überbrückungshilfe 3 plus bis ins erste Quartal hinein liefen die Gespräche.

Luthe zeigte ein Schaubild, nach dem die Branche zwischen März 2020 und August 2021 einen Umsatzverlust von 67,3 Mrd. Euro verzeichnet habe. Dem stünden Hilfeleistungen von rund 20 Mrd. Euro für die Branche entgegen. Er kritisierte die vielen unterschiedlichen Einzelregelungen in Ländern und Kommunen. „Da gibt es in jedem Bundesland Anekdoten. Es ist das blanke Chaos, da ist nichts aufeinander abgestimmt.“

Die frühere Kölner CDU-Bundestagsabgeordnete Gisela Manderla kritisierte mit Blick auf die Coronazahlen, dass am 11. November Sankt-Martins-Umzüge teilweise nicht stattfinden durften, aber andererseits tausende junge Menschen zum Karnevalsauftakt eng und ausgelassen gefeiert hätten. „So etwas können wir uns nicht leisten. Ich war etwas entsetzt“, betonte sie. „Einen Lockdown wünsche ich mir nicht. Ich hoffe, dass wir ihn nicht bekommen.“

Zweiteilung Deutschlands

Wolfgang Gattringer von der Marktdatenfirma Fairmas legte aktuelle Zahlen vom Hotelmarkt vor. „Deutschland hat sich geteilt“, stellte er fest. Bei einer durchschnittlichen Auslastung von 52 Prozent im Sommer und Herbst 2021 gebe es große Unterschiede in den Regionen. Während Dresden, Hamburg, Berlin und Leipzig wegen der geringen Abhängigkeit vom internationalen Reiseverkehr überdurchschnittlich gut abschnitten, sehe es in Frankfurt und Düsseldorf deutlich schlechter aus. Auch München verzeichne eine Belegung unter dem Durchschnitt.

Union der Wirtschaft

Der frühere FDP-Bundestagsabgeordnete und jetzige Vorstandsvorsitzender der Union der Wirtschaft, Marcel Klinge, stellte den neuen Think Tank vor und lobte die neue Kooperation mit der HDV. „Wir sind eine Denkfabrik“, betonte Klinge. Im Tourismusbereich geben es mindestens 35 Verbände, zusammen mit dem Foodbereich seien es 50 bis 60. „Wir brauchen keinen 51. oder 61. Verband, sondern ergänzend etwas anderes.“

Der Vorstandsvorsitzende der Union der Wirtschaft, Marcel Klinge.
Die Union sei eine überparteiliche Dialogplattform, die privatwirtschaftlich organisiert sei für die gesamte Tourismus-, Hospitality & Food-Serviceindustrie mit einem Umsatz von 300 Mrd. Euro Umsatz im Jahr.„Ich glaube, dass wir die politische Lobbyarbeit immer wieder neu erfinden müssen, um erfolgreich zu sein“, betonte Klinge.  „Kein Akteur kümmert sich bisher um das politische Rating der Industrie in Berlin.“ Bei rund 250 neuen Bundestagsabgeordneten müsse ein Unterstützernetzwerk entwickelt werden.

Den Preis Exzellenter Ausbildungsbetrieb erhielt das Designhotel der Blaue Reiter in Karlsruhe mit Markus Fränkle an der Spitze (3. v.r.).
Antonia Jenner, Jenner Egberts
Den Preis Exzellenter Ausbildungsbetrieb erhielt das Designhotel der Blaue Reiter in Karlsruhe mit Markus Fränkle an der Spitze (3. v.r.).


HDV

Die HDV wurde 1981 gegründet. Derzeit engagieren sich rund 150 Hoteldirektorinnen und Hoteldirektoren als ordentliche Mitglieder und etwa 50 Unternehmen in der HDV. Der geschätzte Jahresnettoumsatz der ordentlichen Mitglieder beläuft sich auf deutlich mehr als 2,3 Mrd. Euro, die in rund 300 Hotels mit mehr als 35.000 Zimmern und etwa 20.000 Mitarbeitern erwirtschaftet werden. Vorsitzender ist seit 2014 Jürgen Gangl, der GM des Park Inn by Radisson Berlin Alexanderplatz.

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