Marken und Nonkonformisten: Individualität tr...
Marken und Nonkonformisten

Individualität trotz Standards

Karin Rieppel
Ein gechillter General Manager: Holger Berg schätzt es, dass er sich im Mercure Hotel
in Berlin lässig kleiden kann.
Ein gechillter General Manager: Holger Berg schätzt es, dass er sich im Mercure Hotel in Berlin lässig kleiden kann.

Wenn man Holger Berg in der Lobby des neuen Berliner Mercure Hotels am Wittenbergplatz sieht, könnte man ihn für einen Gast halten, der sich ins Berliner Nachtleben stürzen möchte: Undercut,

Wenn man Holger Berg in der Lobby des neuen Berliner Mercure Hotels am Wittenbergplatz sieht, könnte man ihn für einen Gast halten, der sich ins Berliner Nachtleben stürzen möchte: Undercut, Jeanshemd und Tattoos an den Unterarmen. Berg ist jedoch Chef dieses Hotels und womöglich so etwas wie ein Prototyp des neuen Nonkonformismus in der Markenhotellerie. Und das nicht nur wegen seines äußeren Erscheinungsbilds.

„Sei wie du bist“ lautet das Motto für die Mitarbeiter der Arccorhotels-Marke Mercure, und das gilt auch für den Chef: „Das habe ich so beschlossen.“ Der 48-Jährige hat sein gesamtes Berufsleben beim Unternehmen Accorhotels verbracht und kennt vor allem dessen Marke Novotel wie kaum ein anderer – Stationen als General Manager führten in nach Bochum, Nürnberg und zuletzt Köln. Und Köln war mehr als nur eine Station. „Ich habe früher die Novotel-Standards umgesetzt und diese nicht hinterfragt. In Köln änderte sich das.“

Sprayer gestalten Wände



Das Novotel Cologne City war bei seinem Antritt in die Jahre gekommen. Berg fragte sich, was er ändern könnte, um sich abzuheben. Und so ließ er neben baulichen Veränderungen eine 80 Quadratmeter große Wand von Kayo, einem szenebekannten Sprayer, gestalten. Ohne den Konzern vorher zu fragen. „Natürlich stand die Frage im Raum, ob das zur Marke passt. Ich fand jedoch, dass man nach rechts und links schauen sollte und sich ausprobieren muss.“ Die Gäste waren begeistert, im Internet feierten Nutzer weltweit den Graffiti-Künstler. Als Erkenntnis blieb: Die Marke ist wichtig, sie profitiert jedoch davon, wenn man sie an lokale Besonderheiten anpasst und ihr einen persönlichen Stempel aufdrückt.

Ein unangepasster Typ



Die Stadt Köln hat neben seiner Haltung zu seinem Beruf auch seinen Stil verändert. Aus Holger Berg in Anzug, Krawatte und mit unauffälliger Frisur wurde schrittweise ein eher unangepasster Typ. Zugleich blieb er sich jedoch seiner beruflichen Markenverantwortung bewusst. „Ich finde aber, dass wir nicht schicker sein müssen als unsere Gäste.“ Seine Tattoos, die er damals noch versteckte, sind für ihn Ausdruck einer Befreiung von Konventionen. Jedes Jahr erweitert er diese auf seinen Südostasienreisen – in Thailand, Kambodscha oder Laos. Sie haben für ihn auch spirituelle Bedeutung.

Im Accorhotels-Konzern gilt Holger Berg als besonderer General Manager. Ein Exot, der geschätzt wird und wohlgelitten ist. Schließlich will die Konzernspitze weg vom klassischen Image der Häuser und wünscht sich individuelle Typen. Sprich Mitarbeiter, die durch ihre Persönlichkeit überzeugen. Dazu gehört laut Berg auch eine veränderte Fehler-Kultur. „Es gibt jetzt quasi die offizielle Erlaubnis, Fehler zu machen. Die Frage ist jedoch, welche Lehren man daraus zieht.“

Das Berliner Mercure am Wittenbergplatz ist das neue Flaggschiff der Marke. Die Räume sind individuell gestaltet und richten sich an ein junges, designaffines Publikum. Klassische Uniformen gibt es keine, stattdessen trägt das Team Jeanshemden und Chinos. Ganz so, wie es auch Holger Berg gefällt. Wer Tattoos hat, darf sie zeigen, solange es ästhetisch wirkt. Beim Tragen von Piercings ist man noch in einer Testphase: „Wir haben jetzt den ersten Azubi, der einen Nasenring trägt. Mal sehen, wie wir das künftig handhaben.“ Berg hat bereits festgestellt, dass die Gäste in Berlin überraschende Stylings mögen und diese fast erwarten. „Gäste sind weniger konservativ, als man denkt.“ Die Hauptsache ist für Berg, dass seine Mitarbeiter für ihre Freundlichkeit und Unkompliziertheit gelobt werden. Denn zur unkonventionellen Atmosphäre passen entsprechende Mitarbeiter. Zumindest solange sie die Mercure-DNA respektieren. Sein Team besteht deshalb aus einer Mischung aus Accorhotels-Urgesteinen und Quereinsteigern.

Er schätzt die Freiheit in Berlin



Einige Beispiele: Sein Barkeeper hat keine professionelle Branchen-Ausbildung genossen. Er weiß aber, welche Drinks das Publikum mag. Gefunden hat Berg ihn über die Stellenanzeigenrubrik bei Ebay- Kleinanzeigen. Seine Küchenkraft hat davor zehn Jahre lang in einem Seniorenheim in der Küche gearbeitet. Berg hat sie in einer Tchibo-Filiale am Nachbartisch entdeckt. ,„Wir kamen ins Gespräch und ich habe sie gefragt, ob sie einen Job sucht und bei uns arbeiten will.“ Er bemüht sich, dass seine Mitarbeiter ihren Job gern machen.

Berlin hält er für ein hartes Pflaster. Trotzdem sei er hier richtig – beruflich und privat: „Die Großstadt ist genau meins und ich fühle mich pudelwohl.“ Es interessiere niemanden, wie man sein Leben gestaltet. Für Holger Berg eine Freiheit, die er schätzt. Karin Rieppel

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