Interview: Jörg Grede, Waldhotel Stuttgart: "...
Interview

Jörg Grede, Waldhotel Stuttgart: "Die Gäste vermissen uns"

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Jörg Grede (rechts), hier mit Hoteleigner Kevin Sorensen: "Wir sind nicht systemrelevant, aber sozialrelevant"
Jörg Grede (rechts), hier mit Hoteleigner Kevin Sorensen: "Wir sind nicht systemrelevant, aber sozialrelevant"

Der geschäftsführende Direktor spricht mit ahgz-Redakteur Christoph Aichele über das Corona-Jahr 2020 und die Preispolitik in Pandemie-Zeiten, das hauseigene Hygiene-Label „Grüner Vogel“ und den Stellenwert eines gut funktionierenden Teams.

Herr Grede, wie sind Sie mit dem Waldhotel Stuttgart durchs Corona-Jahr 2020 gekommen?

Wir waren mit unseren Krisenplänen sehr früh dran – das hat uns immens geholfen. Als die ersten Meldungen aus China und dem benachbarten Ausland kamen, hatte ich schon ein komisches Gefühl. Anfang Februar hatten wir einen 12-seitigen Lockdown-Plan fertig, jeder im Haus wusste, was er zu tun hatte – falls so ein Fall eintreten sollte, was dann ja auch leider so kam. Insgesamt denke ich, dass wir unter Berücksichtigung der Gesamtlage alles richtig gemacht haben.

Welche Punkte waren in Ihrem Lockdown-Plan hinterlegt?

Das waren Aspekte wie Haustechnik, Wartungen und Service-Intervalle, externe Dienstleister, Post, Müllabfuhr und so weiter. Festgelegt waren beispielsweise auch die Notbesetzung am Front Office und die Zuständigkeiten für die OTAs während des Lockdowns. Besonders wichtig war mir zudem die interne Kommunikation, mit der wir unsere Mitarbeiter während dieser Zeit auf dem Laufenden gehalten haben.

Ihre Mitarbeiter sind alle noch dabei?

Ja, das lag und liegt mir und der Eigentümerfamilie Sorensen besonders am Herzen. Wir haben Urlaube entsprechend gelegt, das Instrument Kurzarbeit genutzt – und zudem die Zeit für Arbeiten am und im Haus genutzt. Unter anderem haben wir die Zimmer frisch gestrichen und der Technik ein Update verpasst. Und natürlich haben wir die Terrassen-Saison vorbereitet – speziell unsere Azubis haben sich hier ganz toll engagiert.

Der Sommer war dann gut?

 Es war aus F&B-Sicht tatsächlich ein Knaller. Die Terrasse war quasi durchgehend voll, wir haben entsprechend die Küchenzeiten ausgeweitet und teilweise im 3-Schicht-Betrieb gearbeitet. Speziell unsere Stammgäste haben sich sehr gefreut, wieder ausgehen zu dürfen. Es war eine ganz spezielle, kommunikative Atmosphäre. Auch Tagungen liefen wieder gut an, Hochzeiten und Feiern hingegen gab es keine. Im Logis-Bereich hatten wir eine ganz ordentliche Auslastung – aber natürlich weit weg vom üblichen Niveau.

Sie haben rund 100 Zimmer. Wie setzt sich Ihre Klientel zusammen?

Normalerweise haben wir um die 80 Prozent Business-Gäste und um die 20 Prozent Leisure-Gäste. Nachdem klar war, dass es mit den Geschäftsreisen schwierig wird, haben wir uns Anfang April zusammengesetzt, um Ideen für Touristen zu entwickeln – etwa Yoga im Garten, Weinwanderungen, den Chefs Table oder auch unser Angebot, den Spa-Bereich exklusiv nutzen zu können. Das kam an, wir hatten in diesem Jahr sogar eine ganze Menge Übernachtungsgäste aus Stuttgart. Von unserem Ideen-Brainstorming haben wir aber auch intern profitiert – es hat uns als Mannschaft noch mehr zusammengebracht, zumal wir einen Coach dabei hatten und über viele offene, auch persönliche Fragen sprechen konnten.

Haben Sie staatliche Hilfen in Anspruch genommen?

 Wir haben keinen KfW-Kredit beantragt, freuen uns aber über die angekündigten November-Überbrückungshilfen und haben natürlich die allermeisten unserer Kollegen in Kurzarbeit. Wir sind um die 100 Mitarbeiter, da ist dieses Instrument schon dringend notwendig. Was den Dezember angeht, bin ich skeptisch – trotz aller Euphorie rund um Biontech. Ich glaube nicht, dass wir unser reguläres Geschäft dann wieder aufnehmen können, die Stimmen aus der Politik geben mir diesbezüglich wenig Hoffnung. Auch hier erhoffe ich mir erneute Überbrückungshilfen.

Wie sehen Sie denn überhaupt den erneuten Lockdown?

 Unabhängig von wirtschaftlichen und unternehmerischen Erwägungen sage ich es mal so: Wir sind nicht systemrelevant, aber sozialrelevant. Man sieht das im Kleinen, etwa wenn speziell ältere Gäste ihr Restaurant vermissen, oder im Großen, etwa wenn Firmen – aller Digitalisierung zum Trotz – auf Präsenztagungen setzen, weil der persönliche Austausch dann einfach viel besser funktioniert.

Was überwiegt bei Ihnen zurzeit: Pessimismus oder Optimismus?

Insgesamt bin ich optimistisch. Ich glaube, dass wir gelernt haben, mit der Thematik klarzukommen – und zu akzeptieren, dass jeder auf seine Art mit Corona umgeht. Ich glaube allerdings auch, dass es uns ohne den derzeitigen Lockdown light wesentlich besser gehen würde. Eigentlich war ich für das letzte Quartal des Jahres sehr zuversichtlich, dass wir befriedigende Umsätze verbuchen, vor allem im Logis-Bereich. Dies dürfte nun eher nicht eintreten. Unabhängig davon und von staatlichen Maßnahmen stelle ich fest, dass das Thema Hygiene ungemein wichtig geworden ist. Wir haben dafür den Grünen Vogel als Label entwickelt, er ist intern wie extern Beweis dafür, was wir rund um Sauberkeit, Sicherheit und Infektionsschutz tun.

Welche Hauptpunkte charakterisieren den Grünen Vogel?

 Zu den Kriterien gehören die Reinigungsintervalle, Lüftungs- und Abstandsregeln, regelmäßige Schulungen der Mitarbeiter und vieles mehr. Das Handbuch dazu umfasst mehr als 100 Seiten. Es geht einfach darum, den Gästen Sicherheit zu vermitteln und ein gutes Gefühl zu geben. Klar war aber auch: Wir wollen das ganz dezent machen, nicht mit dem Dampfhammer.

Kommen wir mal zum Stuttgarter Hotelmarkt mit immer mehr Häusern und Preisen, die kräftig unter Druck sind: Ficht Sie das an?

 Natürlich beobachten wir den Markt und Häuser, die sich in unserem Segment bewegen, mit einigen Kollegen tauschen wir uns auch persönlich aus. Wir sind aber zu dem Schluss gekommen, dass wir mit unserem Hotel, seinen USPs – Lage, Service, Kulinarik – sowie dem Fokus auf Qualität einen eigenen Weg gehen wollen, auch bei den Raten. Konkret bedeutet das, dass wir auch im Corona-Jahr 2020 keine Nachlässe gewähren – auch nicht bei den Firmenkunden und Travel Managern, sondern allenfalls bei den Stornierungsfristen flexibel sind. Ansonsten setzen wir stark auf Eigenvertrieb. Den besten Preis gibt es direkt bei uns.

Große Firmen wie Daimler waren bereits vor Corona in bewegtem Fahrwasser. Spüren Sie Zurückhaltung bei Tagungen und Dienstreisen?

 Ich denke, dass hybride Tagungsformate vor allem wegen des Sicherheitsgedankens realisiert werden. Grundsätzlich bleiben Präsenz-Tagungen sicher weiterhin gefragt. Wir haben uns allerdings schon vor geraumer Zeit diversifiziert, was die Vermarktung unserer Tagungskapazitäten betrifft. Die Automobilindustrie ist hier eine von vielen Branchen.

Sie befinden sich auf der Waldau im Stuttgarter Stadtteil Degerloch, einem der traditionsreichsten Sportareale der Start. Spielt das eine Rolle fürs Waldhotel?

 Wir unterstützen die Stuttgarter Kickers, die unweit entfernt ihr Stadion haben. Fußballmannschaften haben wir ansonsten aber nicht als Gäste – mit einer tollen Ausnahme, denn im Sommer war ja die DFB-Elf samt Trainern und Entourage bei uns. Darüber hinaus haben wir öfter Tennisspieler im Haus, wir haben ja einen eigenen Court und die Eigentümerfamilie Sorensen ist sehr tennisaffin.

Inwiefern rücken Leisure-Gäste in den Fokus?

Die Nachfrage steigt grundsätzlich, ein starker Quellmarkt ist die Schweiz. Natürlich ist Stuttgart kein touristischer Hotspot, aber es tut sich einiges – auch bei den Übernachtungszahlen. Darauf reagieren wir mit entsprechenden Angeboten. Wir sind ein Stück weit mitverantwortlich für die Entwicklung der Destination.

Sie sind bereits bei den Fair Job Hotels engagiert, haben sich also das Thema Mitarbeiter auf die Fahnen geschrieben und leisten hier sehr viel. Welche Pläne gibt es darüber hinaus?

Nachhaltigkeit ist unser ganz großes Thema – einvernehmlich mit den Eigentümern. Wir wollen nicht nur klimaneutral sein, sondern in absehbarer Zeit sogar klimapositiv. Momentan ruht das zwar wegen Corona, es ist aber das erklärte Ziel. Letztlich geht es um die Verbindung von Ökonomie, Ökologie und Sozialem – und noch ein paar Dinge darüber hinaus.

Welchen Stellenwert hat die Gastronomie in Ihrem Hotel?

 Einen großen. Unser Restaurant Finch ist auch bei Locals gefragt, ebenfalls die Bar. Wir müssen fast schon schauen, dass die Hausgäste noch einen Platz bekommen. Kulinarisch wollen wir mit unserem jungen Küchenchef Julian Veigel auf jeden Fall weiter Gas geben, momentan mit Take-away mit Gans & Co. – das aber weniger aus geschäftlichen Erwägungen, sondern eher, um bei den Gästen zu bleiben, Zeichen zu setzen, ein positives Signal auszusenden.





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