Luxushotellerie: Henning Matthiesen: "Leidens...
Luxushotellerie

Henning Matthiesen: "Leidenschaft ist ansteckend"

Brenners Park-Hotel & Spa
Henning Matthiesen: "Ich möchte die Gäste überraschen und begeistern. Sie müssen etwas zum Entdecken haben."
Henning Matthiesen: "Ich möchte die Gäste überraschen und begeistern. Sie müssen etwas zum Entdecken haben."

Brenners Park-Hotel in Baden-Baden ist eine deutsche Hotel-Ikone. Direktor Henning Matthiesen hat die Leitung vor knapp zwei Jahren von Frank Marrenbach übernommen - dann kam Corona.

Herr Matthiesen, hier blickt aus jedem Winkel die Geschichte: Das Hotel wurde 1872 eröffnet. Konrad Adenauer und Charles de Gaulle waren schon hier sowie Angela Merkel und Barack Obama. Ist so viel Historie ein Pfund oder eher eine Last?
Keineswegs eine Last. Das ist ein großer Reichtum, den wir haben. Geschichte und Tradition verkörpern Werte, diese beizubehalten und sie durch Frischzellen zu bereichern, das ist unsere Aufgabe.

Lassen sich diese Themen zur Positionierung für die Gäste nutzen?
Eindeutig. Wir haben viele Stammgäste und viele Familien, die bereits seit Generationen das Hotel besuchen.

Ihre Aufgabe ist es ja, die Werte zu bewahren, aber die Ikone weiterzuentwickeln. Wie geht das?
Das ist gar nicht so komplex. Es gibt die Erwartungshaltung, dass sich das Hotel weiterentwickelt. Aber das muss behutsam geschehen. Wir dürfen den Gast nicht erschrecken. Wir schauen mit neutralem Blick auf die Dinge und hinterfragen sie, ob sie noch zeitgemäß sind. Ich hinterfrage mich auch jeden Tag. Das muss jeder Unternehmer tun.

Vielleicht wissen die Gäste noch gar nicht, dass sie etwas anderes wollen, weil sie es gut finden, wie es ist?
Ich werde ja nicht die Gäste fragen, sondern ich möchte sie überraschen und begeistern. Sie müssen etwas zum Entdecken haben. Wie auf unserer Minerva-Terrasse, aus der wir eine Lounge gemacht haben, mit entsprechender Musik und Bar. Die Gäste können einfach dort verweilen und einen Aperitif oder Eistee trinken. Und wir haben den klassischen Kuchenwagen abgeschafft. Das war nicht mehr zeitgemäß. Stattdessen haben wir eine Theke mit Macarons, darunter den Macaron Fôret Noir (Schwarzwald), den Starpatissier Pierre Hermé aus Paris eigens für das Brenners kreiert hat. Man muss den Mut für Veränderungen aufbringen.

Welche Werte dürfen nicht verlorengehen?
Die Leidenschaft. Wir befolgen nicht nur Standards, sondern haben Leidenschaft für die Berufung entwickelt. Leidenschaft ist ansteckend. Nur so ist der besondere Level des Service zu erreichen. Und die Mitarbeiter sind die Seele des Hotels.

Das Hotel ist seit Anfang Juni wieder geöffnet, es hat eine lange Schließzeit hinter sich. Welche Spuren hat das hinterlassen?
Da geht keiner spurlos durch. Wir hatten im zweiten Lockdown vom 2. November 2020 bis zum 2. Juni 2021 geschlossen. In dieser Zeit macht man sich, abgesehen von den finanziellen Einbußen, die damit verbunden sind, Gedanken, wie es weitergeht. Wir haben im Moment des Schließens schon den Restart vorbereitet. Wir können nicht einfach sieben Monate später das Hotel aufmachen, sondern es muss dabei einiges passieren, um die Gäste wieder zu begeistern. Ein wichtiger Teil ist die Kommunikation. So haben wir die Zeit positiv genutzt.

Die Zeit hat Sie bei der Wiedereröffnung begleitet und vom "Aufatmen unterm Kronleuchter" geschrieben.
Aufatmen trifft es auf jeden Fall. Die Leidenschaft aller Mitarbeiter war spürbar. Während der Schließzeit hatten wir einen regen Austausch mit unseren Gästen, an Weihnachten, zu Geburtstagen und anderen Anlässen. Viele haben uns kontaktiert und manche haben sogar ihre Reservierung von Woche zu Woche verschoben, bis zur Wiedereröffnung, die wir am 3. Juni mit rund 60 Prozent Belegung gestartet haben.

Dazu gab es ein berührendes Video, in dem das leere Hotel zu sehen ist, dann legen Sie und Ihr Chefconcierge den Hebel um, so werden alle Stammgäste alarmiert und kommen endlich wieder ins Hotel. Wie kam das an?
Viele Gäste kennen die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Das wollten wir widerspiegeln. Und der Film spricht für die ganze Branche, er wurde sehr positiv wahrgenommen. Aber wir sind keine Filmemacher und hoffen, dass wir das nie wieder machen müssen (lacht).

In den Medien wird das Hotel als Seismograph für den Zustand von Baden-Baden genannt. Ist das so tief verwurzelt?
Das Hotel gehört zu Baden-Baden und es gilt sicherlich auch umgekehrt. Es ist ein außergewöhnlicher Ort. Hier ist alles vorhanden, Festspielhaus, Museen, Gastronomie und Natur. Das gehört zusammen.

Baden-Baden ist als Weltkulturerbe selbst eine Sehenswürdigkeit. Macht sich die Aufnahme in die Welterbeliste schon bemerkbar?
Der internationale Markt ist noch verhalten, sodass wir noch nicht sagen können, dass der Wasserhahn läuft und das Geschäft sprudelt. Aber wir haben die Nachricht mit Freude aufgenommen und mit vielen Reiseagenten geteilt. Es geht dabei auch um eine langfristige Sicherung des Standorts.

Früher waren viele Besucher aus Russland hier, aus den USA und den arabischen Staaten. Wie verschmerzen Sie den Wegfall?
Diese starken Märkte haben wir auch während der Schließzeit nicht aus den Augen verloren. Einige Gäste aus diesen Ländern können inzwischen wieder reisen, zum Beispiel für unsere Medical-Care-Programme. Natürlich schauen wir seit der Pandemie auch noch stärker auf unsere Nachbarn, und das hat sich bezahlt gemacht. Wir registrieren ein wachsendes Gästeaufkommen vor allem aus Benelux, Frankreich und der Schweiz.

Nächstes Jahr wird das Brenners Park-Hotel & Spa 150 Jahre alt. Was planen Sie?
Auf jeden Fall eine Festschrift, und wir werden die Themen im gesamten Jahr spielen. Es wird nicht nur einen Festabend geben. Lassen Sie sich überraschen.

Wie ist es, Nachfolger von Frank Marrenbach und Richard Schmitz zu sein? Werden Sie oft auf Ihre Vorgänger angesprochen?
Eigentlich nicht, hauptsächlich von der Presse (lacht). Sie haben beide die Geschichte des Hauses geprägt und sind selbst zum Bestandteil der Historie geworden.

In Baden-Baden tut sich einiges. Auch die Hotellandschaft verändert sich. Das Roomers hat sich etabliert, das Dorint Maison Messmer tritt stark auf und 2024 kommt das Steigenberger Icons Hotel Europäischer Hof. Wird der Kuchen neu verteilt?
Es heißt ja, jede Mücke sticht. Aber im Ernst: Der Wettbewerb ist eine Bereicherung für die gesamte Destination. Je mehr Hotels Baden-Baden im oberen Segment vermarkten, desto besser.
„Wir müssen uns mehr auf die Bedürfnisse der Mitarbeiter einstellen, nicht nur auf uns. “
Henning Matthiesen

Das Brenners Park-Hotel bietet schon länger eine medizinische Behandlung für Gäste sowie ganzheitliche Erholung in der Villa Stéphanie Spa & Wellbeing. Wie läuft das?
Brenners Medical Care ist eine starke Säule. Das Thema Gesundheit dringt mehr und mehr ins Bewusstsein der Menschen ein. Das reicht von Detox über Weight Loss bis hin zu medizinischen Behandlungen.

Wie läuft das Restaurant Fritz & Felix? Das Konzept wurde ja entwickelt, nachdem 2-Sterne-Koch Paul Stradner gegangen war.
Hotelrestaurants werden nur erfolgreich, wenn sie den lokalen Markt hinter sich haben, und das haben wir gut hinbekommen. Die Gäste probieren bei einem längeren Aufenthalt auch gern etwas anderes aus, aber dafür bekommen wir auch Gäste von den anderen Hotels.

Vermissen die Gäste Sterne?
Der eine oder andere Gast vielleicht. Aber mit dem Fritz & Felix hat Frank Marrenbach ein sehr erfolgreiches Konzept entwickelt. Wir haben es noch feiner getunt für den lokalen Markt. Zugpferde sind hier vor allem unsere innovativen Menüs und Special Cuts, etwa das Tomahawk Steak oder der im Ganzen gegrillte Fisch. Das gibt es sonst selten in der Bäderstadt.

Wie war der Restart? Welche Belegung hatten Sie im Sommer, und haben Sie die Raten erhöht?
Sehr erfolgreich. Trotz schwacher internationaler Märkte hat es sich gezeigt, dass die Stellschrauben, an denen wir gedreht haben, funktionieren. So konnten wir die Durchschnittsrate bei gleichbleibender Belegung durch strukturelle Veränderungen in den Zimmerkategorien um rund 140 Euro steigern.

Können Sie alle Services anbieten oder fehlen Mitarbeiter? Wir bieten alles an, die Restaurants sind wie eh und je geöffnet an sechs beziehungsweise sieben Tagen. Nur wenige unserer Mitarbeiter haben die Branche verlassen, es gab keine merkliche Abwanderung. Aber wir müssen insgesamt einiges machen, um das Image der Grandhotellerie nach vorn zu bringen. Das muss das Gastgewerbe als Chance begreifen. Wir müssen mehr machen und anders denken, andere Sichtweisen erwägen, um die Menschen für diese außergewöhnliche Branche zu begeistern. Das ist nicht nur Aufgabe der Verbände, da muss jeder Hotelier mitmachen. Wir müssen uns mehr auf die Bedürfnisse der Mitarbeiter einstellen, nicht nur auf uns. Kürzlich hat bei uns Rosemarie Becker aus der Küche ihr 40-jähriges Firmenjubiläum gefeiert. Das war sehr bewegend und sie erzählte, dass sie damals im Brenners angefangen hat, weil Richard Schmitz dort die 5-Tage-Woche eingeführt hat. Das war für sie ausschlaggebend.

Übertragen auf heute: Ist die 4-Tage-Woche die Lösung?
Da bin ich mir nicht sicher. Wir müssen individuelle Lösungen suchen. Wenn einer nur drei Tage in der Woche arbeiten kann, dem bringt die 4-Tage-Woche nichts. Es geht um Themen wie Jobsharing, neue Arbeitsmodelle. Wir müssen anders denken und Dinge ausprobieren.

Was erwarten Sie 2022? Normalität und Planbarkeit, mehr Beständigkeit im Reiseverhalten. 2022 sollte insgesamt etwas besser werden als das Vor-Corona-Jahr 2019.
Brenners Park-Hotel & Spa
Das Hotel wurde 1872 eröffnet und hat heutzutage 100 Zimmer und Suiten. Inhaber ist die Dr. August Oetker KG. Die Preise in dem Haus mit der Klassifizierung 5 Sterne superior beginnen bei 430 Euro für das Superior Park Zimmer. Das Hotel ist das Stammhaus der Oetker Collection und ist Mitglied der Selektion Deutscher Luxushotels. Maßstäbe setzt das Hotel mit der Villa Stéphanie Spa & Wellbeing. Die Gastronomie besteht aus drei Restaurants: Wintergarten, Rive Gauche Brasserie und Fritz & Felix.

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