Interview: Marriott-CEO Capuano: "Das Reisen ...
Interview

Marriott-CEO Capuano: "Das Reisen verändert sich"

Marriott
Marriott International CEO Tony Capunao.
Marriott International CEO Tony Capunao.

Anthony "Tony" Capuano ist seit Februar dieses Jahres CEO von Marriott International, der weltweit größten Hotelgesellschaft. Beim Internationalen Hotel Investment Forum in Berlin stellte er sich den Fragen von Rolf Westermann.

 

Tony, herzlichen Glückwunsch zum neuen Amt. Sie haben in einer besonderen Zeit übernommen. Wie ist es im Fahrersitz des größten Hotelunternehmens der Welt?

Capuano: Ich bin nun 26 Jahre im Unternehmen und erst der vierte CEO in der Firmengeschichte. Es ist ein Privileg, das mit großen Herausforderungen verbunden ist. Absolut interessant finde ich die Leidenschaft und Resilienz unserer Mitarbeiter. Als ich kürzlich in Frankfurt war, habe ich einen Mitarbeiter getroffen, der sich freiwillig bei der Feuerwehr engagiert. Das hat mich nachdenklich gemacht - diese Person läuft auf die "Flammen" zu, und das gilt auch für unsere Mitarbeiter. Wenn sie eine Krise angehen, denken sie darüber nach, wie wir unsere Situation verbessern und Probleme lösen können. Das ist für mich sehr inspirierend.   

Ist das eine ihrer ersten großen Reisen in diesem Jahr?

Capunao: Ich bin schon viel durch die USA gereist und war kürzlich in Lateinamerika. Nun bin ich erstmals seit Langem ein Europa, und das gleich für zwei Wochen. Ich bin anders unterwegs als früher in meinen drei Jahrzehnten der Businessreisen: Weniger häufig, aber jeweils länger. Und die Reiseanlässe vermischen sich. Zum Beispiel habe ich einige Zeit in Deutschland verbracht, und als nächstes treffe ich meine Familie für ein paar Tage in Italien, und dann bin ich wieder zurück im Business mit Satya Anand (President EMEA) in Rom und Venedig. Später in diesem Jahr werde ich auch in den Nahen Osten reisen. Das zeigt deutlich, wie sich Geschäftsreisen entwickeln.

Wie viele ihrer früheren persönlichen Begegnungen haben sich auf Videokonferenzen verlagert und was bedeutet ihre Erfahrung für das Tagungsgeschäft der Hotels?

Capuano: Heute Morgen hatten wir ein Video-Meeting und die Verbindung war schlecht. Es wurde immer wieder unterbrochen. Ich wurde daran erinnert, wie wichtig persönliche Kontakte sind, als ich in Washington ein persönliches Führungstreffen hatte. Da sieht man die Körpersprache, den Gesichtsausdruck. Selbst in den Kaffeepausen wurde viel gearbeitet. Unser Geschäft ruht auf tiefen Beziehungen. Technologien werden den persönlichen Austausch ergänzen, aber niemals ersetzen.  

Mit welchem Rückgang von Businessreisenden rechnen Sie auf Dauer und wie füllen Sie die Lücke?

Capuano: Demnächst bin ich in Rom. In den über 2000 Jahren, in denen die Stadt existiert, fragte man sich immer einmal, ob der Ort bestehen bleibt. Auch in New York gibt es ein Auf und Ab. Die Reiseindustrie unternimmt alles für die Sicherheit. Das Geschäft wird zurückkommen, auch wenn die Erholung im Detail schwer vorherzusagen ist, weil das Virus unberechenbar ist. Aber das Reisen bleibt ein Grundbedürfnis. Wenn etwa Griechenland die Grenzen öffnet, dann gehen die Buchungszahlen für unsere Hotels innerhalb kürzester Zeit nach oben. Das ist faszinierend zu sehen. Auch wenn Geschäftsreisen um zehn Prozent zurückgehen sollten, wird die Mischung von Business- und Leisurereisen das ausgleichen.

Welche Rolle spielen All-inclusive Angebote und wie ist zu verhindern, dass eine Billigclubatmosphäre entsteht?

Capuano: Wir haben All-inclusive bereits vor der Pandemie intensiviert und es wird immer mehr nachgefragt. Es ist eine Möglichkeit, die Gästezufriedenheit im Leisurebereich zu steigern. Dabei geht es natürlich um exklusive F&B-Leistungen, die auch ihren Preis haben.

 Ein stark wachsender Bereich ist die Vermietung von Privatunterkünften. Wie sieht die Entwicklung von Homes & Villas by Marriott International aus?

Capunao: Auch hier sind wir schon früh gestartet, während der Pandemie ist die Nachfrage allerdings explodiert. Wir sind im April 2019 mit nur 2000 Einheiten gestartet, jetzt sind es über 30.000 in mehr als 250 Destinationen. Bei Marriott gehört ein Top Service dazu. Es gibt immer einen Ansprechpartner, bei dem man auch noch um Mitternacht den Schlüssel abholen und der sich etwa um eine kaputte Spülmaschine kümmern kann.   

Der Börsenkurs hat sich seit dem Tiefpunkt im April 2020 wieder mehr als verdoppelt, ist aber nach der Ergebnisveröffentlichung des ersten Halbjahres Anfang August gesunken. Sind die Erwartungen der Märkte zu hoch?

Capuano: Wir hatten ein atemberaubendes zweites Quartal. Ich bin sehr zufrieden mit unseren Ergebnissen und der Beschleunigung der globalen Erholung. Die enorme Gesamtverbesserung, die wir im zweiten Quartal sowohl bei der Auslastung als auch bei der Rate gesehen haben, zeigt, dass die Menschen es lieben zu reisen und in unseren Hotels zu übernachten. Die Nachfrage wuchs im zweiten Quartal stetig. Die weltweite Auslastung stieg im Monat Juni gegenüber Mai um sechs Prozentpunkte auf über 55 Prozent. Die durchschnittliche Tagesrate war im Juni nur um 13 Prozent niedriger als im Juni vor zwei Jahren. Der Markt fokussiert sich aber weniger auf das zweite Quartal, er will Klarheit, wann die Pandemie vorüber ist. Das sind Fragen, die wir nicht beantworten können.

Marriott International

Gründung: 1927 in Washington D.C. durch J. Willard und Alice Marriott

Fakten: Marriott International, Inc. (NASDAQ: MAR), mit Hauptsitz in Bethesda/Maryland, USA, verfügt über ein Portfolio von  mehr als 7.800 Hotels in 138 Ländern und Territorien und umfasst direkt und als Franchise betriebene Häuser sowie lizensierte Vacation Ownership Resorts unter dem Dach 30 führender Marken.

Geschäftsführung: Doppelspitze mit CEO Anthony "Tony" Capuano und Präsidentin Stephanie Linnartz Vorstandsvorsitzender ist John Willard (JW) „Bill“ Marriott Jr.

Mitarbeiter: 121.000 Mitarbeiter (Stand: Ende 2020)

Umsatz 2020: 10,5 Mrd. US-Dollar (2019: 21 Mrd. US-Dollar)

Vorsteuergewinn 2020: minus 466 Mio. US-Dollar (2019: 1,6 Mrd. US-Dollar)

Prognosen 2021: 13 Mrd. US-Dollar Umsatz, 1,16 Mrd. US-Dollar Vorsteuergewinn

Portfolio: Mehr als 7.800 Hotels mit mehr als 1 Mio. Zimmern in 138 Ländern und Territorien

Marken: 30 Marken (Moxy, Marriott, St. Regis, Ritz Carlton, Sheraton, Westin)

Größte Marke: Courtyard by Marriott (1.234 Hotels)

Treueprogramm: Marriott Bonvoy mit mehr als 153 Mio. Mitglieder

Hotels in Deutschland: 94 Hotels, 16 Marken

 

 

In der Pandemie hat auch Marriott stark gelitten. Wie sehen die Prognosen für dieses Jahr aus?

Capunao: Aufgrund der Unvorhersehbarkeit der Pandemie ist es sehr schwierig, langfristige Prognosen zu erstellen. Wir sind optimistisch, aber beobachten die Lage genau.

 Wir haben viel über Probleme gesprochen, welche Chancen sehen Sie?

Capuano: Das spricht mir aus den Herzen. Meine Reise nach Europa hat mich sehr ermutigt. Die Flugzeuge waren voll, überall haben die Menschen mit Laptops gearbeitet. Ich bin beeindruckt von unseren Teams, wir haben neue Geschäftsfelder erschlossen und alle Zahlen zeigen nach oben, auch wenn wir noch eine steile Kurve vor uns haben. 2020 war bisher das bisher stärkste Geschäftsjahr bei der Vermietung von Privatunterkünften und wir werden im Mai 2022 The Ritz-Carlton Yacht Collection mit der ersten Yacht Evrima starten. Das sind große Chancen. Im Zentrum aller Aktivitäten steht unser Loyaltyprogramm Marriott Bonvoy, das als 31. Marke oder sogar als Dachmarke angesehen werden kann. Manche sind in diesem Jahr noch gar nicht gereist und wir sind in der Lage, über Marriott Bonvoy Kontakt zu halten.

Viele Menschen haben Angst vor einem Klimawandel. Entsprechend wichtig ist das Thema Nachhaltigkeit. Wie ist ihre Einschätzung dazu? Welchen Beitrag kann die Hotellerie leisten?

Capuano: Das ist eine ganz wichtige Frage, die eine immer größere Rolle spielt und ich bin froh, dass Sie das ansprechen. Nachhaltigkeit ist inzwischen eine wichtige Geschäftsgrundlage auch in der Zusammenarbeit mit anderen Unternehmen. Unsere Gäste - und auch die Mitarbeiter - wollen keine blumigen Versprechen, sondern klare Fakten und detaillierte Handlungen, wie wir bei der Nachhaltigkeit vorankommen. Das haben wir in der DNA des Unternehmens verankert und wir werden unsere Anstrengungen verstärken. 

In New York hat Marriott ein Courtyard in der Nähe des World Trade Centers an die deutsche Budgetdesignkette Motel One abgegeben. Was können Sie Motel One Gründer Dieter Müller für sein Business in Manhattan empfehlen?

Capuano: Zunächst sage ich willkommen! NY ist ein besonderer Markt. Das wird eine schöne Lernerfahrung werden. Ich wünsche ihm, dass er tief in die unterschiedlichen. Nachfragequellen einsteigt. Wir haben in der Pandemie gelernt, obwohl es einen gesunden Wettbewerb der Marken gibt, dass wir angesichts der Krise alle zusammen dazu beitragen müssen, dass sich der Tourismus erholt. Deshalb wünsche ich ihm Gottes Segen und alles Gute.

Endlich gibt es wieder Leben in den Hotels. Aber stehen auch genügend Arbeitskräfte zur Verfügung?

Capunao: Der Kampf um die besten Talente gehört zu den wichtigsten Aufgaben der Zukunft. In der Covid-Krise haben rund 20 Prozent der Mitarbeiter die Branche verlassen. Das ist eine der wichtigsten Veränderungen durch die Krise, gleichzeitig eine der größten Herausforderungen für die Zukunft. Dabei spielt auch das Thema Diversität eine wichtige Rolle. Für viele Mitarbeiterinnen ist es eine große Inspiration, dass bei Marriott viele hochrangige Positionen mit Frauen besetzt sind, wie President, CFO und General Counsel. Aber unsere Arbeit ist noch lange nicht getan.

Anthony Capuano

Ausbildung: Cornell University (Bachelor Hoteladministration)

Stationen: Seit 1995 bei Marriott, zunächst Market Planning and Feasibility, später Nordamerika- und Lateinamerika-Chef, 2009 übernahm er die globale Entwicklungsverantwortung, 2014 wurde er Group President Global Development, Design and Operations Services.

Heutige Position: CEO (seit Februar 2021)

Stationen: Seit 1995 bei Marriott, zunächst Market Planning and Feasibility, später Nordamerika- und Lateinamerika-Chef, 2009 übernahm er die globale Entwicklungsverantwortung, 2014 wurde er Group President Global Development, Design and Operations Services.

Heutige Position: CEO (seit Februar 2021)

 

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