Editorial: Kein Warten auf den Sankt Nimmerle...
Editorial

Kein Warten auf den Sankt Nimmerleinstag

Redaktion
Rolf Westermann, ahgz Chefredakteur
Rolf Westermann, ahgz Chefredakteur

Ein langer Atem ist gefragt. Der Weg zurück aus der Coronakrise wird steinig. Umso wichtiger ist es, nicht abzuwarten, sondern die richtigen Vorbereitungen zu treffen.

Spätestens die Pressekonferenz von Bundeskanzlerin Angela Merkel und der Ministerpräsidenten am vergangenen Mittwoch hat gezeigt, dass der Weg zurück aus der Coronakrise lang und steinig sein wird. Wer bis dahin noch an eine schnelle Normalisierung geglaubt hatte, wurde enttäuscht. Umso wichtiger ist es, nicht abzuwarten, sondern die richtigen Vorbereitungen zu treffen. Zeit dafür ist plötzlich vorhanden für Fragen wie diese: Wie können Mitarbeiter und Gäste Abstände einhalten und was bedeutet das betriebswirtschaftlich? Welche Zusatzgeschäfte haben sich bewährt? Was muss an der Hygiene und am Gesundheitsschutz geändert werden? Welche neuen Betriebsabläufe sind einzuüben?

Das klingt nach lästigen Trockenübungen. Aber diejenigen, die ihre Hausaufgaben rechtzeitig machen, werden schneller aus den Startlöchern kommen. Hotelberaterin Elke Schade betont: „Jetzt ist es an den Unternehmern, alle operativen und strategischen Dinge neu zu überdenken und neue Weichen zu stellen. Die Ausrede ‚dafür hatten wir keine Zeit’ gilt nach dieser Krise nicht mehr.“

Wöchentliche Prüfungen angemahnt

Nun sind dringend Entscheidungen der Politik für das Überleben und zur Stärkung Gastronomie und Hotellerie fällig. Weitere Finanzhilfen sind nötig und vielfach herrscht der Eindruck, dass die Wiedereröffnungen auf den Sankt Nimmerleinstag verschoben werden sollen. "Ein Drittel unserer Betriebe steht auf der Kippe", erklärt der baden-württembergische Dehoga-Vorsitzende Fritz Engelhardt. "Wenn die Politik nicht sofort handelt, rechnen wir mit rund 10.000 Firmenpleiten in unserer Branche allein in Baden-Württemberg."

Es ist tatsächlich zu fragen, warum unsere Branche ganz hinten angestellt wird, während die Kunden vor Baumärkten Schlange stehen. Die Lage soll erst Ende April neu bewertet werden.

Hotelier Marcus Fränkle vom Blauen Reiter in Karlsruhe hat das treffend kommentiert: "Eine gute Frage warum nicht wöchentlich geprüft wird, sondern erst wieder am 30.04.!!!!???" Er könne nicht verstehen, warum Hotels keine Lockerung bekommen. "Wir - und sicher auch viele Kollegen - haben zum Beispiel ein Konzept entwickelt, das es uns ermöglicht bis zu 50 Gäste GLEICHZEITIG mit dem nötigen Abstand (und darüber hinaus) bewirten zu können. Entsprechende Hygienekonzepte liegen auch schon bereit." Hotelier Kai Gelhausen vom Best Western plus Konrad Zuse Hotel beklagt in der Fuldaer Zeitung: "Hier scheinen wir eher daran zu scheitern, dass wir in der Politik keine Lobby haben."

Politik von Angst getrieben?

Noch einen Schritt weiter geht der Hamburger Unternehmer Eugen Block, der im Nachrichtenmagazin der Spiegel der Politik vorwirft, sie handele angstgetrieben. «Ich habe klargemacht, dass das totale Einstellen des öffentlichen Lebens zum wirtschaftlichen Niedergang führt.» Der 79-Jährige will sich das bisher verlorene Geld von der Regierung zurückholen.

Der Dehoga hat in einem Schreiben an die Kanzlerin appelliert, vor der nächsten Abstimmung des Bundes und der Länder ein verantwortliches Wiederhochfahren der Restaurants und Hotels zu prüfen. "Dabei haben wir ausdrücklich die Bereitschaft der Branche erklärt, alle notwendigen Schutzmaßnahmen wie zum Beispiel das Abstandsgebot, höhere Hygieneanforderungen, etc. umzusetzen", heißt es in einer Mitteilung des Verbands.

"Sie sind Helden!"

Der Dehoga Bayern rief inzwischen seine Mitglieder auf, den Abgeordneten in Bund und Ländern die Lage vor Augen zu führen. "Wir müssen zusätzlichen Druck erzeugen, sonst droht eine Insolvenzwelle", schreibt der Verband. "Sie sind keine Bittsteller. Sie sind Helden!" 

Bei all der Tristesse macht der bayerische Ministerpräsident Markus Söder, der besonders strikte Maßnahmen verhängt hat, etwas Hoffnung. Er bezeichnete es als "Kernforderung", der Branche mit einem ermäßigten Mehrwertsteuersatz zu helfen. 7 Prozent auf Essen (statt des üblichen Mehrwertsteuersatzes von 19 Prozent in der Gastronomie mit Bedienung) ist seit langem ein zentrales Anliegen des Dehoga und der gesamten Branche. Allerdings wird das nicht in Bayern entschieden sondern in Berlin. Einzelne Gastronomen sagen zwar, dass bei null Erlösen der Steuersatz egal sei. Aber nach dem Anspringen des Geschäfts kann die Steuersenkung eine große Rolle spielen und gerade in der Anfangszeit das zarte Pflänzchen der Erholung stärken. 

Hoffnungsschimmer für Sommer und Herbst

Immerhin gibt es in Schleswig-Holstein detailliert ausgearbeitete Pläne zur Sommersaison und die Messe Frankfurt will ihre Herbstveranstaltungen wie Light & Building, Automechanika und die Buchmesse stattfinden lassen. Söder sorgte mit seiner Andeutung der "leisen Hoffnung", dass Hotels und Restaurants "vielleicht an Pfingsten" wieder geöffnet werden könnten, wenigstens für eine mögliche Ziellinie. Bis dahin sind es jedoch noch sechs Wochen mit normalerweise intensiver Reise- und Ausflugstätigkeit. Weitere schmerzhafte Verluste sind damit garantiert. Ein langer Atem ist gefragt. Und damit sind wir wieder beim Thema Zeit nutzen.

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r.westermann@ahgz.de

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