Städteplanung: Kiels Angst vor leeren Betten
Städteplanung

Kiels Angst vor leeren Betten

Oliver Stenzel
Warnen vor dem Bettenboom: (hintere Reihe, von links) Rainer Birke, Joachim Ostertag, Carl-Heinz Lessau, (vordere Reihe von links) Ulrike Fröhlich, Peter Böhm, Melanie Kußauer.
Warnen vor dem Bettenboom: (hintere Reihe, von links) Rainer Birke, Joachim Ostertag, Carl-Heinz Lessau, (vordere Reihe von links) Ulrike Fröhlich, Peter Böhm, Melanie Kußauer.

Kiel. Im Kieler Maritim Hotel haben sich dieser Tage Hoteliers unterschiedlicher Häuser getroffen, die sich zu einer kollegialen Allianz zusammengeschlossen haben. Grund ist die nahende

Kiel. Im Kieler Maritim Hotel haben sich dieser Tage Hoteliers unterschiedlicher Häuser getroffen, die sich zu einer kollegialen Allianz zusammengeschlossen haben. Grund ist die nahende „Katastrophe“, wie Frank Kußauer, Direktor im Kieler B&B-Hotel den Hotelboom in der Stadt nennt. Zwischen 2018 und 2019 sollen in Kiel mehr als 1000 zusätzliche Hotelzimmer der 3-Sterne- sowie der 3-Sterne-plus-Kategorie entstehen.

Im Zentrum wird sich ein Ibis Styles ebenso ansiedeln wie ein Adagio Access, ein Lindner-Hotel und ein Atlantic Budget. Hinzu kommen ein Hotel der Novum-Gruppe, ein Hampton by Hilton und ein weiteres B&B-Hotel im zentrumsnahen Wissenschaftspark. Einen Anlass für diesen plötzlichen Boom gibt es nicht. Von Seiten der Stadt interpretiert man diesen als Beleg für ihre wachsende Attraktivität.

Der Einladung von Joachim Ostertag, Direktor Maritim Kiel, folgten also durchaus Konkurrenten, deren Sorge gleichermaßen den leerstehenden Betten gilt: Melanie und Frank Kußauer vom B&B stehen wie auch Intercity-Chefin Ulrike Fröhlich für zwei bahnhofsnahe Hotels mit funktionalem Komfort, Peter Böhm vom Berliner Hof und Rainer Birke vom gleichnamigen Ringhotel dagegen für zwei Traditionshäuser der Stadt. Carl-Heinz Lessau schließlich ist vom nahen Kieler Kaufmann, das als erstes Haus am Platz gilt, zu dem Treffen gekommen.

Rainer Birke betont, dass die Zimmerzahl schwindelerregend sei: „Wir reden von 2051 Betten, die Kiel dann mehr hat. Das entspricht einem Plus von 43,44 Prozent gegenüber heute.“ Wie der Markt die aus diesem Plus erwachsende Mehrzahl von 330.000 Übernachtungen pro Jahr verkraften soll, ist ihm ein Rätsel, ebenso wie den anderen Teilnehmern. „Die Folgen des Überangebots werden dramatisch sein“, betont Birkes Kollege Peter Böhm, der auch Chef des Kieler DEHOGA-Kreisverbandes ist.

Joachim Ostertag wird konkret: „Es werden viele kleine Hotels schließen müssen und bei denen, die sich halten, ist ein drastischer Personalabbau zu befürchten.“ Überdies werde für die Angehörigen der Branche der Zeitvertrag zur Norm. „Auf all das habe ich keinen Bock“, sagt Ostertag und erntet zustimmendes Nicken seiner Kollegen. Zumal die Übernachtungszahlen schon jetzt nicht stimmen würden: Vielmehr rechnen die Hoteliers damit, dass Kiel für 2016 als einzige Stadt im Land einen Rückgang vermelden muss. Und 15 Prozent der belegten Zimmer würden sogar auf Kosten der Stadt für die Unterbringung von Flüchtlingen genutzt, unterstreicht Melanie Kußauer. In Anbetracht der Tatsache, dass diese neben der Kieler Woche kaum touristische Attraktionen für die Geschäftswelt biete, trifft Rainer Birke eine düstere Prognose: „Erst sinkt die Auslastung der Zimmer, dann kommen die Preise und am Ende folgt die Rendite.“

Um den Bauboom aufzuhalten, ist es zu spät, das wissen auch die Teilnehmer der Runde. Aber Öffentlichkeit und Politik sollen von dessen möglichen Folgen erfahren. Joachim Ostertag sieht dabei Letztere in der Pflicht: „Der Fall liegt beim Oberbürgermeister. Der hat uns die Suppe eingebrockt und sollte sie auch auslöffeln“, fordert der Maritim-Chef von Kiels OB Ulf Kämpfer, der die Schuldzuweisung allerdings von sich weist. Weder würden die neuen Hotels auf städtischen Grundstücken gebaut noch würde er in diesem Bereich über sonstige Steuerungsmöglichkeiten verfügen. Was also tun? „Die Stadt muss Attraktionen schaffen“, betont Carl-Heinz Lessau, der sich in diesem Punkt nicht nur mit seinen Kollegen, sondern auch mit dem OB einig ist. Der Wunsch: ein Kongresszentrum direkt an der Förde, dass das Format hätte, ein Wahrzeichen zu werden. Diese Vision ist aber Zukunftsmusik. Und so könnte Kiel als Stadt der leeren Betten von sich reden machen. Oliver Stenzel

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