Konjunktur: DIW-Chef Prof. Fratzscher: Pandem...
Konjunktur

DIW-Chef Prof. Fratzscher: Pandemierisiko nicht unterschätzen

Rolf Westermann
Ist insgesamt optimistisch: Prof. Marcel Fratzscher.
Ist insgesamt optimistisch: Prof. Marcel Fratzscher.

Der Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung, Prof. Marcel Fratzscher, hat dazu aufgerufen, die weiteren Auswirkungen der Coronapandemie ernst zu nehmen.

„Meine Befürchtung ist, dass wir das Risiko, dass die Pandemie nicht beendet ist, unterschätzen“, sagte er am Montag vor rund 140 Teilnehmern beim 13. Hotelimmobilien-Kongress der dfv Conference Group und von Heuer Dialog im Steigenberger Airport Hotel Berlin.

Im vergangenen Jahr habe die Politik zu spät auf die steigenden Coronazahlen reagiert, dann habe es sehr heftige Restriktionen für ein halbes Jahr gegeben. Die Pandemie sei weiterhin ein Risiko. Insgesamt habe Deutschland die Pandemie im europäischen Vergleich bisher im Großen und Ganzen gut bewältigt. „Es gab halb so viele Menschen, die Covid hatten im Vergleich zu fast jedem anderen europäischen Land“, erklärte Fratzscher.

Sechs Risiken für die Wirtschaft

Für die wirtschaftliche Entwicklung sieht der Institutspräsident sechs Risiken aus globaler Perspektive: Neben der Pandemie sind das die Lieferketten, Handelskonflikte, Finanz- und Schuldenkrisen, eine Zinswende sowie geopolitische Krisen. In den vergangenen Monaten seien die Konjunkturprognosen deutlich nach unten korrigiert worden. „Wir rechnen in diesem Jahr nur noch mit einem Wirtschaftswachstum von 2,4 Prozent.“ Im Juni habe die Prognose noch bei 3,8 Prozent gelegen. Gründe seien unter anderem Liefergenpässe und explodierende Energiepreise. Für 2022 seien er und andere Institute aber optimistisch mit einer Wachstumsprognose von 4,8 Prozent.

Verlust von 4 Mio. Arbeitskräften in den nächsten Jahren

Prof. Fratzscher ging auch auf den Arbeitskräftemangel ein. „In den kommenden zehn Jahren werden wir vier Millionen Beschäftigte verlieren“, sagte Fratzscher. Das seien fast zehn Prozent aller Beschäftigten in Deutschland. Ohne massive Zuwanderung werde es nicht gehen. Und auch bei Frauen sei ein großes Potenzial vorhanden. Viele Teilzeitkräfte würden gern mehr arbeiten, wenn die Rahmenbedingungen es zuließen.

Dagegen sieht Prof. Fratzscher keine Gefahr durch die derzeit hohe Inflationsrate. Dies sei eher eine Normalisierung. Auch die Staatsschulden seien agesichts der geringen Zinsen kein Grund zur Besorgnis. Dringend notwendg seien Investitionen der öffentlichen Hand in die Infrastruktur. Dies sei jahrelang vernachlässigt worden. Unklar sei allerdings, wie sich wegfallende staatliche Hilfen im kommenden Jahr auf die Unternehmen auswirken. "Für viele Unternehmen kann 2022 der Schwur kommen", meinte Prof. Fratzscher.

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