Meinung: Hotelier Marcus Fränkle: "Wir wachen...
Meinung

Hotelier Marcus Fränkle: "Wir wachen auf!"

Hotel
Marcus Fränkle: "Die Krise hat gezeigt, dass wir mehr Präsenz in der Politik brauchen"
Marcus Fränkle: "Die Krise hat gezeigt, dass wir mehr Präsenz in der Politik brauchen"

In Karlsruhe betreibt Marcus Fränkle das mehrfach ausgezeichnete Design- und Tagungshotel Der Blaue Reiter. Hier schildert er, was er durch die Coronakrise gelernt hat, was positiv lief und wo es dringenden Verbesserungsbedarf gibt.

Welche Erkenntnisse und Ansätze für die Branche ergeben sich im Kontext von Coronakrise und Restart? Ich sehe vier wesentliche Handlungsfelder:

1. Verbandsarbeit

In diesem Punkt möchte ich mich ganz klar positionieren und allen Kritikern des Dehoga raten, sich zu fragen, wo wir ohne Verbandsarbeit stehen würden. Die Verlängerung der 7% MwSt., der Fixkostenanteil von 100 Prozent, der Eigenkapitalzuschuss, die Erhöhung der Personalkostenpauschale und viele andere Neuerungen der Überbrückungshilfe III waren keine Geschenke der Politik, sondern harte Verhandlungsarbeit unseres Verbands.

Besonders gut ist die Zusammenarbeit und der Informationsfluss seitens des Dehoga Baden-Württemberg, ein wirklich sehr aktiver Landesverband. Nichtsdestotrotz hat die Krise gezeigt, dass wir mehr Präsenz in der Politik brauchen - und mit der neuen „Union der Wirtschaft“ ist ein Grundstein dazu gelegt worden. Ich werde mich in beiden Institutionen engagieren, denn nur gemeinsam können wir viel bewegen und unsere Branche in eine erfolgreiche Zukunft führen.

2. Verhältnis zur Politik

 Wir wissen nun, dass wir nicht systemrelevant sind - aber wichtig genug, um in der Bevölkerung den Testwillen aufrecht zu erhalten. Nur um sich die Haare schneiden zu lassen oder shoppen zu gehen, sind recht wenige Bürger bereit, sich testen zu lassen. Anders verhält es sich bei Besuchen von Verwandten, Urlaub, Essengehen oder dem Barbesuch. Die Bevölkerung ist förmlich ausgehungert. Restaurants und vor allem der Ferienhotellerie steht ein schwer zu bewältigender Ansturm bevor, wenn es der Inzidenzwert zulässt. Die Inzidenzschwelle von 100 wird für sehr viel Ungleichgewicht und enormen Arbeitsaufwand sorgen. Der Unterschied zwischen einer Inzidenz von beispielsweise 99 zu einer Inzidenz etwa im benachbarten Landkreis von 101 ist in Bezug auf die Infizierten marginal, für betroffene Betriebe oberhalb der Schwelle jedoch existenzbedrohend.

Ich bin gespannt , wie Kunden reagieren, wenn sie aufgrund leicht gestiegener Inzidenzzahlen auf ihren Urlaub verzichten oder schlimmer noch - den Urlaub abbrechen müssen, während es wenige Kilometer weiter ohne Einschränkungen möglich ist. Kann ein Resorthotel im Grünen, in dem die Gäste sich fast ausschließlich aufhalten, wirklich für gestiegene Inzidenz im Landkreis verantwortlich gemacht werden? Wohl kaum – aber schließen muss es trotzdem, wenn die Hygienekonzepte in anderen Branchen nicht greifen. Die Politik zeigt an unzähligen Beispielen, dass sie keine Ahnung von den Abläufen der Branche hat. Viele Vorgaben und Beschlüsse sind realitätsfern und nicht zielführend.

Wir alle haben ein Opfer für die Allgemeinheit gebracht und dass obwohl wir nachweislich Gäste sicher unterbringen können beziehungssweise nie plausibel dargelegt wurde, warum man einen ganzen Wirtschaftszweig komplett lahmgelegt hat. Aus diesem Grund sollten Politiker das Wort „Hilfen“ tunlichst vermeiden – Entschädigungen trifft es besser. Das diese nicht rechtzeitig ankommen und nicht immer ausreichen sind, wurde in letzter Zeit ausreichend diskutiert. Getan hat sich jedoch wenig! Unser Betrieb geht nun seit fünf Monaten in Vorleistung, ohne auch nur einen Cent der beantragten Hilfen bekommen zu haben. Ohne ein gutes Verhältnis zur Hausbank und einigen Rücklagen ist ein solcher Zeitraum auch für das gesündeste Unternehmen existenzbedrohend.

3. Mitarbeiter

Die anfängliche Hoffnung, durch die Krise leichter an Mitarbeiter zu kommen, ist schnell verflogen und die Suche nach motivierten Mitarbeitern hat nun wieder in noch größerem Umfang begonnen. Das wir hadern und unsere Branche selbst schlecht reden, hilft sicher nicht, die dringend benötigten Fachkräfte zu finden und für uns zu gewinnen. Wir brauchen klare Strategien, müssen Zuversicht ausstrahlen und weiter daran arbeiten, die Arbeitsbedingungen in unserer Branche zu verbessern.

Als Vorstandsmitglied von Fair Job Hotels kann ich mit Sicherheit sagen, dass viele Hotels in Deutschland mit Eifer daran arbeiten, immer besser in Bezug auf Mitarbeiterbehandlung/-förderung zu werden und diese Arbeit sicher auch eine Sogwirkung für andere Betriebe entfalten wird. Wir müssen aber verinnerlichen, dass mehr in die Mitarbeiter investiert werden muss. Denn ein langjähriger Mitarbeiter ist produktiver als ständig wechselnde „Söldner“, die teilweise ihre eigene Unzufriedenheit in die Betriebe tragen.

4. Betriebliche Abläufe

Wir haben bewiesen, wie schnell und professionell wir vorgegebene Hygienekonzepte umsetzen können, auch wenn sie uns noch so sinnlos erscheinen. Weder beim Tanken, im Einzelhandel, im Supermarkt habe ich schlüssigere Hygienekonzepte erlebt als bei uns. Da ist es schon Hohn, wenn wir geschlossen haben und andere - mit einem Minimum an Hygienekonzept - öffnen dürfen. Ein bisschen mehr Stolz auf unsere Leistung und Möglichkeiten würde uns sicher guttun. Denn nur so können wir der Öffentlichkeit, sowie der Politik zeigen, wo wir wirklich in der Pandemiebekämpfung stehen.

stats