Hotelsoftware: Nicht nur Oracle greift nach H...
Hotelsoftware

Nicht nur Oracle greift nach Hotelsystemen

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Vernetzung überall: Das ist auch die Herausforderung für die Hotellerie in den kommenden Jahren.
Vernetzung überall: Das ist auch die Herausforderung für die Hotellerie in den kommenden Jahren.

Die Konsolidierung schreitet nicht nur in der Kettenhotellerie voran, auch bei den Technik-Zulieferern. Hier treten der chinesische Konzern Shiji und die Booking.com-Mutter Priceline auf.

STUTTGART. Die Chinesen könnten hierzulande bald „alle bisherigen Lösungen in den Schatten stellen“. Davon geht zumindest Marco Nussbaum aus, CEO der Kette Prizeotel. Der Digital-Experte bezieht sich dabei auf die jüngste Übernahme seitens des chinesischen Technologie-Konzerns Shiji auf dem europäischen Hotel-Zulieferer-Markt: Shiji hat das Bewertungs-Management-System Review Pro mehrheitlich gekauft – nur wenige Monate nach der Übernahme von Hetras, einem cloud-basierten Property-Management-System (PMS) aus München.

„Schaut man sich das alles an, wird schnell klar: Da wird vonseiten Shijis durch die ganzen Übernahmen an einer einzigartigen, vollintegrierten Softwarelösung für die Hotellerie gearbeitet“, schreibt Nussbaum in seinem Blog „So geht Hotel heute“. Der Markt für eine solche Lösung wäre da. Denn bislang arbeitet die Hotellerie hierzulande häufig mit vielen verschiedenen Systemen, für die einzelne Verträge ausgehandelt und die über Schnittstellen miteinander verbunden werden müssen. „Aktuell glänzt die Systemwelt der Branche mit schwerfälligen und benutzerunfreundlichen PMS-Systemen“, findet Nussbaum.

Doch Shiji ist nicht der einzige internationale Konzern, der in diese Richtung stößt. Dank zahlreicher Zukäufe dringt auch die Priceline-Gruppe, die hinter dem Portal Booking.com steht, weiter ins Hotelmanagement ein. Priceline bietet bereits das Direktvertriebs-Produkt Booking Suite an, eine Lösung, mit der Hoteliers eine hoteleigene Webseite samt Buchungsmaschine und Analysetools erhalten. Zudem hat der Konzern im Jahr 2014 ein PMS-System namens Hotelninja übernommen. Priceline will sich auf Nachfrage hierzu zwar nicht weiter äußern. Dass hier noch weitere Integrationen und Verknüpfungen vorgenommen werden, gilt in der Branche aber als wahrscheinlich.

Den Anspruch, eine voll integrierte, aber von Buchungsportalen unabhängige Hotelmanagement-Lösung zu bieten, hat der IT-Konzern Oracle, der vor gut zwei Jahren das System Micros gekauft hat. Oracle steht derzeit jedoch in der Kritik. Zuletzt hatten einige Hoteliers in Sozialen Netzwerken über langsamen Service und Support bei dem Oracle-Micros-Programm Suite 8 berichtet. Dabei fielen Begriffe wie „frustrierend“, „unterirdisch“ und „einfach grottig“. Auf die Kritik im Netz reagiert der Konzern individuell, wie Peter Agel, Global Segment Leader Hotels bei Oracle, auf AHGZ-Anfrage erläuterte: „Zu den dort geposteten Kommentaren sprechen wir direkt mit den Kunden, denn wir wollen konkret geäußerte Punkte lösungsorientiert bearbeiten und damit Kundenzufriedenheit sicherstellen.“ Auch die kritischen Kunden in Deutschland seien bereits kontaktiert worden.

Viele Hoteliers haben in den Netzwerken jedoch von einem möglichen Wechsel des PMS-Systems gesprochen. Denn neben der Unzufriedenheit mit dem Support geht in der Branche auch das Gerücht um, dass das Oracle-Micros-Programm Suite 8, das auf die Individualhotellerie zugeschnitten ist, in den kommenden Jahren eingestellt werden könnte. „Wir befürchten, dass alles umgeshiftet werden soll zu der Kettenlösung Opera, weil Oracle möglicherweise nur noch mit Ketten und nicht mehr mit einzelnen arbeitsaufwendigen Individual-Hotels zusammen arbeiten will“, berichtet Mirko Bartl, Hotelmanager im Resort Der Öschberghof in Donaueschingen, von Gesprächen mit Branchenkollegen. Oracle will zu solchen Spekulationen zwar grundsätzlich keine Stellung nehmen. Peter Agel teilt auf Anfrage der AHGZ jedoch mit: „Oracle bietet zwei Hotel-Lösungen an. Für keine der beiden ist eine End-of-Life-Erklärung abgegeben worden.“

Den Öschberghof hat die Unsicherheit in der Branche, gepaart mit einem unzuverlässigen und selten erreichbaren Support seitens der Suite 8, dennoch dazu veranlasst, einem PMS-Wechsel einzuleiten. Aber welche Lösungen bieten sich als Alternative zu Oracle an? Wenn man mit Hoteliers spricht, fallen vor allem immer wieder zwei Namen: Sihot, das auch Marco Nussbaum in seinen Prizeotels nutzt, und Protel, für dessen Vertrieb sich die 42 GmbH aus Hannover stark macht. Zu Protel will der Öschberghof wechseln. Billig wird der Umstieg für das Resort nicht. Hotelmanager Bartl beziffert die Investition auf rund 150.000 Euro. Hinzu kommt noch ein erhöhter Arbeitsaufwand während der viermonatigen Umstellungsphase. Nach dem Wechsel arbeitet das Resort nicht mehr mit einem, sondern mehreren Software-Anbietern zusammen. PMS, Kassen-, Warenwirtschaftssystem und Online-Buchungsmaske kommen dann nicht mehr aus einer Hand, sondern von vier Anbietern: Von Protel sowie dessen Partnern Matrix Pos und Kost, außerdem von Hotelnetsolutions, das die Buchungsmaske stellt. „Die Suite 8 ist qualitativ ein Eins-a-Programm, das sehr komplex ausgestattet ist“, bedauert Öschberghof-Manager Bartl. Das Risiko, damit in Zukunft noch verstärkte Probleme zu bekommen, sei aber einfach zu groß. Daher setzt das Golfresort jetzt lieber auf mehrere Anbieter, die Unterschiedliches zuliefern und sich gegenseitig ergänzen.

Andere Hoteliers wollen bei Oracle und der Suite 8 bleiben, fordern aber weiterhin eine deutliche Verbesserung im Support. So etwa das Schlosshotel Steinburg in Würzburg. Die dortige Direktionsassistentin Sabrina Czernoch hält einen Wechsel zu einem anderen PMS-System für wenig sinnvoll. Unter anderem, weil sie sich noch gut an die letzte Umstellung vor acht Jahren erinnern kann, damals zu Micros-Fidelio. „Da gab es noch keine automatische Übertragung, sodass wir alles manuell eingeben mussten“, berichtet sie. Das könnte heute natürlich anders sein. Dennoch sieht Czernoch das Thema Wechsel kritisch: „Man weiß ja auch nicht, wie es bei den anderen so ist.“ Stattdessen würde die Direktionsassistentin des Schlosshotels sich gern mit anderen Hoteliers zusammentun, um gemeinsam für einen besseren Oracle-Support zu kämpfen.

Prizeotel-Chef Marco Nussbaum sieht das pragmatisch. „Die besten Marktchancen haben in Zukunft wahrscheinlich die vollintegrierten Lösungen.“ Und das Potenzial hierzu hätten derzeit am ehesten Shiji und Priceline: „Es würde mich nicht wundern, wenn die Chinesen dazu in nächster Zeit noch eine OTA übernehmen. Somit wären sie in der Lage, die gesamte Wertschöpfung der Branche abbilden zu können.“ Auf keinen Fall würde Nussbaum übrigens mit einer Lösung von Oracle arbeiten wollen. Zu schwerfällig sei ihm der Support und zu teuer das Gesamtpaket. „Es lohnt sich, vorab klar zu definieren, welche Funktionen ein Hotel wirklich braucht und welche nicht“, so der Prizeotel-Chef. Bei geringerem Bedarf würden auch kleinere Anbieter und Newcomer infrage kommen. Solche kleineren Anbieter sind beispielsweise Ibelsa oder das Start-up Mews.

Für größere Hotels, ab etwa 40 Zimmern, eignet sich zudem eine Lösung aus einem anderen großen Software-Haus: Infor bietet unter seiner Marke Infor Hospitality mehrere Systeme, die bereits miteinander integriert sind: Neben einem PMS-System auch Revenue-Management-Tools, Finanzbuchhaltung und ein Business-Intelligence-Tool, mit dem sich die Performance mehrerer Hotels, zum Beispiel einer Kette, auf einen Blick analysieren lassen. Infor arbeitet derzeit deutschlandweit mit zirka 2500 Hotels zusammen, darunter große Gruppen wie Kempinski und Vienna International. Nach Angaben von Stefan Bezold, Executive Sales Director D/A/CH bei Infor Deutschland, ist Infor damit der zweitgrößte Anbieter auf dem hiesigen Markt. Weltweit betreut das Unternehmen sogar 20.000 Hotels.

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