SALONGESPRÄCHE HOSTED BY AHGZ & JOI-DESIGN - ...
SALONGESPRÄCHE HOSTED BY AHGZ & JOI-DESIGN - POWERED BY INTERNORGA

Sehnsucht trifft auf Lifestyle

Antonia Jenner
Diesmal im Gespräch: (von links) Johann Kerkhofs, Kai Hollmann, Homeira Amiri, Claudia Johannsen, Rolf Westermann, Peter Joehnk, Jens Sroka, Fabian Engels, Prof. Peter Wippermann und Steffen Waldmann
Diesmal im Gespräch: (von links) Johann Kerkhofs, Kai Hollmann, Homeira Amiri, Claudia Johannsen, Rolf Westermann, Peter Joehnk, Jens Sroka, Fabian Engels, Prof. Peter Wippermann und Steffen Waldmann

Runde 6 für die Reihe Salongespräche hosted by AHGZ & Joi-Design - powered by Internorga - in Hamburg. Das Thema diesmal: Neue Hotelideen unter der Lupe.

HAMBURG. Fliegerdeich, Krønasår, PierDrei und Urban Loft – die Namen stehen für neue Hotelideen, die auf den deutschen Markt drängen. Bereits dort angekommen sind die Marken Ninetynine Hotels und Arborea Resorts, die aber weiter expandieren wollen. Ob sie die Branche verändern werden? Diese Frage stand im Raum beim 6. Salongespräch powered by Internorga in Hamburg. AHGZ-Chefredakteur Rolf Westermann und Innenarchitekt Peter Joehnk von Joi-Design diskutierten  diesmal mit Homeira Amiri von Ninetynine by Centro Hotels, Fabian Engels von Urban Loft by Althoff Hotels, Kai Hollmann vom PierDrei, Johann Kerkhofs von Arborea Resorts, Jens Sroka von Heimathafen Hotels und Steffen Waldmann vom Europa-Park Rust. Einordnende Gedanken steuerte zudem der bekannte Hamburger Trendforscher Prof. Peter Wippermann bei.

Die zentrale Fragestellung implizierte dabei zugleich weitere Fragen. Etwa, welche Wünsche die Hotelgäste haben? Ob sie sich auf einer digitalen Spielwiese austoben oder eher in einer naturnahen Oase entspannen möchten? Ob sie in Kunstwelten eintauchen oder mit den lokalen Besonderheiten in Berührung treten wollen? Und nicht zuletzt: In welchen Modellen sehen die Salonteilnehmer die Zukunft ihrer Unternehmen, und welche Rolle spielt das Design dabei?

Message inklusive

"Design allein ist wunderschön, aber es reicht heute nicht mehr", sagte Homeira Amiri, die bei der Centro-Marke Ninetynine Natur und Mensch in den Fokus stellt und eine "Oase in der Stadt" bieten will. "Der Gast fordert ein Konzept, bei dem er sich wohl und angekommen fühlt. Teilweise geht es hier um Lifestyle. Doch wir denken, es geht auch um Messages, in denen sich der Gast wiedererkennt und aufgefangen fühlt, und wo er sagt, okay, das ist auch eine Wertevorstellung, die hier übermittelt wird."

Aus Sicht von Trendforscher Peter Wippermann bietet das Ninetynine-Konzept Gästen eine Freizeitwelt und die Idee mentaler Entspannung in Verbindung mit einem relativ klassischen Design-Anspruch. "Sie haben auch von Achtsamkeit gesprochen, einem Begriff aus der aktuellen Fitnessszene", so Wippermann weiter. "Das wird eine bestimmte Gruppe von Leuten gut finden, während andere vermutlich gar keinen Zugang dazu finden werden."

Städtebauliche Verantwortung

Um die Themen "lässiger Küstenurlaub" und "sich jung fühlen" ging es bisher bei den Marken Beachmotel und Bretterbude der Heimathafen Hotels von Jens Sroka. Während die Dachmarke weiterhin für diese Werte und den gleichen Spirit der Sroka-Häuser stehen wird, wird es bei den neuen Projekten indes auch Konzept-Justierungen geben, wie Sroka berichtete. Mit dem Fliegerdeich eröffnet er im April das erste Boutique-Hotel der Gruppe. Für August ist zudem der Start des Lighthouse Hotel & Spa in Büsum avisiert, im September 2020 soll das Friesland in Wilhelmshaven folgen. "An beiden Standorten passt die coole Surfer-Attitude nicht mehr", so Sroka. "Unsere Konzepte wollen wir hier daher etwas erwachsener und schicker gestalten." Zugleich unterstrich er, eine gewisse städtebauliche Verantwortung für die Küstenorte zu haben, an denen er sich engagiere. Sroka: "Nach Büsum passt einfach kein Beachmotel."

Trendforscher Wippermann zollt dem klar Respekt: "An den deutschen Küsten werden riesige Möglichkeiten verschenkt, weil die Angebote einfach unter der Norm sind - und Jens Sroka versucht diese Norm deutlich zu heben, indem er deutsche Küstenstädte als Urlaubsorte wieder attraktiv macht." Zugleich verkaufe Sroka auch eine amerikanische Nostalgie und ein Jugendlichkeitsgefühl, geprägt von der Erinnerung an die amerikanische Surferkultur, das positiv besetzt sei, so Wippermann.

Stil- statt Zielgruppen

Noch im Entwicklungsstadium befindet sich die neue Designmarke Urban Loft, mit der die Althoff Hotels 2020 in Köln starten wollen. Wie Fabian Engels berichtet, werde man das Konzept nach Stil- statt nach Zielgruppen ausrichten, außerdem soll die jeweilige Stadt ins Hotel geholt werden. "Wir verstehen die Lobby als Ort beziehungweise Loft, in den wir lokale Unternehmer und Kreative reinholen und vernetzen wollen. Bereiche für Pop-up-Stores, Coworking und lokale Kaffeeanbieter sollen eine kreative kollaborative Erfahrung möglich machen", so Engels. Auch ein stark kurativer Ansatz mit echter Kunst und Streetart sei geplant. Die Zimmergröße ist mit 16 bis 19 Quadratmetern Größe überschaubar. Ein Flächenmanagement, das Leerstand vermeiden soll, so Engels weiter. Vielmehr soll sich das Hotelleben der Gäste in der Loft-Lobby abspielen, so der Ansatz.

18 bis 45 Quadratmeter lautet dagegen die Größenvorgabe im PierDrei in Hamburg, in das Kai Hollmann von den Fortune Hotels als Privatgesellschafter involviert ist. Das 212-Zimmer-Haus, das eigentlich schon längst eröffnet haben sollte, setzt ganz auf Familie und Entertainment: Vom Rackerraum nur für Kinder über einen Campingplatz auf dem Restaurantdach bis hin zur hoteleigenen Kino- und Theaterbühne. "Qualität und die Nutzbarkeit für Familien stehen bei unseren Ideen im Vordergrund", so Hollmann. "Und wir bieten oft drei bis vier Schlafplätze in einem Zimmer." Zugleich soll das Haus ein "Einzelstück" bleiben, voraussichtlicher Start ist im August.

Trend zur Familie

Für Trendforscher Peter Wippermann ist das PierDrei auch deshalb ein spannendes Konzept, weil es den hanseatischen Anspruch habe, das Familien etwas gemeinsam machen. Das reiche bis hinter die Kulissen, denn mit den Machern Kai Hollmann sowie Sebastian Drechsler, Frederik und Gerrit Braun, alle drei Miniatur-Wunderland, sowie Norbert Aust von Schmidts Tivoli kämen drei Konzeptpersönlichkeiten zusammen, "die jede etwas in das Bauwerk einbringe, was die andere nicht könne".

Familien seien heute Schongebiete geworden, so Wippermann. "Wir befinden uns in einer Gesellschaft, in der 42 Prozent der Deutschen in Einzelhaushalten leben - und das in einer wachsenden Geschwindigkeit." Wer als Familie ein Hotel bucht, sei eigentlich gar nicht gern gesehen. "Wenn man wie im PierDrei hingegen Zimmer mit drei bis vier Betten mieten kann, dann ist das ein Trend, den man sich genau anschauen muss", so der Trendforscher.

Erlebnisse verkaufen

Den Standard von vier Betten wird es auch im neuen Hotel Krønasår im Europa-Park Rust geben, das im Mai eröffnen wird. In dem Museumshotel mit 276 Zimmern wird Storytelling großgeschrieben. Als Teil der Wasserwelt Rulantica wird hier die Geschichte um eine sagenumwobene, nordische Insel weitergesponnen: Vom (nicht ganz realen) Seeschlangen-Skelett in der Lobby über die Reisekoffer-Betten für Kinder bis hin zur nordischen Küche. "Uns geht es darum den Besucher einzufangen, ein Erlebnis zu verkaufen", sagte Steffen Waldmann. "Das wird auf allen Kanälen gespielt, ob Buch, Film oder eigens komponierte Musik, die teilweise sogar mit atmosphärischen Geräuschen gekoppelt ist, so das der Eindruck von knarrenden Dielen oder vorbeifliegenden Doppeldeckerflugzeugen entsteht."

Innenarchitekt Peter Joehnk weiß um den Aufwand, der mit solchen Projekten verbunden ist: "Wir haben selbst Themenhotels gemacht", sagt er. "Man unterschätzt das leicht, wieviel Arbeit da drin steckt, damit alles glaubwürdig und perfekt wirkt. Zugleich sind das natürlich einmalige Projekt, die nicht multiplizierbar sind."

Die Idee Illusionen zu verkaufen, sei etwas, dass Las Vegas vorgemacht habe, verwies Trendforscher Wippermann. Sein Fazit zum Hotel Krønasår: "Plötzlich steht da Skandinavien in der Landschaft. Hinzu kommt diese wirklich perfekte Idee, die Gäste auch akustisch in eine Welt zu ziehen, die andere Leute entweder unter Drogen oder Virtual Reality erleben. Das hat ein hohes Potenzial."

Soziale Nähe schaffen

Ein klein wenig sagenumwoben gibt sich auch die Marke Arborea Resorts, zumindest, wenn es nach Namen und Logo geht. Ersterer steht für Baum, zweiteres zeigt einen Waldgeist. Das Konzept selbst gebe sich dabei fast schon "sozialpädagogisch", findet Trendforscher Wippermann. Nachhaltigkeit, Kommunikation und "Experience together" sind die Schlagworte, die Arborea-Chef Johann Kerkhofs in Bezug auf das dahinterstehende Konzept nennt. Allein vier Kommunikationsflächen habe man im Hotel geschaffen. Von einer Art Amphitheater für Kino-Vorstellungen und Live-Entertainment über eine Mitmachküche bis hin zur kleinen Werkstatt. "Wir wollen Nischen schaffen, wo Menschen zusammenfinden", so Kerkhofs, denn oft fehle ihnen nur ein kleiner Anstoß, um in Kontakt zu kommen.

Die Arborea-Küche sei zudem regional und saisonal geprägt. "80 Prozent unserer Lebensmittel kommen aus der Region", so Kerkhofs. "Bei uns steht der Holsteiner Büffel noch auf der Wiese - und wird dort auch erlegt."

Das stieß auch auf das Interesse von Internorga-Chefin Claudia Johannsen. "Ich finde es spannend, dass die Konzepte, die wir in unserer aktuellen Trendstudie mit Trendforscherin Karin Tischer identifiziert haben - wie etwa Back to nature, grünes Essen oder Nachhaltigkeit - jetzt auch in der Hotellerie Einzug halten, und dass das alles miteinander kombiniert wird", so Johannsen. "In der Hotellerie tut sich bezogen auf diese Trends sehr viel - das hatte ich so noch gar nicht wahrgenommen."

Sehnsüchte bedienen

Storytelling und Kommunikation ist für AHGZ-Chefredakteur Rolf Westermann der rote Faden, der alle Konzepte der Salonrunde einte, eine Ansicht, die Trendforscher Peter Wippermann teilte. "Die Teilnehmer dieser Runde haben Konzepte präsentiert, die Geschichten erzählen", resümierte er. Nur bei Arborea sei er sich nicht ganz sicher. "Weil sie eigentlich eher ein sozialpädagogisches Konzept haben und soziale Nähe als Grundidee konsequent durchsetzen. Das würde für mich aus der Storytelling-Idee herausfallen."

Zugleich zeige die Tatsache, dass sich die Menschen in Geschichten oder Illusionen wiederfinden auch die entlastende Funktion, die das für sie habe. "Denn es verbindet das, was wir aus der virtuellen Welt oder aus Filmen kennen mit unseren eigenen Erlebnissen", so Wippermann. Für die Zukunft bedeute das: "Wir bauen uns entweder Welten, in die wir uns zurückziehen können, oder aber wir haben wirklich den Wunsch der Natur in irgendeiner Weise wieder begegnen zu können - ganz gleich, ob das der Büffel auf der Wiese bei Arborea ist oder die vertikalen Gärten bei Ninetynine." Die drei wichtigsten, individuellen Werte in Deutschland seinen Natur, Gesundheit und Familie, so Wippermann abschließend. "Alle drei Werte sind Sehnsuchtsfelder, die sich in den neuen Hotelkonzepten der Salonteilnehmer widerspiegeln."

Mehr dazu demnächst in der AHGZ.

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