Brexit : So haben Hoteliers,Touristiker und V...
Brexit

So haben Hoteliers,Touristiker und Verbände vor dem Brexit gewarnt

In einer AHGZ-Umfrage kurz vor der Abstimmung haben Brachenleader Klartext gesprochen.

STUTTGART. Ein paar Tage vor dem jetzt beschlossenen Brexit hat die AHGZ prominente Branchenvertreter zu ihrer Meinung befragt - alle haben vor den Auswirkungen eines UK-Austritts gewarnt. Hier einige Stimmen:

Frank Marrenbach, Oetker Collection: Da die EU für mich weit mehr als nur eine Währungsgemeinschaft ist, würde ich einen Austritt als sehr negativ empfinden. Gewinnen wird dabei keiner. Und die genauen Auswirkungen würden natürlich davon abhängen, ob und von welcher Natur bilaterale Verträge zwischen Großbritannien und der EU verhandelt werden. Denken Sie nur an die vielen EU-Bürger, die in Großbritannien und insbesondere London arbeiten.

Den Standort London sehe ich in allererster Linie als Leidtragenden. Die Gretchenfrage ist: Wie und vor allem wohin wird sich die Finanzbranche verändern. Gegebenenfalls führt dies zu einem wirtschaftlichen Bedeutungsverlust dieser wunderbaren Metropole. Dies wäre auch sicher nicht von Vorteil für unser Hotel The Lanesborough. Die Auswirkungen für die Branche in Deutschland und die Oetker Collection im Gesamten halte ich für mittel- bis langfristig vernachlässigbar.

Michael Frenzel, BTW: Über mögliche wirtschaftliche Auswirkungen eines Brexit lässt sich (...) keine seriöse Prognose abgeben. Kurzfristig könnte der Austritt Großbritanniens eine negative Signalwirkung auf die Gesamtstabilität der EU und eine destabilisierende Wirkung auch auf verschiedene Regionen der EU haben. Das kann nicht im Interesse der Tourismuswirtschaft sein. Denn wie keine andere Branche profitiert die Tourismuswirtschaft vom Schengen-Abkommen und von einem einheitlichen Währungsraum. Aber auch mit Blick auf die großen Weltregionen wie USA, China oder Südamerika ist Europa darauf angewiesen, seine Kräfte zu bündeln, um ein Partner auf Augenhöhe zu sein.

Thomas Althoff, Althoff Hotel Collection: Wenn sich das Wechselkursverhältnis von Pfund und Euro zugunsten des Euro verschieben würde, wäre dies sicher kein Treiber für mehr britische Buchungen hinein in den Euro-Raum. Viele Experten befürchten ja einen starken ökonomischen Schock durch den Brexit – quer durch alle Branchen. Das würde dann auch die Hotellerie treffen.

Auch bei denen, die in der EU bleiben, könnte ein Brexit das Gefühl bestärken, dass die Gemeinschaft eine Art Auslaufmodell ist. (...) Schon jetzt wächst ja in vielen EU-Ländern die Europaskepsis. Wenn wir aber sehen, wie viele Kriege es in Europa gegeben hat, können wir uns doch gar nicht glücklich genug schätzen, dass die Idee eines vereinten und freien Europas schon so weit verwirklicht wurde. Gerade wir als Hoteliers, die von der Freizügikeit des Reisens und des Arbeitsmarkts profitieren, sollten intensiv für diese Idee werben.

Markus Luthe, IHA: Die ökonomischen Auswirkungen eines Brexits wären (...) wohl gravierend. Die Wirtschaftsleistung des Vereinigten Königreichs droht einzubrechen, mit negativen Konsequenzen wie Abwertung und Kapitalflucht. Eine Kettenreaktion könnte auch das restliche Europa in Mitleidenschaft ziehen. Auch politisch wäre der Brexit ein fatales Signal, denn die Zukunft unseres Kontinents liegt in Zeiten der Globalisierung sicher nicht in einem Wiedererstarken der Nationalstaaten, sondern in einem geeinten Europa.

Die konkreten Einflüsse auf den Tourismus hängen nach einem etwaigen Austritts-Votum wesentlich davon ab, welchen Status das Vereinigte Königreich danach in den sicher jahrelang andauernden Verhandlungen mit den EU-Mitgliedsstaaten erzielen würde, zum Beispiel bezüglich der Freizügigkeit von Mitarbeitern und Investitionen oder Visa-Erfordernissen als Nichtmitglied des Schengener Übereinkommens. Hier könnte die deutsche Hotellerie auch unmittelbar negativ betroffen sein, denn mit seit Jahren zunehmender Tendenz verzeichnet die Branche zuletzt 5,5 Millionen Übernachtungen britischer Gäste.

Ein Brexit könnte sich als fatales Signal für den so notwendigen Zusammenhalt Europas als Schicksals- und Werte- und Solidargemeinschaft erweisen. Ganz sicher aber ist, dass insbesondere Deutschland an den diversen Brüsseler Verhandlungstischen die stets mahnende Stimme Großbritanniens zur Wahrung des Subsidiaritätsprinzips schmerzlich vermissen würde.

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