Schicksalsschlag: Weitermachen oder aufgeben?
Schicksalsschlag

Weitermachen oder aufgeben?

Hotel
Vor einem Jahr: Fabian und Birke Richter mit ihren Kindern.
Vor einem Jahr: Fabian und Birke Richter mit ihren Kindern.

Bei Blitzeis auf der Straße stirbt die Ehefrau von Fabian Richter. Nun führt er das gemeinsame Hotel vorerst weiter und kümmert sich zudem um die Kinder. Doch schafft er das dauerhaft?

Zwei Monate sind vergangen. Doch Fabian Richter denkt immer noch, seine Frau müsste jeden Moment zur Tür hereinkommen. „Es gibt Tage, da komme ich gut zurecht. Und dann werde ich auf einmal vom Schmerz übermannt“, erzählt der Inhaber der Sonnenalm in Todtnauberg. 2013 hatte er mit seiner Frau Birke das idyllisch gelegene 30-Betten-Hotel im Südschwarzwald für mehr als eine halbe Million Euro gekauft. Nun lebt sie nicht mehr und Fabian Richter muss damit klarkommen – als Witwer, Vater von zwei Kindern und als Unternehmer.

Der 38-Jährige hat sich fest vorgenommen, „klar im Kopf zu bleiben“ und nicht in Selbstmitleid zu versinken. Dazu gehört für ihn, ganz offen über sein Schicksal zu sprechen. Auch mit der AHGZ. Er glaubt: „Nicht so viele reden vorab über Tod. Doch was passiert in einem Betrieb, wenn einer stirbt?“

Gastgeber trotz tiefer Trauer



Für ihn ist im wahrsten Sinne des Wortes die bessere Hälfte weggebrochen. „Wir sind gemeinsam ein Risiko eingegangen, haben in kurzer Zeit unsere Auslastung von 45 auf mehr als 70 Prozent gesteigert, die Zimmer und Bäder renoviert, ein Blockheizkraftwerk angeschlossen und die Kriterien für ein EMAS-Zertifikat (nachhaltiges Umweltmanagement) erfüllt“, zählt Richter auf. „Aber wir haben die Last des Betriebes immer auf beiden Schultern verteilt, uns regelmäßig einzeln und auch gemeinsame Auszeiten genommen.“ Jetzt lastet alles allein auf Fabian Richter. Und dazu der Schmerz und die Aufgabe, für die Kinder – fünf und sieben Jahre alt – eine Stütze zu sein.

Richter spricht offen über den 11. Dezember, als die Polizei vor der Tür stand und ihm von dem Unfall auf der B31 bei Titisee-Neustadt berichtete, in den acht Fahrzeuge verwickelt waren. Viele Verletzte und eine Tote – seine Frau. „Ich habe dann irgendwie funktioniert“, erinnert sich Richter. In seinem Fall: Mit seinen Kindern gesprochen und sie getröstet, den Rest der Familie informiert und – was ein Hotelier eben machen muss – den Gästen abgesagt. Da gerade erst die Betriebsferien zu Ende gingen, lagen nur sechs Buchungen vor. „Ich habe alle persönlich angerufen“, so Richter. Bis nach Weihnachten hatte er dann Luft, denn über die Feiertage ist der Betrieb immer zu.

Fabian Richter musste die Trauerfeier organisieren und gleichzeitig eine unternehmerische Entscheidung treffen. Denn nach Weihnachten bis zum Ende der Ferien war das Hotel ausgebucht, inklusive Halbpension. Der Unternehmer in ihm gewann die Oberhand. Richter, der selbst auch der Küchenchef ist, empfing die Gäste und hielt die Ferienzeit über mit Verwandten und einigen Mitarbeitern durch. „Mit manchen Gästen habe ich darüber gesprochen, wenn ich gefragt wurde“, so Richter. Nicht immer konnte er gefasst reagieren. Er sei ja auch nur ein Mensch.

Den Rest des Januars gönnte er sich – ziemlich entkräftet – wieder eine Pause. Einige wenige Buchungen gab es nur, die sagte er ab. Und er beschloss, etwas Grundlegendes zu ändern und vorerst keine Halbpension mehr anzubieten. „Eigentlich brachte eine Nanny die Kinder zu Bett, denn meine Frau und ich waren abends bei den Gästen – außer sonntags. Nun bin ich abends bei ihnen. Das genießen sie sehr.“

Wenn die Kleinen schlafen, denkt er viel nach. „Ich habe keine Wohnung, sondern ein Wirtschaftsunternehmen“, weiß er. „Ich kann auch nicht einfach einen Pachtvertrag kündigen.“ Zudem ist ihm klar: Sein Hotel dauerhaft ohne Halbpension anzubieten geht nicht. Dann würden die Gäste langfristig wegbleiben. „Gerade haben alle Verständnis. Aber grundsätzlich wollen unsere Urlauber bei mir im Hotel abends essen, zumal das Angebot im Ort nicht so groß ist.“

Eine Weile kann es aber so bleiben, ohne dass er ihn finanzielle Schieflage gerät, wie ihm sein Berater bestätigt hat. „Ich kann nur allen raten, eine Risikolebensversicherung abzuschließen“, ist Richter wichtig zu sagen. Ein Testament hatten Birke und Fabian Richter zwar immer in Angriff nehmen wollen, es aber dann doch nicht geschafft. „Eigentlich hätten wir das gleich bei der Finanzierung mit angehen müssen.“ Er betont: „Man muss sich mit dem Partner über den Tod unterhalten. Nur so kann man herausbekommen, wo man noch ansetzen muss.“

Außer mit den Gästen musste Richter auch mit den Banken Kontakt aufnehmen. „Man muss sich selbst kümmern, um den Banken Sicherheit zu geben.“ Eine weitere Herausforderung: Birke Richter war Inhaberin der Sonnenalm. „Das zu ändern, da hing ein ganzer Rattenschwanz dran“, stöhnt er. Für Mitglieder bietet bei Schicksalsschlägen auch der DEHOGA eine Notfallberatung an (siehe Kasten).

Starker Standort



Zum Glück hat Fabian Richter ein Netzwerk. Verwandte helfen, Freunde hören ihm zu und er will sich einer Selbsthilfegruppe anschließen. Doch: Ob er Hotelier bleibt, weißt er noch nicht. Denkbar wäre, das Hotel zum Sommer hin zu verkaufen. „Dann gehen viele potenzielle Interessenten von den Schulen ab. Zudem zeigen die aktuellen Tourismuszahlen, welches Potenzial die Region hat.“

Zweite Möglichkeit: Richter sucht sich mehr Personal. „Am besten ein Pärchen, vielleicht eine Kombination aus Koch und Rezeptionistin, denen ich eine Wohnung stellen würde.“ Dann wäre er selbst entlastet und seine Kinder könnten in Todtnauberg bleiben, wo sie verwurzelt sind. „Ich weiß es einfach noch nicht“, sagt Richter. „Vielleicht halte ich es nicht mehr lange im Hotel aus, weil wir es doch zu zweit machen wollten. Vielleicht will ich etwas ganz Neues machen.“

Was seine Frau von ihm erwarten würde, glaubt er genau zu wissen: „Sie würde wollen, dass wir viel lachen und ich alles dafür tue, dass wir wieder glücklich werden. Wenn das hieße, das Hotel zu verkaufen, wäre das auch ok für sie.“

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