Arbeitsbedingungen: „Wir müssen endlich aufrä...
Arbeitsbedingungen

„Wir müssen endlich aufräumen“

Das Thema Lohndumping holt die Branche immer wieder ein. Ein Beitrag des TV-Senders Rbb24 sorgt derzeit für eine heftige Debatte in den sozialen Netzwerken. Der Hotelboom und Übernachtungsrekord in

Das Thema Lohndumping holt die Branche immer wieder ein. Ein Beitrag des TV-Senders Rbb24 sorgt derzeit für eine heftige Debatte in den sozialen Netzwerken. Der Hotelboom und Übernachtungsrekord in der Hauptstadt Berlin werden mit Bezahlung unter Mindestlohn, Ausbeutung und Drohungen gegenüber rebellischen Mitarbeitern in Zusammenhang gebracht. Zimmermädchen und Küchenhilfen kommen zu Wort, die von unbezahlten Überstunden, entfallenem Urlaub und Ausbeutung durch ihre Arbeitgeber sprechen. Nach eigenen Aussagen handelt es sich um Angestellte bei renommierten Berliner Hotels im unteren Lohnsegment. Auf Basis dieser Recherche kam im Sender eine Diskussionsrunde mit Vertretern vom DEHOGA und der Gewerkschaft NGG zustande. Der Tenor: Niedriglöhne im Gastgewerbe finanzieren den Boom in der Hotellerie mit.

System der Ausbeutung



Zum Großteil -– aber nicht nur – sind Beschäftigte wie Zimmermädchen oder Küchenhilfen über Subunternehmen angestellt. Zum einen, um Kosten zu sparen, aber auch, weil der Fachkräftemangel keine andere Wahl lässt. Rund 250 Angestellte im Raum Berlin suchen jährlich Hilfe bei der Gewerkschaft, Zehntausende sollen Schätzungen zufolge betroffen sein. Warum lassen sich Arbeitnehmer das gefallen? Die Vertreterin der Gewerkschaft erläutert: „Wer sich nicht ausbeuten lassen und klagen will, muss jede unbezahlte Überstunde nachweisen können.“ Die wenigsten aber, auch weil sie auf ihren Job angewiesen sind, würden den Weg vor Gericht gehen. Sie sieht hier ein System: „Wenn von 30 unter Mindestlohn bezahlten Beschäftigten nur zwei Konsequenzen ziehen, kommt der Arbeitgeber auf einen sehr guten Schnitt.“ Ein betroffenes Zimmermädchen, das in einem Berliner Hotel direkt angestellt war, schildert: „Wenn ich die vorgegebene Zahl an Zimmern nicht geschafft habe, verlängerte sich die Arbeitszeit unbezahlt nach hinten. Das Wort Überstunde wollte die Chefin nicht hören.“ Bei der Gewerkschaft ist man sich sicher: „Hier ist ein Muster innerhalb der Branche zu erkennen, das den Boom mitfinanziert.“

Der DEHOGA sieht dennoch keinen unmittelbaren Handlungsbedarf. In der TV-Diskussion verwies Willy Weiland, Präsident des DEHOGA Berlin, darauf, dass Mitgliedsbetriebe rechtlich auf der sicheren Seite seien, wenn sie sich an die Gesetze hielten und sich von Subunternehmern mit einer Unterschrift wiederum bestätigen ließen, dass diese sich ebenfalls an die gesetzlichen Vorgaben hielten. „Diese schwarzen Schafe schaden unserer Branche sehr“, betont er aber gegenüber der AHGZ. Auch Ingrid Hartges, Hauptgeschäftsführerin des DEHOGA-Bundesverbandes, unterstreicht: „Sanktionen gegen Betriebe zu verhängen ist naturgemäß nicht Aufgabe des Verbandes. Hierfür gibt es funktionierende Kontrollmechanismen und Aufsichtsbehörden. Bei Fehlverhalten entscheiden die Gerichte.“ Aber sie legt Arbeitgebern nahe, nicht auf die billigsten Angebote von Subunternehmern einzugehen und Verträge genau zu prüfen.

Die Haltung des DEHOGA erntet Kritik. Jürgen Krenzer, Inhaber von Krenzers Rhönschaf-Hotel in Ehrenberg, betont: „Wir müssen endlich aufräumen. Noch zu viele Betriebe investieren groß und refinanzieren sich auf dem Rücken ihrer Mitarbeiter.“ Insgesamt sieht er in der Hotellerie immer deutlicher eine „Zwei-Klassen-Gesellschaft“ heraufziehen: „Auf der einen Seite stehen die Leuchttürme, die dafür sorgen wollen, dass sich das Image der Branche zum Positiven wandelt. Auf der anderen Seite stehen diejenigen, die in der Champions League mitspielen, aber Mitarbeiter dafür ausbeuten.“

Marco Nussbaum, Founder und CEO von Prizeotel, spricht von einem Dilemma. „Wenn der Preis die Nachfrage generiert, dann will man das Ergebnis unter anderem auf dem Rücken der Mitarbeiter retten.“ Das sei einem Fehlverhalten der Führungskräfte geschuldet, die ein Maximum aus dem bestehenden Umsatz herausholen müssten. „Die Hotellerie hat keinen Fachkräftemangel, sondern einen Mangel an Fachkräften, die sich in der Hotellerie bewerben.“

Als große Herausforderung sieht Nussbaum die von Investoren getriebene Hotelmarktentwicklung. Steigende Grundstückspreise und Baukosten, gepaart mit den hohen Renditeerwartungen, bringen Manager unter anderem dazu, Personalkosten massiv zu drücken. „Weil sie mit alten Mechanismen Probleme von morgen lösen wollen“, so Nussbaum. Sein Ansatz als Hotelier: „Eine höhere Rate und niedrigere Distributionskosten schaffen finanzielle Spielräume.“ Der Schlüssel: Investitionen in das Know-how und die entsprechende Technik. Zudem will Nussbaum langfristig die Zusammenarbeit mit Subunternehmern eindämmen. „Das Team soll eine Community sein. Das stärkt den Zusammenhalt und ich kann allen die gleiche Wertschätzung zukommen lassen.“ Unternehmen in der Hotellerie müssten umdenken: „Wenn Controller dem Management vorgeben, wie viele Prozent eingespart werden müssen, ist der Fokus falsch.“

Sanktionen gefordert



Krenzer, Nussbaum und auch Klaus Schindlmeier vom Best Western Plus Palatin Kongresshotel in Wiesloch fordern grundsätzlich ein Ende der Kultur des Wegsehens. Schindlmeier: „Den Wedel-Effekt haben wir schon seit einigen Jahren. Alle wissen es und sehen weg. Schlimmer noch: Alle reden darüber und ändern nichts.“ Marco Nussbaum ergänzt: „In meiner Funktion als Unternehmer plädiere ich für Sanktionen wie dem Ausschluss aus den Verbänden und der Entziehung der Ausbildungslizenz bei Missbrauch.“

Wegen solcher Vorfälle sehen sich Gewerkschaften mit ihren Forderungen nach komplexer Bürokratie oder ihrer Blockade gegen eine Flexibilisierung des Arbeitszeitgesetzes bestätigt. „Keinesfalls dürfen die Dokumentationspflichten gelockert werden“, heißt es in der kürzlich veröffentlichten Erklärung des Deutschen Gewerkschaftsbundes. 2,7 Millionen Beschäftigte würden deutschlandweit unter Mindestlohn bezahlt, davon 38 Prozent im Gastgewerbe.

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