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Wie Phoenix aus der Asche

Jenner Egberts Foto + Film
Rolf Westermann, Chefredaktion dfv Hotel- und Gastromedien.
Rolf Westermann, Chefredaktion dfv Hotel- und Gastromedien.

Viele Hotelketten haben im zweiten Quartal überraschend gute Ergebnisse vorgelegt. Ist die Talsohle durchschritten?

Es ist ein stolzes Posting auf LinkedIn von Chris Nassetta, CEO und President von Hilton, zum Verlauf des zweiten Quartals: „Ich freue mich sehr, Ihnen mitteilen zu können, dass die Leistung unsere Erwartungen übertroffen hat“, schreibt er. Das EBITDA (Gewinn vor Steuern, Zinsen und Abschreibungen) liegt um 10 Prozent über dem Niveau des Vor-Coronajahres 2019. In der Pipeline befinden sich weltweit 413.000 Zimmer (plus 23.000) und der RevPar (Umsatz pro verfügbarem Zimmer) stieg im Vorjahresvergleich um 54,3 Prozent.

So ähnlich läuft es bei vielen Hotelunternehmen. Motel One hatte mit seiner Veröffentlichung am Mittwoch die Nase vorn, dass das Quartalsergebnis erstmals wieder über dem Vor-Pandemiejahr 2019 liegt. „Wir waren überrascht, in welcher Dynamik die Nachfrage angestiegen ist“, erklärte Aufsichtsratschef Dieter Müller der ahgz.

Der positive Verlauf ist umso bemerkenswerter, als zur Jahreswende nach dem Auftreten einer neuen Variante des Coroavirus das erste Quartal 2022 verloren war. Bis Ostern gab es eine deutliche Zurückhaltung bei den Reisen und Übernachtungen und viele dachten, dass die Erholung länger dauert. Doch nun gibt es endlich wieder einmal positive Überraschungen. Seit April „explodieren“ in vielen Bereichen die Buchungen, von der Deutschen Hospitality über Ferienhotels an der Küste und in den Bergen bis zu internationalen Ketten.

Das spanische Unternehmen NH Hotel Group mit mehr als 350 Hotels berichtet über das „beste zweite Quartal seiner Geschichte mit einem Gewinn von 61,6 Mio. Euro“. Der Juni sei mit einem Umsatz von 190 Mio. Euro der stärkste Monat gewesen und habe den bisherigen Rekord vom Oktober 2019 mit damals 175 Mio. Euro deutlich übertroffen.Die rasche Reaktivierung von Freizeit- und Geschäftsreisenden, die solide Preisstrategie und die strikte Kostenkontrolle ermöglichen es, die Zahlen des zweiten Quartals 2019 zu übertreffen.“

Bei den a&o Hostels hat sich die Lage ebenfalls zum Positiven gewendet. „Überraschender Reiseboom und weiter zuversichtlich“, teilt das Unternehmen mit. „Wir liegen im ersten Halbjahr fast gleichauf mit 2019.“ Für den Sommer werde eine Auslastung von 90 Prozent erwartet.

Auch beim Marktführer ist alles im grünen Bereich. Accor-Chef Sébastien Bazin berichtet:Auch in diesem Quartal verzeichnete Accor ein sehr starkes Geschäftswachstum und übertraf zum ersten Mal das Vorkrisenniveau.“ Der Aufschwung betreffe alle Marken und Regionen mit Ausnahme von China wegen der Null-Covid-Politik sowie Südostasien, dass stark von der Nachfrage aus China abhängt. „Der Sommer wird diese Trends bestätigen, und der Herbst verspricht mit der Wiederbelebung der großen Seminare und Kongresse stark zu werden“, teilte der CEO des größten europäischen Hotelkonzerns mit.

Ist damit die Talsohle endgültig durchschritten?

Motel-One-Gründer Dieter Müller ist vorsichtig: „Wir sehen für die kommenden Monate hohe Reservierungsstände. Wir glauben, die Pandemie hat, trotz hoher Infektionszahlen, ihren Schrecken verloren und wir lernen, mit dem Virus zu leben. Es bleiben jedoch die Risiken einer möglichen Rezession, einer Energieverknappung im Winter und die Ausweitung des Krieges in der Ukraine.“ Derzeit gehe das Unternehmen aber davon aus, dass trotz des schwachen ersten Quartals die Gesamtzahlen von 2019 erreicht werden könnten.

Moritz Dietl, Partner und Geschäftsführer des Beratungsunternehmens Treugast, erklärt: "Nach einem noch verhaltenen Q1  sehen wir in vielen Märkten sehr gute Auslastungen und auch die Raten ziehen teils kräftig an. Im Mice-Bereich wird das Geschäft durch Nachhol-Events und Tagungen angetrieben. Wenn Corona im Herbst nicht wieder zuschlägt, werden viele Hotels dieses Jahr bereits wieder das Vorkrisenniveau erreichen." Gefahren lauere vor allem auf der Kostenseite, hinzu kommen Mitarbeitermangel und mögliche Rückzahlungen von Corona-Hilfen.

Faktoren wie Energiemangel können die herausragende Performance jederzeit in eine abrupte Vollbremsung verwandeln. Fraglich ist auch, welche der notwendigen Preisteigerungen die Gäste mittragen und ab wann sie die Lust am Reisen verlieren. 

Auffallend ist, dass neben dem Wachstum als Erfolgsfaktoren zunehmend auch andere Themen im Mittelpunkt stehen, wie Nachhaltigkeit und Diversity. So betont das Budgetunternehmen a&o: „Ziel von a&o ist es, bis 2025 Europas ‚Null-Emissions-Hostelkette‘ zu sein.“

Und gleich nach zwei wichtigen Kennzahlen folgt im Post von Chris Nassetta das stolze Statement über eine führende Plattform zum Thema Vielfalt: „Wir wurden in die Hall of Fame von Diversity Inc. aufgenommen, eine unglaubliche Anerkennung der integrativen Kultur, die wir gemeinsam aufbauen.“

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