Bezahlung

Ist die Zukunft bargeldlos?

Innovative Hotelketten setzen „elektronisch only“ bereits um oder testen den Verzicht auf Bargeld. Andere sind noch zurückhaltend.


Die Economy-Design-Gruppe prizeotel positioniert sich einmal mehr als digitaler Vorreiter. Seit Jahresbeginn können Gäste in den Hotels nicht mehr mit Bargeld zahlen. Die Barzahlung habe im Jahr 2019 weit weniger als 10 Prozent des Gesamtumsatzes ausgemacht. Die Entscheidung, die Methode der Bargeldzahlung abzuschaffen sei daher nur eine Frage der Zeit gewesen, berichtet Constantin Rehberg, Chief Digital Officer bei prizeotel. „Das Bargeld hat in unserer digitalen Zeit seine Legitimation sowohl aus ökologischer als auch aus ökonomischer Sicht verloren. Es macht schlichtweg keinen Sinn, Bargeld physisch durch die Gegend zu transportieren, wenn der digitale Weg schneller, sicherer und hygienischer ist.“

Benefits für Teammitglieder

Das Unternehmen will mit diesem Schritt aber auch Kosten einsparen. Es soll sich dabei um eine hohe fünfstellige Summe im Jahr handeln, die dann in neue Benefits für die Teammitglieder investiert werden sollen. So übernimmt prizeotel seit Beginn des Jahres beispielsweise die gesamten Kosten für den ÖPNV, bezuschusst gesundheitsfördernde Maßnahmen wie die Fitnessstudio-Mitgliedschaft und erhöht die Zahl der Urlaubstage für alle Teammitglieder auf 30 Tage.

Die Kette sieht sich mit der Bargeldabschaffung zudem voll im Trend. Denn die Europäische Zentralbank (EZB) hatte Mitte vergangenen Jahres in einer Aufstellung der Zahlungsverkehrsstatistik für das Berichtsjahr 2018 fast 8 Prozent mehr bargeldlose Zahlungsvorgänge als im Vorjahr festgestellt, Tendenz weiter steigend. Auch bei prizeotel sei die Präferenz zur Kartenzahlung und zum kontaktlosen Zahlen mit Apps und neuen Services deutlich zu spüren.

Wandel ist in vollem Gange

Tatsächlich schwindet im traditionell bargeldaffinen Deutschland die Verbundenheit zu Münzen und Scheinen. Einer Umfrage des Digitalverbands Bitkom zufolge ärgern sich 66 Prozent der Bundesbürger, wenn sie nicht überall bargeldlos mit Karte oder Smartphone bezahlen können. Vor einem Jahr lag der Wert mit 53 Prozent noch deutlich darunter. Bei den Jüngeren liegt der Anteil derer, die gern öfter elektronisch bezahlen möchten, bei 71 Prozent, und selbst die über 65-Jährigen möchten künftig mehrheitlich(62%) öfter bargeldlos bezahlen. Das zeigt: Der Wandel ist jetzt auch bei uns in vollem Gange und insbesondere in der Business-, Lifestyle- und Budget-Hotellerie angekommen, wie das Beispiel prizeotel zeigt.

Andere gehen mit. So wie die Münchner Kette Ruby Hotels. Tobias Köhler, Group Direktor Systems & Commerce sagt auf ahgz-Anfrage: „Mit Ruby Lucy in London haben wir Ende Dezember unser erstes bargeldloses Hotel eröffnet. Die ersten Erfahrungen zeigen ein großes organisatorisches und wirtschaftliches Potenzial, die bestehenden Häuser ebenfalls auf einen bargeldlosen Betrieb umzustellen. Wir stehen dazu im engen Austausch mit unseren Kunden. Deren Feedback ist uns sehr wichtig und fließt mit in die Entscheidung der Umstellung ein.“ Ganz ähnlich sieht es bei der in Hamburg beheimateten Novum Hospitality aus. Dort befindet man sich laut Chief Information Officer Martin Stegener in einem der Hamburger Häuser der Gruppe seit November vergangenen Jahres in einer Testphase zur bargeldlosen Bezahlung. Wie sein Ruby-Kollege weist aber auch er darauf hin, dass es nötig sei, die Gäste bei diesem Prozess mitzunehmen. Stegener betont: „Wir legen zwar viel Wert auf zeitgemäße Innovation, unsere Priorität gilt jedoch gleichzeitig einem auf den Gästewunsch abgestimmten Service. Deshalb werden alle Prozesse der ausschließlich bargeldlosen Bezahlweise vor etwaiger übergreifender Umsetzung auf Kundenakzeptanz und Nutzen geprüft.“

[vote:740]

Das Thema liegt also in der Luft. Bedenken bezüglich der Legalität ausschließlich digitaler Bezahlmöglichkeiten räumt Jürgen Benad, Rechtsanwalt und Geschäftsführer beim Dehoga Bundesverband, weitgehend aus: „Rechtlich gesehen ist es kein Problem, wenn ein Unternehmen oder Betrieb Barzahlungen grundsätzlich ablehnt.“ Allerdings müssten die Gäste rechtzeitig und deutlich darauf hingewiesen werden, dass kein Bargeld akzeptiert werde. Teile ein Hotel dies dem Gast erst beim Auschecken mit, wenn er bezahlen will, sei das zumindest juristisch problematisch, so Benad. Und er fügt hinzu: „Nur wenn der Betrieb eine Monopolstellung hätte, ein Gast also keine Möglichkeit hätte, auf Alternativangebote auszuweichen, wäre die Ablehnung von Bargeld unzulässig.“

Eher skeptisch hinsichtlich elektronisch only äußert sich gegenüber dieser Zeitung der Chef der Achat Hotels, Philipp von Bodman: „Wir sehen derzeit keine Veranlassung, unsere Gäste hinsichtlich der Bezahlung in irgendeiner Weise einzuschränken oder auf Bargeld-Zahlungen zu verzichten. Wir bieten unseren Gästen weiterhin die entsprechende Flexibilität. Es spricht auch noch einiges für die Barzahlung, da nicht jeder Gast im Besitz einer Kreditkarte ist.“

So sieht das auch Uwe Scholz-Clewing, Geschäftsführer des Holiday Inn München-Unterhaching. Er stellt klar: „Wir werden das Bargeld nicht abschaffen.“ Selbstverständlich biete sein Haus bargeldloses Bezahlen an. „Aber die Deutschen bezahlen einfach wahnsinnig gern mit Bargeld und gerade bei uns im Haus bezahlen die Tagungsgäste, die meistens eine Kostenübernahme für Übernachtung, Frühstück, Parken haben, aber nicht für die Extras, diese im Regelfall gern bar“, schildert Scholz-Clewing seine Erfahrungen.

Rege Diskussion in den sozialen Medien

Auch auf der Facebookseite der ahgz wird eine Digital-Pflicht beim Bezahlen in Hotel eifrig diskutiert. Der User Di Pra schreibt: „Wenn prizeotel auf 7-10 Prozent Kundschaft verzichten kann und davon ausgeht, dass sich das ausgleicht und sich dementsprechend Kartenzahler finden, dann ist es ja gut. Ich würde dort dann nicht buchen. Ich zahle viel in bar, und Bargeld ist für mich immer noch ein Stück Unabhängigkeit vom System. Sympathisch macht sich so ein Unternehmen in meinen Augen nicht.“

Mathias Schakat sieht beim Kartenzahlen ebenfalls das Problem des gläsernen Konsumenten in der digitalen Zeit und die Gefahr der Ausgrenzung von Menschen ohne Karte. „Denoch“, so Schakat, „sehe ich auch Kartenzahlung als praktisch an, damit man nicht immer viel Geld mit sich schleppen muss. Irgendwann wird alles vernetzt sein, dann wird das Smartphone auch zur Bank für Arme, wo kleine Konten hinterlegt sind.“

Der User Marc O. Benkert blickt nach Skandinavien. Dort würden sie sich an den Kopf fassen, wie rückständig man hier in Sachen Onlinebezahlung ist. Für ihn steht fest: „Der große Einspareffekt liegt in der richtigen Integration der Paymentmodule. Da liegt noch viel mehr Potenzial.“

Eine Entscheidung nach Konzept und Zielgruppe

Für Torsten Neumeier ist das alles eine „nebengeordnete Diskussion“, da es kaum noch Gäste gebe, die ihre Übernachtungen bar zahlen. Neumeier weiter: „Fakt ist, und das möchte ich dann als großen Pluspunkt anmerken: Der Weg ist richtig. In zehn Jahren gibt es nicht mal mehr die Rezeption, wo man bar zahlen würde. Die verschwindet nämlich völlig.“

Im Moment jedoch ist in den meisten Häusern, darunter viele Privat- und Ferienhotels, Flexibilität beim Bezahlen angesagt. „Die Wünsche der Gäste stehen im Mittelpunkt der Überlegungen und Aktivitäten“, sagt Dehoga-Geschäftsführer Jürgen Benad. Und weiter: „Wie mit dem Bargeld beziehungsweise dem Angebot des bargeldlosen Bezahlens umgegangen wird, liegt letztlich in der unternehmerischen Entscheidung eines jeden Gastronomen und Hoteliers.“ Für den Einsatz unbarer Bezahlverfahren auf Basis innovativer Technologien halte der Verband Informationen und Sonderkonditionen für Mitglieder bereit.

Fazit: prizeotel ist vorgeprescht mit der Digital-Pflicht beim Bezahlen und hat damit einen Nerv in der Branche getroffen. Derzeit ist in den meisten Häusern bei uns noch alles möglich. Aber der Weg in der Hotellerie geht eindeutig in Richtung bargeldlos. Ketten- und Konzernhotels treiben das voran. Aufschlussreich, dass in Österreich, geprägt von Privat- und Ferienhotels, das Thema nicht auf der Agenda steht. Am Rande des Kongresses der Österreichischen Hoteliervereinigung (ÖHV) in Bregenz sagte deren Präsidentin Michaela Reitterer: „Die Diskussion ist noch nicht bei uns angekommen. Ich kenne niemanden, der kein Bargeld nimmt. Eher gibt es Betriebe mit Bargeld only.“


Möchten Sie auf ahgz.de zukünftig alle Inhalte unbegrenzt nutzen?Jetzt informieren!Nicht jetzt

Sie sind bereits Abonnent?Hinterlegen Sie hier Ihre Auftragsnummer!