Luxushotellerie


Carsten K. Rath in Hamburg

Fontenay – die Tücken des Understatements

Das im März eröffnete 5-Sterne-superior-Hotel hat viel Aufsehen erregt. Unser Autor und Hotelexperte Carsten K. Rath hat es kritisch unter die Lupe genommen.

The Fontenay in Hamburg: Ausgefallene Architektur und Alsterblick.The Fontenay in Hamburg: Ausgefallene Architektur und Alsterblick.

Seit der Wiedereröffnung des Hotels Adlon im Jahr 1997 hat kein Hotel in Deutschland mehr so hohe Wellen geschlagen. Der Eigentümer, HSV-Mäzen Klaus-Michael Kühne, gab sich rhetorisch alles andere als hanseatisch understated: "Das Fontenay soll in die Hotel-Geschichte eingehen", sagte er etwa dem Hamburger Abendblatt.

Die Bauphase wurde – wie so häufig bei deutschen Großprojekten – zum Krimi: Immer wieder wurde die Eröffnung verschoben, und der Rechtsstreit zwischen dem Eigentümer und Architekt Jan Störmer machte Schlagzeilen. Bald war von der "kleinen Elbphilharmonie" die Rede – bei 100 Millionen Euro Baukosten nicht abwegig. Doch Kühne blieb seiner Linie treu. Bei der Eröffnung im März 2018 sagte er: "Wir wollen einen Beitrag leisten, dass viele internationale und nationale Gäste nach Hamburg kommen."

Irgendwie gar nicht hanseatisch, solche Töne. Soviel Drama und Superlativ-Rhetorik kennt man sonst eher aus Amerika. Bleibt die große Frage: Wird das Fontenay den selbst gesetzten Ansprüchen seines Eigentümers gerecht?

1. Location

Der Bezug zur Umgebung ist im Fontenay stilgebend: Das Hotel an der Außenalster versteht sich als Hommage an die Hansestadt – sowohl geografisch als auch kulturell. Es soll auch ein Hotel für die Hamburger sein, hat der Eigentümer bei der Eröffnung gesagt.

Die Liebe der Hamburger zum Wasser gab beim Konzept den Ausschlag. Viele der 114 Zimmer und 17 Suiten bieten einen direkten Blick auf die Alster. In unmittelbarer Nähe liegen etwa das Kongresszentrum Congress Hamburg, die Universität Hamburg und die Kunsthalle Hamburg.

Den Hamburgern und ihren Gästen will das Hotel ein Treffpunkt sein – auch für die, die nicht im Haus wohnen. Ein Tee in der Atrium Lounge oder ein Dinner im Gartenrestaurant Parkview steht ausdrücklich allen offen. Besonders die Bar mit ihrem Fast-Rundumblick über Hamburg und der 500 Quadratmeter großen Außenterrasse bietet sich als neues Society-Epizentrum geradezu an.

2. Ausstattung

Die Architektur ist Geschmackssache – dass sie auffällt, ist schwer zu bestreiten. Das vieldiskutierte Design, das sich skulptural aus drei konzentrischen Kreisen zusammensetzt, soll drei ineinander verwachsene Baumkronen symbolisieren. Manche haben es auch mit einem Fidget Spinner verglichen. Ein Vergleich, der die älteren Hanseaten, denen ich hier vorwiegend begegne, kalt lassen dürfte.

Die vollverglaste, geschwungene Fassade lässt viel Licht herein und verleiht dem Gebäude eine beinahe schwerelose Anmutung. Das Interior Design verwebt hanseatische Elemente wie Eichenholz-Parkett, Rattan-Außenmöbel und ein gediegenes, pastelliges Farbschema aus Beige- und Aquatönen mit wertigem, dezentem Designer-Mobiliar. Hamburger Understatement? Auf dem Papier: Ja. Doch das Hoteliers-Auge sieht sofort, dass hier in der Tat geklotzt wurde. Einer solche Material- und Verarbeitungsqualität bin ich noch in keinem deutschen Hotel begegnet. Bei aller hanseatischen Gediegenheit ist das Hotel auch technologisch up to date: Vorhänge, Licht, Klima und andere Einbauten etwa werden über ein Touchpad gesteuert. Alles schreit: Ich bin teuer! Das Highlight unter den Gästezimmern ist die 200 Quadratmeter große Fontenay-Suite mit spektakulärem Panoramablick, einer voll ausgestatteten Küche, zwei Badezimmern und Gäste-WC, die der Fassade folgend halbrund angelegt ist. Selbstverständlich, dass auch der Spa-Bereich auf dem neuesten Stand ist – bei Preisen von mindestens 150 Euro für eine Behandlung hätte alles andere mich auch schockiert.

3. Gastronomie

Auch kulinarisch verzichtet das Fontenay auf Experimente. Verantwortlich für das Restaurant Lakeside (im verglasten obersten Stockwerk) zeichnet der mit einem Michelin-Stern dekorierte Schweizer Cornelius Speinle. Das ebenerdige Gartenrestaurant Parkview, das sich mit seiner Zugänglichkeit auch Nicht-Hotelgästen für ein schickes Lunch anbietet, führt Stefan Wilke. Er hat zuvor viele Jahre lang auf der MS Europa 2 gekocht – für eine ähnlich reife, gediegene Klientel, wie ich sie an den Nachbartischen beobachte. So gesehen: eine smarte Wahl.

Die Küche im Parkview ist saisonal orientiert und vergleichsweise bodenständig. Wilke setzt auf Klassiker – manche davon mit einem dezenten, modernen Twist. Nur nichts übertreiben. Bei Cornelius Speinle im Lakeside geht es etwas experimenteller zu. Doch auch hier stehen die lokalen Spezialitäten im Mittelpunkt – wenngleich die Techniken vergleichbaren Restaurants auf höchstem Niveau in nichts nachstehen. Die Preise sind in jedem Fall schon mal auf Sterne-Niveau.

Auch in der Gastronomie beschleicht mich derselbe Eindruck, den ich seit dem Betreten des Hotels in jedem Winkel verspüre: Zu meckern gibt es absolut nichts. Weder am Essen, noch am edlen Ambiente mit Hering-Geschirr und Besteck von Robbe & Berking. Doch es gibt einen Punkt, an dem Understatement langweilig wird – mir jedenfalls.

Trotz der fantastischen Lage, der transparenten Leichtigkeit, der anschmiegsamen Wellenarchitektur und der überragenden Qualität will bei mir der Funke nicht so recht überspringen. Vielleicht bin ich nicht hanseatisch genug, und vielleicht bin ich auch nicht reif genug. Doch darf das eine Rolle spielen?

4. Service

Beim Service hat General Manager Thies Sponholz ganze Arbeit geleistet. Alle Mitarbeiter, denen ich begegne, sind grundsolide ausgebildet. Sie arbeiten zuverlässig und hanseatisch-zurückgenommen. Sie strahlen eine vornehme, disziplinierte Gelassenheit aus und vergessen nicht, wer vor dem Tresen steht und wer dahinter. Besonders beeindruckend finde ich, dass sie nichts vergessen – auch nicht das kleinste Detail. Das ist eine Qualität, die sich nur bedingt schulen lässt. Thies Sponholz lebt sie geradezu perfekt vor – er ist ein Glücksgriff für den Eigentümer.

Damit einher geht allerdings eine gewisse Distanziertheit. Das passt zum ausdrücklich hanseatischen Gesamtkonzept. Je nach Erwartungshaltung an ein 5-Sterne-superior-Hotel mit internationalem Anspruch kann man es aber auch als Mangel empfinden. Ich gehöre zu den Gästen, denen es so geht. Ich will abgeholt, mitgerissen, in das „Erlebnis Hotel“ hineingezogen werden. Mit diesem Anspruch bin ich im Fontenay falsch.

Als ich mit meinem Freund Dietmar Axt, CEO der Mustang Group, bei einem abendlichen Bier auf der Dachterrasse sitze, fühlen wir uns in unseren Jeans wie Cowboys ohne Pferd. Den Gästen um uns herum, allesamt im reiferen Alter und hanseatisch in Jackett und Krawatte gekleidet, ist eine gewisse Irritation anzumerken. In diesem Umfeld Made in Hamburg wirken wir ein wenig wie Fremdkörper.


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