Coronavirus


Coronakrise

Hotelverband legt Branchenreport vor und fordert Nothilfefonds für Mittelstand

IHA-Chef Otto Lindner: "Liquiditätshilfen sind nicht passgenau". Report Hotelmarkt Deutschland 2020 blickt zurück auf auf bessere Zeiten.

Otto Lindner (links) und Markus Luthe: Sie blicken zurück auf 2019 und bekräftigen ihre Forderung nach besserer Hilfe für den MittelstandOtto Lindner (links) und Markus Luthe: Sie blicken zurück auf 2019 und bekräftigen ihre Forderung nach besserer Hilfe für den Mittelstand

BERLIN. Soeben hat der Hotelverband Deutschland seinen jährlichen Branchenreport Hotelmarkt Deutschland 2020 [1] vorgelegt - mitten in der schwersten Krise der Branche blickt der Report zurück auf eines der besten Jahre für Deutschlands Hotellerie.

Wegen der Coronakrise befindet sich der heimische Hotelmarkt derzeit im Leerlauf. Laut IHA ist es noch nicht absehbar, über welchen Zeitraum die Reisetätigkeit eingeschränkt wird und wann sich die Vorzeichen für die Hotellerie wieder zum Positiven verändern.

Für den Verband sei es deshalb "mehr als nur Chronistenpflicht den Branchenreport Hotelmarkt Deutschland 2020 jetzt zu veröffentlichen", sagt der IHA-Vorsitzende Otto Lindner. "Der Report gibt tiefe Einblicke in die Zeit unmittelbar vor der Coronakrise und damit auch wichtige Anhaltspunkte für die Zeit danach," so Lindner weiter. 

Beim Blick in den Branchenreport wird deutlich: Ohne Corona könnte die deutsche Hotellerie zufrieden auf das zehnte Rekordjahr in Folge zurückblicken. Alle Kennzahlen der Hotellerie  sind für 2019 im Plus [2].

Demnach meldeten die Beherbergungsbetriebe 2019 mit 495,6 Mio. Gästeübernachtungen aus dem In- und Ausland  3,7 Prozent mehr Übernachtungen als im Vorjahr. In der klassischen Hotellerie wurden 306,8 Mio. Übernachtungen getätigt, ein Plus von 3,1 Prozent gegenüber 2018. Laut IHA-Branchenreport stieg die durchschnittliche Zimmerauslastung im Vorjahresvergleich um 0,3 Prozent auf 72,1 Prozent.

Zurzeit nur eine Zimmerauslastung von 6 Prozent

„Damit setzte sich die positive Entwicklung der Vorjahre fort. Verglichen mit den Kennziffern von Anfang April 2020 scheinen diese Zahlen jedoch aus einer völlig anderen Welt zu stammen, denn die durchschnittliche Zimmerauslastung der deutschen Hotellerie beträgt aktuell in der Coronakrise gerade einmal 6 Prozent", zieht IHA-Hauptgeschäftsführer Markus Luthe Bilanz.

Die Zahl der Hotelbetten stieg im Jahr 2019 um 2,2 Prozent auf 1,86 Mio. Die Netto-Zimmerpreise (ohne Frühstück, ohne Mehrwertsteuer) erhöhten sich nach IHA-Angaben um 1,6 Prozent auf 98 Euro, während sie europaweit um 1,9 Prozent auf 102 Euro anstiegen. Die deutschen Hotelzimmerpreise lagen somit weiterhin unter dem europäischen Durchschnitt. Der durchschnittliche Erlös pro Zimmer (RevPar), erreichte in Deutschland einen Wert von 71 Euro, was einem Anstieg von 1,9 Prozent entspricht.

Die steigenden Übernachtungszahlen und Zimmerraten schlugen in wachsenden Umsätzen zu Buche. Die klassischen Beherbergungsbetriebe erwirtschafteten 2019 nach Hochrechnungen des Hotelverbandes Deutschland einen Nettoumsatz von 29,25 Mrd. Euro, was einem nominalen Umsatzplus von 2,5 Prozent und einem preisbereinigten (realen) von 0,5 Prozent entspricht.

Mit steigender Nachfrage stellten die Betriebe auch mehr ein. Zum Stichtag 30. Juni 2019 zählte die Bundesagentur für Arbeit 316.855 sozialversicherungspflichtig Beschäftigte im Beherbergungsgewerbe – ein Plus von 1,9 Prozent und ebenfalls ein neuerlicher Rekordwert.

Bauboom hielt 2019 an

Angesichts der guten Zahlen wurde weiter kräftig investiert. Trotz Anzeichen von Überkapazitäten zumindest an einigen Standorten waren zum Jahresbeginn 2020 bundesweit für die nächsten drei Jahre 777 Neu-, Um- und Ausbauten geplant. Im Vorjahr waren es im 3-Jahres-Forecast fast genauso viele (776 Objekte). Werden alle angekündigten Investitionsprojekte auch in Zeiten der Coronakrise noch realisiert, drängen 112.465 zusätzliche Hotelzimmer auf den deutschen Hotelmarkt. Das projektierte Investitionsvolumen würde rund 20,9 Mrd. Euro betragen (Vorjahr: 19,6 Mrd. Euro).

„Wir erlebten noch bis Anfang März 2020 eine beispiellose Expansions-, aber auch Konsolidierungswelle“, berichtet Lindner. „Die Unternehmens- und Markenkonzentration in der Hotellerie nahm rapide zu.“ Immer mehr internationale Investoren und neue Marken drängten auf den deutschen Markt.

Um die Entwicklungstendenzen der wichtigsten Distributionskanäle aufzuzeigen, Marktanteile zu ermitteln und in einem Gesamtkontext zu analysieren, führen die Hotelverbände in Europa unter dem Dach von Hotrec Hospitality Europe und in Zusammenarbeit mit dem Institut für Tourismus der Fachhochschule Westschweiz Wallis regemäßig Online-Umfragen unter Hotels durch.

Vorläufige Ergebnisse der aktuellen Studie für das Referenzjahr 2019 zeigen laut IHA, dass die Abhängigkeit der Hotellerie von Online-Plattformen weiter konstant zunimmt, während der Anteil der Direktbuchungen abnimmt. Wurden im Jahr 2013 noch 63,7 Prozent aller Übernachtungen über direkte Kanäle (online und offline) im Hotel gebucht, lag der Anteil im Jahr 2019 nur noch bei 58,5 Prozent.

"Rücksichtslose OTAs"

Die Online-Buchungsplattformen konnten ihren Anteil von 20,9 Prozent im Jahr 2013 auf 29,7 Prozent im Jahr 2019 ausbauen und zählen damit zu dem stärksten Buchungskanal für die Hotellerie in Deutschland. Der Anteil der Übernachtungen, die direkt über die hoteleigene Website (in Echtzeit) gebucht wurden, lag 2019 insgesamt bei 8,8 Prozent (2017: 10,9%) und verzeichnet damit einen Rückgang im Vorjahresvergleich.

Drei Buchungsportale dominieren den deutschen OTA-Markt mit einem gemeinsamen Marktanteil von über 95 Prozent. Der dominante Player in Deutschland ist Booking.com mit einem Marktanteil von 65,7 Prozent. Im Vergleich zum Jahr 2017 (58,6 %) konnte der Marktführer seinen Marktanteil noch einmal massiv ausbauen. Auf Platz zwei liegt in Deutschland die HRS-Gruppe mit einem Marktanteil von nur noch 17,1 Prozent (2017: 23,6 %). Mit insgesamt 12,5 Prozent (2017: 12,2 %) entfällt der Rest des Marktes im Wesentlichen auf die Expedia-Gruppe.

Hauptgeschäftsführer Markus Luthe stellt klar: „Vor dem Hintergrund dieser Zahlen ärgert es uns besonders zu sehen, wie rücksichtslos und nur auf den eigenen Marktvorteil aus einige Buchungsportale gegenüber ihren ‚Hotelpartnern‘ in den vergangenen Wochen mit ihrer Stornierungspolitik vorgegangen sind. Sie haben die Grenzen ihrer Mittlerrolle zur Unzeit ausgedehnt und den Hotels dringend benötigte Liquidität entzogen“, kritisiert Luthe die Praktiken einiger Portale. 

Lindner erneuert Forderung nach passgenauerer Hilfe

Mit Blick auf die mittelständische Hotellerie erneuert der IHA-Vorsitzende Otto Lindner unterdessen seine Forderung nach passgenauerer Hilfe: "Größere Hotel-Mittelständler brauchen dringend staatliche Unterstützung, doch ausgerechnet sie scheinen in der Mittelstandslücke der Förderprogramme festzustecken."

Kredite der Hausbanken würden an nicht zu erfüllende Auflagen geknüpft oder es würden zusätzlich zu den 80 bis 90  Prozent Staatshaftung noch einmal 100 Prozent private Absicherung durch den Hotelier verlangt", so Lindner weiter.

Allerdings ist jetzt Abhilfe da: Die Bundesregierung ermöglicht jetzt eine 100-Prozent-Haftungsfreistellung der Hausbank durch die KfW für Unternehmen mit mehr als 10 Mitarbeitern. Außer der hundertprozentigen Haftungsfreistellung sieht die Regelung vor, dass Unternehmen antragsberechtigt sind, die zuvor nicht in wirtschaftlichen Schwierigkeiten und mindestens seit 1. September 2019 auf dem Markt aktiv waren. Die Kredithöhe soll drei Monatsumsätze des letzten Jahres, jedoch pro Unternehmen maximal 500.000 Euro (11 - 49 Mitarbeiter) oder 800.000 Euro (50 Mitarbeiter und mehr) betragen und eine Laufzeit von zehn Jahren haben.

Linder mahnt aber auch: „Nur mit Krediten kann die unverschuldet in Not geratene Hotellerie nicht wieder auf die Beine kommen. Wir benötigen als eine Branche, die ausgefallene Umsätze nach der Krise eben nicht wieder aufholen kann, nicht nur Kredite, sondern auch nicht zurückzuzahlende Zuschüsse, mithin einen Nothilfefonds,“ so Lindner.

[1] Der IHA-Branchenreport erscheint in dieser Form bereits zum 19. Mal. Er gibt einen Überblick über die Rahmendaten für alle Marktteilnehmer und setzt deutsche Kennziffern auch in einen europäischen Kontext. Außer Managementthemen greift der Branchenreport auch Trends wie Digitalisierung, Nachhaltigkeit und demografische Entwicklung auf und beleuchtet aktuelle Herausforderungen wie relevante politische Handlungsfelder aus Sicht der Hotellerie. IHA-Mitglieder können den Branchenreport Hotelmarkt Deutschland 2020 in Kürze im Extranet des Hotelverbandes kostenfrei herunterladen. Für Nichtmitglieder ist der IHA-Branchenreport zum Preis von 365 Euro und für Bildungseinrichtungen zum Preis von 105 Euro erhältlich. Das Inhaltsverzeichnis und weiterführende Informationen zum Branchenreport Hotelmarkt Deutschland 2020 gibt es hier.

[2] Diese Marktdaten basieren auf dem Hotelbenchmark OlaKala der MKG Group, dem die Angaben von über 1100 Hotels mit mehr als 180.000 Zimmern in Deutschland zugrunde liegen. Markenhotels in Städtedestinationen nehmen überproportional am Betriebsvergleich teil, so dass die Ergebnisse für die Hotellerie im engeren Sinne, jedoch nicht für den deutschen Beherbergungsmarkt in seiner gesamten Bandbreite als repräsentativ gelten können.


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