Coronavirus


Coronakrise

ahgzplus IHA schlägt Alarm: „Nothilfefonds in dieser Woche!“

Der Vorsitzende des Hotelverbands Deutschland (IHA), Otto Lindner, und Hauptgeschäftsführer Markus Luthe fordern im ahgz-Interview dringend weitere Hilfsmaßnahmen.

Der IHA-Vorsitzende Otto Lindner (links) und Hauptgeschäftsführer Markus Luthe: Bisherige Beschlüsse nicht passgenau.Der IHA-Vorsitzende Otto Lindner (links) und Hauptgeschäftsführer Markus Luthe: Bisherige Beschlüsse nicht passgenau.

BERLIN. Der Hotelverband Deutschland (IHA) schlägt Alarm. Noch in dieser Woche müssten weitere Hilfsmaßnahmen beschlossen werden, erklären der IHA-Vorsitzende Otto Lindner und Hauptgeschäftsführer Markus Luthe im ahgz-Interview.

Nach dem Coronaschock sind Staatshilfen von bisher unbekanntem Ausmaß beschlossen worden. Welche Maßnahmen davon sind für die Hotellerie geeignet?

Luthe: Die bisher beschlossenen Maßnahmen sind leider nicht passgenau für die Hotellerie, obwohl sie unstreitig zu den ersten und härtesten betroffenen Branchen überhaupt zählt. Es klafft trotz des Wirtschaftsstabilisierungsfonds, der Sofort- und Liquiditätshilfen des Bundes eine Unterstützungslücke für Betriebe mit mehr als 10, aber weniger als 250 Mitarbeitern bzw. 50 Millionen Euro Umsatz. Aber gerade hier schlägt das Herz der mittelständischen Hotellerie. Neun von zehn Hotels, Hotels garni, Gasthöfe und Pensionen in Deutschland haben 10 und mehr Beschäftigte und nur 0,6% von ihnen erzielen einen Umsatz von mehr als 10 Mio. Euro. Das neu geregelte Kurzarbeitergeld ist trotz einiger besonderer Anlaufschwierigkeiten in unserer Branche natürlich ein wichtiges Instrument, um betriebsbedingte Kündigungen zu vermeiden und Teams bestmöglich zusammenzuhalten.

Was fehlt, was muss noch geschehen?

Lindner: Wir benötigen mit Blick auf anstehende Zahlungsfristen noch in dieser Woche einen effektiven Nothilfefonds für unsere Branche, der schnelle Hilfen in Form verlorener Zuschüsse gewährt, die auch für Miet- und Pachtzahlungen eingesetzt werden können. Eine Rettung ausschließlich über rückzahlbare Kredite, noch dazu über den Engpassfaktor der Hausbanken ausgezahlt, geht an den Besonderheiten unserer Branche vorbei. Von der Bundesagentur für Arbeit würden wir uns noch in dieser Woche Abschlagszahlungen auf das von den Betrieben vorzustreckende Kurzarbeitergeld wünschen. Wir fragen uns auch, warum die Finanzämter nicht als zusätzlicher Rettungsweg genutzt werden? Sie könnten einer „negativen Gewinnsteuer“ gleich Steuerzahlungen der Vor-Corona-Zeit als liquide Mittel direkt auf die Firmenkonten zurückzahlen. Je nach Dauer der Krise könnte später über die ohnehin fällige Steuererklärung abgerechnet und Einzelfallgerechtigkeit hergestellt werden.

Wir hören, dass viele Anträge in der Warteschleife sind, Hotlines zusammenbrechen oder Banken nicht erreichbar sind.

Luthe: Das koppeln auch unsere Mitglieder uns exakt so zurück. Das Haus- und Förderbankensystem ist auf diesen plötzlichen Volllastbetrieb nicht ausgelegt und droht aufgrund der Komplexität und des Eigenlebens der handelnden Ebenen zum Flaschenhals zu werden. Wir hören auch, dass die Hausbanken mitunter entwürdigende, kontraproduktive Erklärungen über die finanziellen Verhältnisse abverlangen und den Unternehmer trotz Abdeckung von bis zu 90 Prozent des Risikos durch die staatliche KfW voll in die persönliche Haftung nehmen wollen. Als großes Hindernis erweist sich auch die Auflage, dass der Betrieb zum Stichtag 31. Dezember nicht schon in finanziellen Schwierigkeiten gewesen sei darf, was zu im Einzelfall abstrusen Verweigerungen führt.

Was kommt tatsächlich bei den Unternehmen an?

Lindner: Das tendiert derzeit noch gegen Null. Da muss aus unserer Sicht noch eine Reihe aufsichtsrechtlicher und beihilferechtlicher Hürden abgeräumt werden, damit die Liquiditätshilfe auch tatsächlich bei den Hotelbetrieben ankommt. Aus eigener Erfahrung kann ich beisteuern, dass manche Hausbank sogar krisenverschärfend agiert. So hat mir meine Hausbank eine schon seit Monaten per Handschlag zugesicherte Kreditlinie in Millionenhöhe plötzlich mit weiteren Auflagen versehen. Es handele sich letztendlich um einen „ganz normalen Kredit“, der in Ruhe geprüft werden müsse, natürlich jetzt vor dem Hintergrund der Corona-Krise... Vor Mitte April werde keine Auszahlung erfolgen!

Bitte lassen Sie mich klarstellen: Ich unterstelle niemandem böswilliges oder fahrlässiges Verhalten. Wir erleben ausnahmslos extrem engagierte und brutal unter Druck stehende Menschen in allen Bereichen. Und alle wollen helfen. Besonders betroffen macht mich der gestrige Selbstmord des hessischen Finanzministers Thomas Schäfer, der in seinem Abschiedsbrief nach vorliegenden Informationen als Grund angegeben haben soll, dass ihn die Sorgen seines Amtes „erdrückt haben“. Alle arbeiten und leben derzeit am Limit. Die Unternehmer, ganz besonders unsere Mitarbeiter, die Politiker. Wir müssen sehr aufpassen, dass wir uns weiter solidarisch verhalten und nicht Vorteile/Zahlungen an eine Branche oder ein einzelnes Unternehmen neiderfüllt verurteilen. Auch dürfen wir uns nicht in theoretische Überlegungen verlieren, wie viele „Opfer“ unserer älteren oder vorerkrankten Mitbürger wir zum Wohle unserer Volkswirtschaft in Kauf nehmen sollten. Es gilt jetzt konzentriert und konstruktiv miteinander die Herausforderungen abzuarbeiten und ich bin mir sicher, dass wir Lösungen finden werden. Klar ist aber, wir alle werden in der Krise verlieren und die Welt wird eventuell eine andere sein, als wir sie vorher kannten.

Wie ist die Verfassung der Branche nach rund einem Monat Einschränkung und Schließung?

Luthe: Der Shutdown ist mittlerweile wohl nahezu vollständig, alle Graphen nähern sich der Grundlinie. Die Auslastungszahlen sind einstellig. Wie viele Hotels derzeit noch offen sind, können auch wir derzeit nicht beantworten. Wir bitten alle Hoteliers, kurzfristig an der großen Umfrage zur Bestandsaufnahme teilzunehmen, die der DEHOGA durchführt. Von unserer Homepage www.hotellerie.de führt ein direkter Link zur Branchenumfrage.

Spielt das Thema Insolvenz eine Rolle? Und wie lange kann die Branche den Shutdown durchhalten?

Lindner: Die vom Bundestag in der letzten Woche beschlossene Aussetzung der Insolvenzantragspflicht bis zum 30. September 2020 ist sicher ein wichtiger Schritt, um zusätzlichen Druck vom Kessel zu nehmen. Aber es wäre angesichts der Heftigkeit und Unwägbarkeit der Corona-Krise illusorisch zu glauben, dass mit diesem formalen Schritt das Thema rasant steigender Unternehmensinsolvenzen materiell abgeräumt sei. Wir wollen uns aber nicht an Spekulationen beteiligen, wie lange dieser massivste aller denkbaren wirtschaftlichen Stresstest der fast totalen Begegnungs- und Bewegungsbeschränkungen ausgerechnet von unserer Branche durchzuhalten ist.

Ich nehme an, dass der Lohnlauf März mit der letzten Frist am morgigen Montag, 30. März, für viele schon eine riesige, sicherlich auch manchmal nicht zu lösende Aufgabe ist. Es geht doch nicht darum, die Hoteliers vor strafrechtlichen Konsequenzen im Konkursfall zu bewahren; eine ganze Branche, die eine wichtige infrastrukturelle Aufgabe in der deutschen Volkswirtschaft hat, muss vor dem Verfall gerettet werden.

Die OTAs scheinen die Lage für sich zu nutzen. Wie sollen Hoteliers damit umgehen?

Luthe: Es ärgert uns in der Tat zu sehen, wie rücksichtslos einige Buchungsportale gegenüber ihren „Hotelpartnern“ in den vergangenen Wochen vorgegangen sind, die Grenzen ihrer Mittlerrolle ausgedehnt haben, die komplexen Rechtsverhältnisse einseitig zugunsten der Buchenden aufzulösen beabsichtigten und sich dadurch einen Wettbewerbsvorteil verschaffen wollten. Ich habe mich dazu ja schon in unserem Hotellerie-Blog deutlich positioniert, die Wettbewerbsbehörden haben wir in Kenntnis gesetzt. Aber das hilft kurzfristig natürlich erst einmal nicht weiter, vermeidbarer Schaden wurde angerichtet. Damit wir das angemessen aufarbeiten können, sollten Hoteliers dies Vorgänge sauber dokumentieren und auch uns über die Vorfälle informieren.

Was empfehlen Sie Ihren Mitgliedern, jetzt zu tun?

Lindner: Wir empfehlen unseren Mitgliedern, trotz der bürokratischen Hürden alle angebotenen Hilfen auf Bundes- und Landesebene angesichts der unbestimmten Dauer der Corona-Krise auch anzunehmen. Dazu liefern wir seitens des Verbandes täglich, manchmal sogar stündlich, neue Informationen, denn die Informationslage ist extrem dynamisch. Ferner bitten wir darum, Dehoga und Hotelverband unbedingt konkretes Feedback zur Umsetzung der Hilfsmaßnahmen vor Ort zu geben. Und ganz wichtig: Die Hoteliers dürfen nicht müde werden, auch ihren Wahlkreisabgeordneten und jeweils zuständigen Regierungsmitgliedern eine Rückkopplung aus betrieblicher, unternehmerischer Sicht zu geben.

Lassen Sie uns zusammenstehen und solidarisch für unsere Vielfalt in der deutschen Hotellerie gemeinsam kämpfen!


Möchten Sie auf ahgz.de zukünftig alle Inhalte unbegrenzt nutzen?Jetzt informieren!Nicht jetzt

Sie sind bereits Abonnent?Hinterlegen Sie hier Ihre Auftragsnummer!