Coronavirus


Coronakrise

Update: Wie Gastronomen und Hoteliers mit dem Shutdown umgehen

Neue Statements unter anderem von Tina Brack, Ellington Berlin; Alexander Winter, arcona; Christoph Strenger, east; Christian Schottenhamel, Paulaner am Nockherberg; Jürgen Köhler, Mövenpick.

Gähnende Leere: Hotels und Restaurants sind verwaist Gähnende Leere: Hotels und Restaurants sind verwaist

STUTTGART. Ein Hotel nach dem anderen schließt. Restaurants sind alle zu. Nur Abholen und Liefern ist erlaubt. Die Lage für Deutschlands Gastgewerbe ist so dramatisch wie noch nie. Wie geht es den Unternehmerinnen und Unternehmern sowie Führungskräften, die ihren Betrieb wegen der Corona-Maßnahmen geschlossen haben oder deren Geschäft komplett weggebrochen ist. Wir haben uns umgehört.

Im Hotel Ellington Berlin gibt es sogar noch Gäste – zwei an der Zahl, und selbst Anreisende stehen noch auf der täglichen Liste (Stand 23. März), berichtet die Geschäftsführende Direktorin Tina Brack. „Doch ob die überhaupt kommen ist fraglich, da die Buchungen über Portale kommen.“

Der Großteil der Mitarbeiter sei auf Kurzarbeit null. Eine Notbesetzung von 20 Mitarbeitern, die nur noch 50 Prozent arbeiten, ist weiterhin tätig, so Brack weiter. „Wir nutzen die Tage, um letzte Lebensmittel zu verkochen, aufzuräumen etc", sagt sie. Doch selbst wenn der Zentralbeschluss zur Schließung käme, müsste sie aufgrund der brandtechnischen Situation des Hauses immer noch sechs Mitarbeiter abstellen, die in ZweierTeams vor Ort wären.

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Berührt zeigt sich Brack von der Mitarbeiterversammlung, die sie am 16. März einberufen hatte. "Da ging es auch darum, die Vereinbarung zur Kurzarbeit zu unterzeichnen", sagt sie. Der Konsens darüber war einstimmig, gefolgt vom Dank der Mitarbeiter, dass niemand entlassen werde, egal ob Probezeit etc. "Wir halten zusammen und unterstützen einander – das ist eine gute Message", so Brack. 140 Mitarbeiter sind in ihrem Hotel beschäftigt, davon 30 Azubis.

Eine Sorge weniger bedeutet zugleich die Tatsache, dass die Eigentümergesellschaft – bestehend aus Streletzki-Gruppe und Ideal Versicherung – die Miete ausgesetzt habe. "Das nimmt schon Bauchschmerzen", so Brack. Auch wolle Familie Streletzki, die auch Betreiber des Hotels ist, privat Geld einlegen, sowie Mitarbeiter, die in Schieflage kommen, finanziell unterstützen – und das rückzahlungsfrei.

"Ich bin an sich ein sehr optimistischer Mensch", sagt Brack, „und hoffe, dass im zweiten Halbjahr möglicherweise wieder alles normal läuft – doch wir sind auf alles eingestellt.“

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Der Hamburger Christoph Strenger, Geschäftsführer Gastro Consulting, hat mit seinem east cosmos einen geordneten Rückzug vollzogen und alle Läden geschlossen. “Wir haben viele Meetings mit unseren Managern und leitenden Mitarbeitern geführt und uns verschiedene Einschätzungen, aber auch Hochrechnungen und betriebswirtschaftliche Analysen angeguckt. Die Entscheidung zur Schließung war dann das Ergebnis aus unseren Beratungen und der Verantwortung, die wir gegenüber der Gesundheit unseres Teams und unserer Gäste tragen”, sagt Strenger.

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Bei der Agentur für Arbeit hat der Unternehmer Kurzarbeit beantragt. Weitere Maßnahmen schließt er abhängig von der aktuellen Situation nicht aus. Gegenüber der ahgz sagt er: “Wir haben alle Respekt vor der Situation und viele unserer Mitarbeiter sind verunsichert und haben Zukunftsängste. Dennoch haben wir als Betrieb unwahrscheinlich viel Solidarität aus dem Team erfahren und viele Gespräche geführt. Wir werden das als Team durchstehen und weitermachen”. Die kommende Zeit versucht er dennoch effizient zu nutzen. Die Renovierung der Läden steht an sowie die Instandsetzung einiger Geräte und Systeme. Außerdem plant Strenger umfangreiche Inventuren, die im laufenden Betrieb nur schwierig sind. Auch die Überarbeitung seiner Konzepte hat er sich vorgenommen. Und er baut gerade einen Lieferdienst auf, um weiter für Gäste da sein zu können.

Ein Blick in die Zukunft wagt auch Strenger nicht: “2020 wird definitiv ein Minusgeschäftsjahr für die Gastronomie, da wir solche harten Umsatzausfälle über das Jahr nicht wieder reinwirtschaften können.” Einen Wunsch hat er jedoch: “Ich hoffe, dass die kommenden Jahre positiv verlaufen werden und die gastronomische Landschaft in Deutschland bunt und vielseitig bleiben kann.”

Voll ausgelastet waren die Häuser der arcona Hotels & Resorts als die Nord- und Ostseeinseln für Touristen gesperrt wurden, berichtet arcona-Chef Alexander Winter. „Wir haben versucht, alles zu tun, was möglich war, um die Abreise der Gäste stressfrei zu gestalten. Im Nachhinein haben wir über Social Media viel Zuspruch unserer Gäste bekommen, die sich alle schon freuen, uns nach der Krise wiederzusehen“, so Winter. Für die Zentrale und die Hotels hat er Kurzarbeit beantragt. Ihm sei es wichtig, die Teams zusammenhalten. Er wolle die nächsten Wochen und Monate ohne betriebsbedingte Kündigungen überstehen, stellt der Unternehmer klar.

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Winter über die Stimmung bei den arcona-Verantwortlichen: „Um ehrlich zu sein, waren wir alle schon mal fröhlicher. Ich bin kein Pessimist und sehe immer positiv in die Zukunft. Aber diese Herausforderung ist für uns alle enorm.“ In erster Linie sorge er sich um das Wohl seiner Mitarbeiter. Für viele sei es schon schwer, mit dem regulären Gehalt über die Runden zu kommen. Mit Kurzarbeitergeld werde es den einen oder anderen hart treffen. „Aus diesem Grunde richten wir gerade einen Unterstützungsfonds ein, aus dem wir Mitarbeiterdarlehen für Härtefälle kurzfristig und unbürokratisch ausreichen können, sodass wir deren Lage nicht noch weiter dramatisieren“, so Winter weiter. Er ist sich sicher, dass die Branche auch die Covid-19-Krise gemeinsam meistern wird. Woher nimmt er seine Zuversicht? „Es ist zu spüren, wie wir alle an einem Strang ziehen und die demokratische Politik vernünftig agiert.“

Die verordnete Pause nutzen Winter und sein Team, um Liquiditätshilfen und andere Unterstützungen zu beantragen. "Das Herunterfahren von Hundert auf Null ist komischerweise relativ schnell vonstatten gegangen. Die verderblichen Waren haben wir den örtlichen Tafeln gespendet und sind jetzt im Stillstandsbetrieb", so Winter. 

Wichtig ist es ihm auch, jetzt denjenigen Unternehmern zu helfen, die kleiner aufgestellt sind und häufig nicht dieselben Informationsstände haben. Hier stehe er im regelmäßigen Austausch, um Chancengleichheit sicherzustellen.

Winter betont zudem: "Und ab einem Zeitpunkt X gilt es nach vorn zu denken: Wir müssen uns gute Marketingaktionen für die Zeit danach einfallen lassen und die jetzige Zeit nutzen, aus dieser Krise zu lernen und unser Unternehmen weiterzuentwickeln. Doch ganz ehrlich: Dafür hatten wir in dieser Woche noch keinen Kopf"

Für die Zukunft wagt Winter keine Prognose. "Wir wissen nicht, wie schwer es uns am Ende in Deutschland treffen wird. Noch ist die Situation zu dynamisch. Ich bin sehr froh, dass wir im vergangenen Jahr den Schritt gewagt haben, uns von den Stadthotels zu trennen und diese beim Erwerber in guten und wirtschaftlich potenten Händen sind. Sonst hätten wir noch größere Sorgen."

Die Hotellerie und Gastronomie sei die mit am stärksten betroffene Branche. Die Politik müsse dringend weitere bundesweite Lösungen schaffen, die nicht rückzahlbar seien. Die Änderungen im Kurzarbeitergeld empfindet Winter als  wichtige und guten Anfang. Doch eine weitere Schuldenlast für die Unternehmen würde der Branche langfristig erheblichen Schaden zufügen. "Viele werden das wirtschaftlich nicht überleben",  sagt Winter.

Jürgen Köhler, Chef der beiden Mövenpick Hotels am Stuttgarter Flughafen, findet deutliche Worte für die Situation: "Kollegen und Freunden steht das Wasser förmlich bis zum Hals, und man darf sich die Frage stellen, wen man nach dieser Notlage in der altbewährten Form wieder antreffen wird." Sein Messe Hotel, soeben erst an den Start gegangen, ist seit vier Wochen - zunächst auf Grund technischer Herausforderungen - und anschließend aufgrund der geringen Nachfrage geschlossen.

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Köhler weiter: "Anschließend wurden die ersten Messen storniert und danach haben uns die Ereignisse mehr oder weniger überrollt. Derzeit dürfen wir nur noch Geschäftsreisende beherbergen – von denen es mehr oder weniger keine mehr gibt. Im Airport Hotel haben wir derzeit nur noch vereinzelt Zimmer belegt."

Veranstaltungen in der Gastronomie habe es laut Köhler schon seit Wochen nicht mehr gegeben. Das Restaurant Trollinger und die gesamte Gastronomie sind jetzt geschlossen. "Da wir zum Bremsen keine Zeit hatten, sondern eigentlich einen Vollcrash hingelegt haben, sind auch viele Vorbereitungen und Lebensmittel liegengeblieben. Diese haben wir durch Spenden an Kliniken in Tübingen und Bad Urach sowie an die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zum Großteil gerettet, aber auch hier gab es Verluste die einem weh tun", so Köhler.

Beim Blick auf die Auswirkungen stellt der erfahrene Hotelmanager klar: "Unser erstes und größtes Ziel ist es, unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu schützen und sie vor allem für die Zeit nach der Krise zu halten." Er habe lange gebraucht, alle Stellen zu besetzen und es sei fatal, wenn er sich von Mitarbeitern in dieser Phase trennen müsste.

Er hat, wie viele seiner Kollegen auch, für alle Kurzarbeit angemeldet. So will er versuchen, seine Häuser über das Schlimmste hinwegzuretten. Man ziehe als Team an einem Strang. Dennoch werde die Herausforderung von Tag zu Tag schwieriger.

Heiko Buchta, verantwortlich für das Platzl Hotel und seinen Ableger Marias Platzl in München hat die Betriebe am 20. März geschlossen. Voraussichtlich bis Ende April.

Als erste Maßnahme hat er zunächst Ergänzungen zu den Arbeitsverträgen mit den Mitrbeitern geschlossen – ihnen die Situation genau erklärt und auch das Vorgehen. Damit habe er die Kurzarbeit in den Arbeitsverträgen geregelt. "Dann haben wir die Kurzarbeit bei der Agentur für Arbeit angezeigt. Die Situation ist völlig neu – und die Schnelligkeit, in der sich die Rahmenbedingungen ändern, erfordern schnelles Handeln. Zum Nachdenken bleibt da Gott sei Dank wenig Zeit," so der Hoteldirektor.

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Es sei traurig, seinen Betrieb vorübergehend einstellen zu müssen – aber die Mitarbeiter bräuchten in dieser Situation Zuversicht – diese zu vermitteln, sei ganz klar seine Aufgabe. Sein Team sei verunsichert und traurig – aber auch sehr gewill, alle Maßnahmen mit durchzuziehen, damit die Arbeitsplätze erhalten würden. Buchta: "Ich bin im Kernteam vor Ort, um den Notbetrieb zu gewährleisten. Wir treffen uns im Führungsteam dann wöchentlich, um die Situation neu zu bewerten. Ansonsten nutze ich die Zeit, um zu realisieren was passiert ist."  Zur Zukunft sagt er nur so viel: "Hierzu ist es unmöglich einen Aussage zu treffen."

Der Stuttgarter Gastronom Günther Oberkamm, den alle nur Obi nennen, betreibt mit seiner Frau Sabine das kleine Restaurant Augustenstüble, das französisch inspirierte Bistroküche und feine Weine anbietet. Das Konzept ist die Abendöffnung. Das Augustenstüble ist zu. Oberkamm mahnt Schnelligkeit bei den Hilfen an: "Es ist einfach so, dass wenn die entsprechenden Stellen, also die L-Bank, die KfW und andere, nicht sofort handeln, also den entsprechenden Geschädigten genügend Liquidität zur Verfügung stellen, es heißt: Gute Nacht Stuttgart und ganz Deutschland."

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Dann wird unsere gesamte Gesellschaft anders aussehen, befürchtet der Gastronom: "Innenstädte verwaisen, es wird nur noch Ketten, vor allem auch in der Gastro geben. Der gesamte Dienstleistungsbereich, der bei uns ohnehin nichts Wert scheint, wäre betroffen."

Er versucht jetzt, wie viele andere auch, wenigstens Take away und Lieferservice aufrecht zu halten. Seine Devise: "Durchhalten! Wir sind einiges gewohnt, sind öfter mit dem Rücken zur Wand gestanden, und hätten wir nicht damals schon breite Solidarität erfahren, wer weiß, was aus uns geworden wäre."

Von Gästen, die unbedingt noch ein Zimmer buchen wollten, weil ihnen daheim schon die Decke auf den Kopf fällt – Tenor: „Wenn wir einen Laptop mitbringen, ist es doch geschäftlich“ – berichtet Hotelier Manfred Lang vom Romantik Hotel Residenz am See in Meersburg.

Anfang vergangener Woche hat er noch eine generelle Schließung aller Hotels durch die Politik gefordert, in der Hoffnung, dass dann übergangsweise die Betriebsschließungsversicherung greife, seit Donnerstag ist auch sein Hotel dicht.

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Dabei sei bis letzte Woche bei ihm noch alles ziemlich normal gelaufen, berichtet Lang. Doch mit der Untersagung touristischer Übernachtungen auch bei ihm die Stornierungswelle.

„Wenn in einer touristischen Region wie dem Bodensee keine Buchungen angenommen werden dürfen, kommt es einer Schließung gleich“, sagt Lang. Dass er noch Geschäftsreisende hätte beherbergen dürfen, hätte ihm nicht gebracht: „Da Geschäftsreisende in Meersburg eher selten in Meersburg sind, ist es nicht sinnvoll den Hotelbetrieb offen zu lassen.“

„Wenn man noch einige Betriebe retten möchte, sollte man von Seiten der Politik jetzt schnell reagieren“, appelliert Lang. „Wenn Betriebe jetzt Kurzarbeit anmelden müssen, wird es auch für die Mitarbeiter dramatisch. Gerade Angestellte, die sich im Niedriglohn-Sektor bewegen und dann nur noch 60 Prozent ihres Verdienstes erhalten, kommen schnell an die Grenze der Grundversorgung.“

Seine eigenen Aussichten sieht er gemischt: „Dank einer guten Zusammenarbeit mit der Bank kann ich sicherlich ein bis zwei Monate überbrücken, dann wird es sehr eng.“ 

Christian Mittermeier, Inhaber der Villa Mittermeier in Rothenburg ob der Tauber postet auf seiner Facebook-Seite folgendes: "Für die augenblickliche Lage gibt es keine Blaupause. Niemand, auch wir nicht, kann sich sicher sein, die richtige Entscheidung zu treffen. Wir fahren auf Sicht und versuchen, das Beste aus der Situation und den vorliegenden Informationen zu machen. Wie das Virus bei uns ankommt ist lediglich eine Frage des Szenarios, und wir hoffen inständig auf eine Variante, die möglichst wenig Schaden bewirkt."

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Die Herausforderung bestehe gerade darin, widersprüchliche Anforderungen unter einen Hut zu bringen: den Ernst der Lage zu erkennen und sich dennoch nicht verrückt machen zu lassen, physischen Abstand zu halten und dennoch zusammenzurücken, rigoros wie konsequent zu handeln und dabei eine ruhige Hand zu behalten, die Mitarbeiter nach Hause zu schicken und ihnen dennoch Sicherheit und Zuversicht zu geben, zu schließen und dabei zu wissen, dass es eine Zeit nach Corona geben wird.

Mittermeiers Bitte: "Haltet zusammen und denkt an Eure Nächsten, an alle und an Euch selbst. Und rennt uns wieder die Bude ein, feiert mit uns den Sieg über Corona, sobald wir diese Schlacht gewonnen haben!Bleibt ruhig, bleibt gelassen, bleibt tapfer und bleibt gesund." 

Steffen Disch, Inhaber Gasthaus zum Raben im südbadischen Horben, hat sein Restaurant "aus Verantwortung für die Gesundheit der Gäste, der Famillie und der Mitarbeiter" bis zunächst 19. April dichtgemacht. Ihn trifft es besonders hart, weil der Raben wegen Umstrukurierungen und der Übernahme eines zweiten Betriebs kürzlich sechs Wochen lang geschlossen war. "Der Raben ist eigentlich ein super aufgestellter Betrieb, aber wenn das noch zwei Monate noch gehen sollte, halte ich das ohne Unterstützung nicht durch", so Disch im Gespräch mit der ahgz. Er ärgert sich über die unklaren und uneinheitlichnen Vorgaben der Politik in den Tagen vor der Schließung.  "Es gab keine Gewissheit bei den Öffnungszeiten, die Gäste waren verunsichert und verärgert. Sie haben storniert und aber auch reserviert. Ich konnte die Reservierung aber nicht garantieren."

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Aus seiner Sicht müsste der Staat jetzt bei vielen Betrieben die Mietkosten übernehmen. "Sonst werden einige Federn lassen", ist er überzeugt.  Aber an eine solche Maßnahme glaubt er selbst nicht so recht. Er ist eher skeptisch, hofft aber dass nicht nur wieder den Großen geholfen wird. Wie für viele seiner Kollegen wäre für Steffen Disch die Einführung der 7-Prozent-Gastro-Mehrwertsteuer "eine echte Hilfe und eine faire Lösung, flächendeckend für die ganze Branche, wenn es nach der Krise wieder losgeht."

Er  müsse wegen seines neuen zweiten Betriebs  Kredite abbezahlen und wolle natürlich auch seinen Mitarbeitern das "Bestmögliche bíeten". Bitter: Anfang der Woche haben zwei neue Mitarbeiter angefangen, die er gleich in die  Kurzarbeit schicken musste. Entlassen will er sie nicht. Disch ist kämpferisch, will  weitermachen und jetzt die "Ärmel hochkrempeln".  Flagge zeigt er mit einem hochwertigen To-Go- und Abhol-Angebot, von dem er hofft, dass es wenigstens zwei Mitarbeiter beschäftigt.  "Wir wollen sichtbar und tätig bleiben", sagt der Gastronom. Und wenn die Krise sich hoffentlich bald dem Ende zuneigt, wünscht er sich klare Ansagen von der Politik, wann was wieder geht. "Es ist nämlich auch hintenraus entscheidend, dass es gut weitergeht, alle Bescheid wissen und die Gäste wiederkommen."  Schließlich findet er, dass die Krise uns alle etwas erden und bereit für neue Wege machen solle.

Der Münchner Großgastronom Christian Schottenhamel hat seine Betriebe Paulaner am Nockherberg  und Gutshof Menterschwaige für vorerst 14 Tage geschlossen. "Eine Öffnung für maximal 30 Personen und nur bis 15 Uhr macht für alle unsere gastronomischen Betriebe wirtschaftlich kaum Sinn. Die Entscheidung haben wir aber auch zum Schutz unserer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter so getroffen."

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Schottenhamel hat Kurzarbeit beantragt und von einer Handvoll Mitarbeiter hat er sich schweren Herzens sofort getrennt. Zudem hat er die finanzielle Soforthilfe der Bayerischen Staatsregierung beantragt.

Schottenhamel beschreibt die Lage so:"Die Stimmung ist offen gestanden bedrückt bis entsetzt, und zwar bei uns allen. Unter das Gefühl der Machtlosigkeit mischen sich Existenzängste, weil keiner von uns in der Lage ist, abzuschätzen, wie lange diese absolute Ausnahmesituation in unserem Land und auf unserer Welt anhalten wird."

Die Zwangspause, welche hoffentlich nicht allzu lange andauern wird, will der Wirt nutzen für kleinere Reparatur- und Renovierungsmaßnahmen, welche von der Brauerei durchgeführt werden. Als Pächter halten wir uns mit Ausgaben in dieser angespannten Lage zurück, denn für uns zählt jetzt jeder Euro, um unsere Betriebe über diese schwierige Zeit hinweg liquide zu halten.

Wie es weitergehen wird, darüber kann Schottenhamel keine Prognose abgeben. Sein Bauchgefühl sage ihm, dass sie froh sein könnten, wenn sie ihre Betriebe wieder aufsperren und große Teile der Belegschaft wieder beschäftigen könnten. Der Unternehmer weiter: "Für die nahe Zukunft machen wir uns erst einmal keine zu großen Hoffnungen auf ein florierendes Geschäft – zum einen ist die Pandemie noch alles andere als ausgestanden, zum anderen leiden derzeit fast alle Branchen gravierend und gerade das Eventgeschäft wird deshalb schleppend anlaufen."

Hart trifft es die Ferienhotellerie. Wie viele andere Häuser haben auch die  beiden Baiersbronner Flaggschiffe Bareiss und Traube Tonbach ihren Betrieb eingestellt.

Für das Bereiss sei die Coronakrise so überlebenswichtig ernst wie für alle, teilt die Familie Bareiss mit. Die Lage sei zu meistern, wenn sich alle  miteinander verantwortungsvoll und solidarisch verhalten. Man stehe zueinander in Tatbereitschaft, Zuversicht und Optimismus, die Krise gemeinsam zu meistern.

Geschlossen ist das Hotel sowie die Outlets Morlokhof, Wanderhütte Sattelei und Forellenhof. Hannes Bereiss: "Die weiteren betrieblichen Entscheidungen und Maßnahmen sind in einem Unternehmen unserer Größenordnung sehr komplex und werden von uns angemessen gründlich durchdacht und umgesetzt."

Über die Verantwortung für die Existenz der Mitarbeiter und der von ihnen abhängigen Familien sei die Familie sich absolut im Klaren. Mit den Mitteln und Möglichkeiten des Unternehmens werde man alles tun, die Mitarbeiter zu schützen. Allerdings seien diese  Mittel und Möglichkeiten wirtschaftlich begrenzt. Deshalb stehen - so Hannes Bareiss - Bundeskanzlerin Merkel und ihre Minister Scholz und Altmaier seit ihrer "Blankoscheck-Erklärung" vom 13. März im Wort, die Unternehmer schnellstmöglich und unbürokratisch zu unterstützen. Auch die Landesregierungen sieht er in der Verantwortung. Bareiss: "Es geht um nichts weniger als darum, unsere Branche zu retten."

Die Traube-Familie Finkbeiner betont, dass es jetzt besonders wichtig sei, an einem Strang zu ziehen. Die Coronakrise ist ja schon der zweite Schlag in diesem Jahr, den das Hotel hinnehmen muss. In Jaunar ist das Stammhaus des Unternehmens mit dem 3-Sterne-Restaurant Schwarzwaldstube abgebrannt.

Karina Kull ist Direktorin im Seehotel Niedernberg bei Aschaffenburg. Das 106-Zimmer-Haus ist zu. Beim Veranstaltungsgeschäft reichen die Stornierungen jetzt schon bis Juni. Sie glaubt: Es wird dauern bis sich etwas Positives tut. Im Moment prüft sie, wer noch wie lange beschäftigt werden kann. Karina Kull: "Wir bauen Urlaub vom letzten Jahr ab, was nicht viel ist, weil wir immer Wert drauf legen, dass der genommen wird. Wir bauen anteilig den neuen Urlaub ab bis einschließlich März, auch Überstunden, und dann gehen wir in die Kurzarbeit. Diejenigen, die wir noch beschäftigen können, etwa für Instandhaltungen, Streichen und Putzen, die können noch weiter arbeiten, aber je länger es dauert desto mehr gehen dann in die Kurzarbeit."

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In der Zwangspause will sie das Haus weiter gut aufstellen und auch den Wellnessbereich noch weiter ausbauen.  "Wir haben das große Glück in einem gesunden Unternehmen zu sein, aber das sieht bei anderen ganz anders aus", so Kull.

Wie geht sie persönlich mit der Lage um? "Ich bin jeden Tag dankbar, wenn ich durch unser Dorftor fahren darf. Unsere Dorfgemeinschaft überlebt auch schwere Zeiten und schweißt uns noch mehr zusammen.  Am meisten beschäftigt mich die Verunsicherung aller wie es weiter geht und dass wir darauf keine Antwort geben können." Dennoch müsse man jetzt schon in die Zukunft schauen und sich überlegen, wie es weitergeht und sich strategisch entsprechend aufstellen.

Franz Wagnermayr, Inhaber des Sport & Wellnesshotels Angerhof in Sankt Englmar im Bayerischen Wald, hat im vergangenen Jahr und bis jetzt insgesamt 7 Millionen Euro in die Erweiterung und Verschönerung seines Wellnessbereiches investiert, vorwiegend aus Eigenmitteln.  Hohe Kreditlasten drücken den Hotelier also nicht. Für seine Mitarbeiter hat er Kurzarbeit beantragt. "Ausgestellt wird keiner", sagt Angermayr.

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Solange das Haus leersteht, will er versuchen seine Mitarbeiter noch etwas zu beschäftigen, für Grundreinigung und Renovierungen. Außerdem wird weiter an Details im neuen Wellnessbereich gerabeitet.  "Eigentlich wollten wir noch in zwei Etagen alle Zimmer mit Parkett ausstatten – das geht aber nicht, weil wir einen Schreiner in Österreich damit beauftragt haben und der darf jetzt nicht mehr einreisen."

Für Wagnermayr ist es erschreckend zu sehen, wie anfällig Europa und die ganze Welt ist. Ostern und Pfingsten wäre sein Hotel ausgebucht gewesen. "Jetzt sperren wir die von der Regierung vorgeschriebenen 14 Tage mal zu und lassen das Ganze auf uns zukommen. Dann schauen wir weiter. Ich gehe davon aus, dass die Schließung verlängert wird. Mit Blick auf den Sommer sind unsere Gäste meist noch innerhalb der Stornofrist, sodass sie noch Zeit haben. Wir gehen mit Stornos allerdings grundsätzlich tolerant um, schon in der ganzen letzten Zeit. Ich denke unsere neue Wellnesslandschaft ist in jedem Fall ein attraktiver Anziehungspunkt auch später …"

Auch Christian Epple vom Hotel-Landgasthof Hirsch in Finningen bei Neu-Ulm hat seinen Betrieb jetzt weitgehend stillgelegt. Das Restaurant ist zu. Nur das 69-Zimmer-Hotel bleibt für Geschäftsreisende geöffnet.  „So eine Situation und so einen massiven Umsatzeinbruch habe ich in all den vielen Jahren nicht erlebt“, betont Seniorchef Johann Britsch. „Die Gastronomie und Hotellerie stehen vor einer völlig neuen und katastrophalen Situation. Diese Herausforderung gilt es nun zu meistern“, ergänzt Britsch, der auch Vorsitzender des Dehoga-Bayern-Bezirks Schwaben ist.

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Der Landgasthof bietet trotz der Schließung des Restaurants Gerichte aus der Hirsch-Küche frisch verpackt zum Mitnehmen und portionierte, tiefgefrorene Hirsch-Gerichte zum Selberkochen an. „Wir wollen unseren Teil dazu beitragen, dass die Versorgung der Menschen in der Region gut funktioniert“, so Christian Epple.

Auch die Heimathafen Hotels trifft die Krise hart. Mit Häusern wie Beach Motel, Bretterbude und Lighthouse hat sich Hotelier Jens Sroka weit über die Grenzen von Schleswig-Holstein einen Namen gemacht. Jetzt ist aber auch bei ihm erstmal Schluss. Beinahe über Nacht mussten alle Hotels geschlossen werden.

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"Die vergangenen Tage waren sehr turbulent und es hat sich in wenig Zeit unglaublich viel getan. Die Entscheidung, dass wir die Hotels und unsere Restaurants schließen müssen hat uns sehr mitgenommen. Am 18. März um 12 Uhr war es dann so weit und nach den letzten Check-outs haben wir die Hotels geschlossen”, berichtet Sroka. Er fügt hinzu. “In einigen Häusern haben wir mit den Gästen und Mitarbeitern noch die letzten Bierfässer leergetrunken, in anderen Häusern ein gemeinsames Lunch gemacht. Ein komisches Gefühl die Häuser zu schließen, die sonst ja immer offen sind.”

Der Hotelier hat aber Verständnis für die Entscheidung, schließlich gehe die Gesundheit immer vor. Seine Mitarbeiter sind froh, dass keine einzige Kündigung ausgesprochen worden ist. Stattdessen schickt der Hotelier jetzt 97 Prozent seiner Mitarbeit in Kurzarbeit.

Buchhaltung und Reservierung in den Häusern seien auch in der nächsten Zeit voll besetzt, da hier auch weiterhin einiges zu tun sei, berichtet Sroka. Er selbst will sich nun an Planszenarien für den Finanzbedarf der nächsten Wochen und Monaten machen und über die Banken Gelder aus den Notfonds der KfW beantragen. Außerdem nutzt er die Zeit, um Arbeiten zu erledigen, die liegen geblieben sind oder nötig zu tun ist. Der Hotelier schaut nach wie vor positiv in die Zukunft. “Sobald wir wieder öffnen können, werden wir gemeinsam Gas geben, um möglichst schnell wieder unsere Planzahlen zu erreichen. Das wird alles schon wieder!” 

Mitarbeit: Karin Gabler, Brit Glocke, Natascha Ziltz, Katharina Ott


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