Coronavirus


Editorial extra

Coronakrise - Eine Frage der Verhältnismäßigkeit

Die Coronakrise trifft das Gastgewerbe ins Mark. Wie kann es ohne Panik weitergehen?

ahgz-Chefredakteur Rolf Westermannahgz-Chefredakteur Rolf Westermann

Letztlich geht es in der Coronakrise um die Frage, ob die drastischen Einschränkungen angesichts der Ausprägung der Infektion verhältnismäßig sind oder nicht. Bei Pest oder Ebola wären alle froh über die ergriffenen Maßnahmen und würden sich freiwillig in Quarantäne begeben. Aber so stellen sich Fragen: Wäre es besser, die Risikogruppen stärker zu schützen und die Allgemeinheit weniger zu beeinträchtigen? Warum schließen einige Länder Schulen und Universitäten, andere nicht? Ist das Virus in Versammlungen unter 1000 Menschen weniger infektiös als ab 1001? Warum wurden Fußballspiele so lange zugelassen, aber Messen abgesagt?

Das sind Abwägungsfragen. Aber wer wägt ab?

Bei Anne Will diskutierten am Sonntagabend in der ARD vor allem Mediziner, Minister und Vertreter des öffentlich-rechtlichen Rundfunks über die Auswirkungen. Sie versuchen das Bestmögliche, um eine Ausbreitung des Virus zu verhindern und ich bin natürlich nicht schlauer als die Virologen. Aber auffällig ist, dass die Beteiligten keine Unternehmer sind. Die Privatwirtschaft, die ihre Euros täglich mit Kunden verdient, die nun ausbleiben, die muss ganz anders bangen als die Studiogäste. Es geht konkret um Insolvenzen, Arbeitsplätze, Entlassungen, Kurzarbeit und schließlich um die Existenz vieler tausend Menschen. Da sind Auswirkungen auf die Gesamtwirtschaft, den Euro und die Europäische Union oder die Weltökonomie noch gar nicht inbegriffen. Es gibt deshalb Unruhe unter Unternehmern, die fragen, ob die Abwägungen von den richtigen Stellen mit den zutreffenden Argumenten vorgenommen werden.

Krise mit ungewissem Ausgang

Täglich werden neue Fallzahlen veröffentlicht, die natürlich immer weiter steigen, weil es keine Statistik der Geheilten oder der Untersuchten gibt, die nicht infiziert sind. Norditalien mit 16 Millionen Einwohnern wird weitgehend isoliert. Jede neue Nachricht dramatisiert die Lage eiter, die behördlichen Maßnahmen sorgen für Panikwellen. Viele trauen sich nicht mehr zu Reisen. Meetings, Messen und andere Veranstaltungen werden abgesagt, Firmen schicken Mitarbeiter zu Tausenden ins Homeoffice, Hamsterkäufe sind die Folge, eine Klinik wird wegen Coronaverdachts gesperrt, Ärzte und andere medizinische Betreuer dürfen nicht mehr arbeiten. Das alles wird zu Opfern führen, Opfer der Schutzmaßnahmen.

Das Gastgewerbe wird von Covid-19 voll getroffen und ist in eine Krise mit ungewissem Ausgang gerutscht. Nach einer Blitzumfrage des Dehoga vom vergangenen Freitag, an der sich rund 10.000 Betriebe beteiligten, beklagen 82,9 Prozent der Hoteliers und 84,5 Prozent der Eventcaterer Umsatzeinbußen. Auch 72,9 Prozent der Restaurants meldeten Rückgänge. Mich haben Anfragen von Hoteliers erreicht, ob man diesem “Wahnsinn“ etwas entgegensetzen könne. Sorglosigkeit ist keine Antwort und so tun, als ob es Corona nicht gibt, ist auch keine Lösung. Am Ende wäre es jedoch verheerend, wenn wir die Wirtschaft zum Erliegen bringen und trotzdem mehr als die Hälfte der Bevölkerung das Virus bekommen würde, wie es in Vorhersagen heißt. Deshalb ist schnelle und unbürokratische staatliche Unterstützung auch so wichtig. Wir brauchen Vernunft, Rationalität und Verhältnismäßigkeit. Und dazu gehört auch, dass alle Umstände in die Entscheidungen einbezogen werden.

#ZITAT#Die behördlichen Maßnahmen sorgen für Panikwellen, viele trauen sich nicht mehr zu Reisen#/ZITAT#

Wenn das nicht geschieht, wird nach Abflauen des Virus die nächsten Gruppe kommen, die sagt, unser Anliegen ist noch viel schwerwiegender als die Coronainfektion. Wenn wir schon angesichts der Vorstellung einer Krankheitsausbreitung den Flugverkehr halbiert haben, dann dürfen die Kapazitäten erst gar nicht wieder hochfahren werden, weil das Anliegen etwa des Klimaschutzes vermeintlich noch viel schwerwiegender ist.

Gesundheit und Menschenleben haben Priorität. Letztlich akzeptiert aber die Gesellschaft, dass der Individualverkehr jedes Jahr etwa 3000 Menschen das Leben kostet. Die jährliche Grippewelle wird mit rund 20.000 Todesopfern in Verbindung gebracht. Ginge es streng nach dem Gesundheitsschutz, müsste der Verkehr eingestellt und in den Grippe-Monaten Januar bis März das gesellschaftliche Leben zum Erliegen gebracht werden. Bei Terroranschlägen heißt es stets, eine hundertprozentige Sicherheit gebe es nicht und man solle das Leben nicht nach den Attentätern ausrichten, um sich letztlich diesen zu unterwerfen. Corona ist allerdings eine Naturkatastrophe. Wo ist der richtige Punkt einzuschreiten? Keep calm, no panic, but make the right decisions. Now.

Rolf Westermann ist Chefredakteur der ahgz Allgemeine Hotel- und Gastronomie-Zeitung (dfv Mediengruppe) sowie Autor des Buchs „Der Tag der Entscheidung“ (Matthaes Verlag)


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