Ausbildung


Interview: Marco Nussbaum, Gründer & CEO Prizeotel

„Es bedarf massiver Reformen – schnell!“

Der Hotelier spricht darüber, wie wichtig Unternehmenskultur, Motivation, Anerkennung und Bezahlung beim Finden und Binden von Azubis sind. Und was die Branche jetzt tun muss.

Marco Nussbaum: „Was wir nicht anbieten ist ‚Edutainment‘, wo man während des Trainings so unheimlich viel Spaß hat und sich gegenseitig auf die Schulter klopft.“Marco Nussbaum: „Was wir nicht anbieten ist ‚Edutainment‘, wo man während des Trainings so unheimlich viel Spaß hat und sich gegenseitig auf die Schulter klopft.“

Herr Nussbaum, Sie grenzen sich von Hotelunternehmen ab, die mit einem Wohlfühlpaket um Azubis werben. Warum?

Nussbaum: Weil damit eine Wahrnehmung kreiert wird, die es de facto so gar nicht gibt. Die Arbeitswelt dieser Unternehmen ist überwiegend durch Mitarbeiter geprägt, die unzufrieden und demotiviert agieren und ihren Vorgesetzten und Unternehmen höchst misstrauisch gegenüberstehen. Solche Anreize kaschieren nur die Führungsschwäche vieler Führungskräfte, die es eben nicht schaffen, eine positive und sinnstiftende Unternehmenskultur zu entwickeln. Wenn der äußere Anreiz die innere Motivation ersetzen soll, kann sich ein Unternehmen nicht nachhaltig entwickeln.

Bei Prizeotel gilt seit vergangenem Jahr eine Vergütungsregelung, die für Aufsehen gesorgt hat. Haben Sie dadurch mehr oder eine andere Art von Zuschriften erhalten?

Nussbaum: Das haben wir nicht analysiert. Uns sind andere Dinge dabei wichtig gewesen. Wenn man für seine Gäste eine gute Atmosphäre im Hotel schaffen will, müssen auch die Azubis gern zur Arbeit kommen und Anerkennung finden. Wenn sich Azubis aber von ihrem Gehalt kaum ein WG-Zimmer am Stadtrand leisten können, wenn sie jeden Tag eine Stunde mit Bus und Bahn zur Arbeit fahren und wenn sie körperlich und mental ausgepowert sind, kann man keine Leidenschaft von ihnen erwarten. Ein Job ist nicht attraktiv, wenn man seine Lebenshaltungskosten davon nicht bezahlen kann. Es geht um existenzielle Bedürfnisse der Menschen. Es kann nicht sein, dass die Hotellerie immer mehr Rekordjahre meldet, die Immobilien immer höher bewertet werden – und bei den Menschen, die dafür arbeiten, nichts ankommt.

Wie wird man Azubi bei Prizeotel, was muss der Kandidat mitbringen?

Nussbaum: Man muss Menschen mögen und eine wertschätzende Verhaltensweise an den Tag legen. Wir wollen niemanden motivieren, sondern bieten motivierten Menschen ein Arbeitsumfeld, dass sie nicht demotiviert.

Welche Perspektiven bieten Sie?

Nussbaum: Das wird individuell mit jedem Teammitglied besprochen. Aber die Frage finde ich sehr spannend und es zeigt, dass wir überhaupt noch nicht verstanden haben, was die neue Generation wirklich will. Wenn heute über Perspektiven in unserer Branche gesprochen wird, dann findet man sehr oft in Stellenanzeigen „frühzeitige Übernahme von Führungsverantwortung“ und das sieht die Branche als ihren USP. Die Aussage „hier kann man schnell Karriere machen“ wird bei der neuen Generation schnell zum Rohrkrepierer, impliziert sie doch nichts anderes als unbezahlte Überstunden. In anderen Branchen verdient man als Sachbearbeiter schon mehr als manche Hotel-Führungskraft mit Personalverantwortung. Warum sich also den Stress im Hotel antun? Die neue Generation braucht eine klare Trennung von Arbeit und Privatleben. Das ist sicherlich eine bessere Perspektive als frühe Führungsverantwortung mit vielen Überstunden für wenig Geld.

Gibt es, oder ist so etwas wie eine Prizeotel-Academy geplant?

Nussbaum: Ja, wir legen sehr viel Wert auf die Ausbildung der Menschen die bei uns arbeiten. Es gibt verschiedene Zertifizierungen und Zusatzausbildungen,die dem jeweiligen Leistungsstand angepasst sind. Wir arbeiten hier mittlerweile sehr stark mit internen Trainern sowie Trainern, die nicht aus der Branche kommen und oftmals ein Psychologiestudium als Hintergrund haben. Was wir nicht anbieten ist „Edutainment“, wo man während des Trainings so unheimlich viel Spaß hat, sich gegenseitig auf die Schulter klopft aber Ende nicht weiß, was man wirklich umsetzen soll. Auch individuelles Coaching ist ein Thema, was in meinen Augen immer wichtiger wird.

Was läuft Ihrer Meinung nach falsch, dass Unternehmen oft richtiggehend um Auszubildende „buhlen“?

Nussbaum: Das Image der Branche muss in der Öffentlichkeit massiv verbessert werden. Es werden ja viele negative Beispiele bekannt. Denen müsste die Erlaubnis zur Ausbildung entzogen werden. Vergessen werden aber all die positiven Beispiele toller Ausbildungen und den Entwicklungen, die sich diesen Ausbildungen anschließen. Wir brauchen eine moderne und zielgruppenorientierte Imagekampagne, bundesweit und zentral gesteuert. Nur das kostet Geld. Und so lange wir die aktuelle Verbandsstruktur haben, werden wir das nicht hinkriegen. Hier bedarf es massiver Reformen und zwar schnell. Am Ende ist es erstaunlich, was du alles erreichen kannst, wenn es dir egal ist, wer die Anerkennung dafür erntet. Oder anders gesagt: Der Branche ginge es besser, wenn einige Leute ihr Ego besser im Griff hätten und ihre Aktivitäten in den Dienst der gemeinsamen Sache stellen würden. Die Fragen stellte Alexandra Leibfried

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