Nachhaltigkeit


Gastbeitrag

ahgzplus Marco A. Gardini: "Die Zukunft beginnt jetzt!"

Die Versöhnung von Wertschöpfung und Wertschätzung im Gastgewerbe – das wünscht sich der Hochschulprofessor Dr. Marco A. Gardini.

Prof. Dr. Marco A. Gardini: "Wollen wir nach Corona – wann immer das auch sein mag – tatsächlich wieder da anfangen, wo wir aufgehört haben?"Prof. Dr. Marco A. Gardini: "Wollen wir nach Corona – wann immer das auch sein mag – tatsächlich wieder da anfangen, wo wir aufgehört haben?"

Auch wenn es vor dem aktuellen Hintergrund der Existenznöte zahlreicher Unternehmen, der großen Verunsicherung in weiten Teilen unserer Gesellschaft und auch der persönlichen Ängste merkwürdig erscheinen mag: Jetzt ist dennoch ein guter Zeitpunkt, in die Zukunft zu blicken! Denn nun, wo wir aus dem vollen Lauf vom Coronavirus von den Beinen geholt worden sind, wir gewissermaßen zwangsentschleunigt wurden und mehr oder weniger Zuschauer unseres eigenen Lebens sind, gibt es – neben aller Sorge um das Hier und Heute – den ein oder anderen Moment, um über das Morgen nachzudenken.

Zugegeben, einen solchen „schwarzen Schwan“ wie das Coronavirus und den darauffolgenden Eingriff in die wirtschaftliche Autonomie zu verkraften, ist natürlich erst einmal ein Schock, zumal man hier auf keinerlei unternehmerische Erfahrungswerte zurückgreifen kann. Aber auch wenn man sich auf einen schwarzen Schwan nicht wirklich vorbereiten kann, so kann doch aus ihm gelernt werden. Denn der schwarze Schwan zeigt Schwächen und Unzulänglichkeiten von Systemen und Organisationen auf. Er zeigt, dass bestimmte Risiken bisher unterschätzt wurden, wenn sie denn überhaupt beachtet wurden.

Systematisches und strategisches Handeln

So ist offenbar die Krisen-Resilienz in weiten Teilen unserer Branche nicht sonderlich ausgeprägt, die strategische Weitsicht nur bedingt vorhanden, ein Risikomanagement im klassisch betriebswirtschaftlichen Sinn nur selten institutionalisiert. Beklagt man nun die aktuell drohenden Insolvenzen im Gastgewerbe oder allgemein das Wirtshaussterben oder die hohe Flop-Rate gastgewerblicher Konzepte, sollte die Lehre für uns als Branche zukünftig sein, sich fundierter, systematischer und strategischer mit langfristigen Einflüssen und Veränderungen der externen und internen Unternehmensumwelt auseinanderzusetzen.

Die Unternehmen des Gastgewerbes haben in der Vergangenheit viel dafür getan, immer leistungsfähiger zu werden – sie wurden größer, schneller, produktiver, besser, sprich, sie wurden immer effizienter in dem, was sie taten. Effizienz heißt bekanntermaßen, die Dinge „richtig“ zu tun. Das ist die eine Kunst, die Unternehmen und Unternehmer beherrschen müssen. Die andere Kunst, die gute von weniger guten Unternehmen unterscheidet, ist die Effektivität, also die Fähigkeit von Betrieben und Unternehmern, das „Richtige“ zu tun! Was das Richtige ist, hängt natürlich immer vom Kontext und den Zielen ab, die man sich setzt. Was ist aber nun das Richtige für uns als Branche beziehungsweise für die Zukunft unserer Branche?

Wollen wir die Welt von gestern wiederhaben?

Eine besonders wichtige Frage wird dabei sein, was für uns als Mensch, Gast, Unternehmer von Wert ist oder zukünftig von Wert sein sollte. Wollen wir die Welt von gestern wiederhaben? Möglicherweise nicht, denn so zufrieden waren wir ja damit anscheinend nicht, wie insbesondere die jüngere Generation das mit Blick auf den Klimawandel nachdrücklich kundgetan hat. Wollen wir nach Corona – wann immer das auch sein mag – tatsächlich wieder da anfangen wo wir aufgehört haben? Wollen wir tatsächlich lieber „Business as usual“ und uns mehr oder weniger ambitioniert den Problemen des Overtourism, den Folgen des Klimawandels, der Flugscham, dem Ausverkauf der Heimat oder dem traurigen Branchen-Image widmen, oder wollen wir lieber diese Stunde „Null“ nutzen, um direkt über eine nachhaltige, digitale und zukunftsfähige Agenda im Gastgewerbe diskutieren?

Ich persönlich würde mir für die Zukunft des Gastgewerbes wünschen, dass die Versöhnung von Wertschöpfung und Wertschätzung gelänge, dass wir also eine neue Achtsamkeit dafür an den Tag legen, womit und wie wir Geld verdienen. Aus Angebotssicht beinhaltet das die Hoffnung, dass die Betriebe – wie so oft in der Vergangenheit geschehen – nicht in den Fehler verfallen, mit Preissenkungen und Dumping-Angeboten durch die Krise zu kommen, sondern vermehrt über die Qualität und Nachhaltigkeit ihrer Leistungen in die Zukunftsfähigkeit ihrer Betriebe investieren. Steigenberger-Chef Thomas Willms hat es unlängst gesagt: „Noch nie war es trotz aller kurzfristigen Herausforderungen so wichtig, mittel- bis langfristig zu denken.“

Für mich heißt das, dass diejenigen Betriebe gestärkt aus der Krise hervorgehen werden, denen es gelingt, ihre Zeit und ihre Ressourcen sinnvoll zu nutzen, um sich bestmöglich für die Zeit danach aufzustellen. Ein ungeschminkter Blick auf den eigenen Betrieb ermöglicht es jetzt, Strukturen, Prozesse, Leistungen, Fähigkeiten auf den Prüfstand zu stellen und Fehler der Vergangenheit zu korrigieren. Darin liegt meines Erachtens auch die große Chance der Hotellerie und Gastronomie, nämlich als Branche sowohl im Außen- wie im Innenverhältnis zum Wohle aller Beteiligten auf ein höheres Leistungsniveau zu gelangen.

Nachhaltigkeit rückt in den Fokus

Aus Nachfragesicht würde ich mir wünschen, dass wir als Kunden und Gäste ebenfalls eine neue Achtsamkeit an den Tag legen und stärker darauf achten, was wir wo in welcher Qualität kaufen.

Kunden wird oft nachgesagt, dass sie von allem den Preis kennen, aber von nichts den Wert. Demnach achten nur wenige Urlauber und Gäste darauf, ob ihre Reisen, ihre Speisen oder ihre Urlaubsaktivitäten tatsächlich nachhaltig sind. An dieser Stelle wird es jedoch in unserer Funktion als Konsument langsam Zeit, Verantwortung zu übernehmen. Die seit Jahrzehnten bestehende Lücke zwischen unseren Ansprüchen und Einstellungen zu Nachhaltigkeit und unserem tatsächlichen Handeln könnten wir schließen, wenn wir es denn wirklich wollen.

Wenn wir als Touristen – wie unzählige Studien es zeigen – doch so viel Wert darauf legen, eine intakte Natur vorzufinden, authentische Erlebnisse und lokale Erfahrungen zu machen, sollten wir dafür auch bereit sein, Preise zu zahlen, die diese Umwelt- und Sozialverträglichkeit auch abbilden. Die neue Konsumentenachtsamkeit sollte denn auch darin bestehen, dass wir als Gäste verstärkt auf die Wertigkeit und nicht auf den Preis achten und damit unsere Wertschätzung gegenüber den Produkten und Leistungen des Gastgewerbes zum Ausdruck bringen.

Mein Fazit: Hier und heute ist eine gute Zeit, ein neues Bewusstsein für Preis und Leistung, für Wertschöpfung und Wertschätzung zu entwickeln – diese Zukunftschance sollten wir ergreifen. Gemeinsam, Gastgeber und Gast!


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