Gastbeitrag

"World’s Best auf falschem Gleis!"

Von Jürgen Dollase, Gastronomiekritiker, Journalist und Mitbetreiber des Portals Eat-Drink-Think.

Übt scharfe Kritik: Jürgen DollaseÜbt scharfe Kritik: Jürgen Dollase

Es ist sehr interessant, die Reaktionen auf die neue Liste der The World’s 50 Best Restaurants zu verfolgen. Köche und Gourmets sind sich ja weitgehend darin einig, dass die Liste allein schon deshalb sinnvoll ist, weil sie ein internationales Publikum aktiviert. Und dass man mit nationalem Publikum zum Beispiel als 3-Sterne-Restaurant nicht wirklich auskommt, gibt jeder betroffene Koch auch unumwunden zu.

Insofern kann man die Frage stellen, ob denn die neue Liste auch diejenigen erreicht, die sie am besten erreichen sollte. Aber genau daran sind Zweifel angebracht. Speziell eine Maßnahme wie das Überführen jeder Nr. 1 in die „Best of the Best“-Katakomben hat ein so widersinniges Bild der Qualitäten internationaler Spitzenrestaurants erzeugt, dass viele Beobachter nur noch abwinken.

Für die bunten Blätter

Schon heute kann man mit den Meldungen, die die Veranstaltung weltweit erzeugt, nicht wirklich zufrieden sein. Es gibt wichtige Medien, die die Meldung überhaupt nicht weitergeben – und wenn doch, dann nicht dort, wo sie eigentlich zu finden sein müsste. Es ist eine Meldung für die bunten Blätter, für die stark vergänglichen News. Okay, das Soundso ist das beste Restaurant der Welt. Aber: So what? Hat das irgendeine Bedeutung, die über ein paar mehr Gäste für das beglückte Haus hinausgeht? Nützt es der Kochkunst? Nützt es irgendeiner internationalen kulinarischen Entwicklung? Nützt es vor allem dem Geschäftsmodell der Veranstalter?

Es ist weder bei der Ehrung noch in den dürren, oberflächlichen Erläuterungen auf der Website der Veranstalter zu erkennen, warum, wieso und weshalb die jeweiligen Restaurants den Platz haben, den sie haben – und warum bestimmte Restaurants ausgezeichnet, andere aber völlig verschwunden sind. Aber: Wie sollte man auch anders agieren, wenn es doch offensichtlich nicht auf eine möglichst seriöse Auseinandersetzung mit den Qualitäten der Kochkunst ankommt, sondern um das Zusammenwürfeln von irgendwie zustande gekommenen internationalen Stimmen.

Endgültig widersinnig?

Wenn aber die Nachricht nicht die eigentlich gewünschte Kundschaft erreicht, sondern vor allem Leute, die ohnehin nicht in ein Spitzenrestaurant gehen: Wird die ganze Sache nicht endgültig widersinnig? Die Ergebnisse der Liste werden nicht so diskutiert, wie sie diskutiert werden müssten und nicht da veröffentlicht, wo sich eine wirkliche Wirkung erzielen ließe. Wenn die Liste nicht in den Feuilletons, den Hauptnachrichten oder in Kulturmagazinen wahrgenommen und die Ergebnisse diskutiert werden, verfehlt sie einen wesentlichen Teil ihres möglichen Publikums und leistet zudem keinen kulturell wesentlichen Beitrag – auch wenn die Veranstalter sich nach Kräften bemühen, diesen Eindruck zu erzeugen.

Der durch die neuen Maßnahmen ins Lächerliche gesteigerte Unsinn lässt Redakteure von Rang und Bedeutung nur noch abwinken: Nein, das ist kein Thema. Nein, das ist erkennbar zu kommerziell aufgezogen. Nein, das leistet keinen Beitrag zu irgendeiner sinnvollen internationalen Diskussion über die Qualitäten und Funktionen von Spitzenküche.

Nach den neuen Maßnahmen der Organisatoren bleibt nur noch ein dringender Wunsch: Man möge die ganze Sache noch einmal gründlich überdenken und etwas schaffen, das Sinn macht. Die Organisatoren der „50 Best“ haben überzogen, sie haben sich verrannt.

Den Text haben wir leicht gekürzt und mit freundlicher Genehmigung des Autors dem Portal Eat-Drink-Think entnommen.


Möchten Sie auf ahgz.de zukünftig alle Inhalte unbegrenzt nutzen?Jetzt informieren!Nicht jetzt

Sie sind bereits Abonnent?Hinterlegen Sie hier Ihre Auftragsnummer!