Tagungshotellerie


Klaus Kobjoll, Eigentümer Schindlerhof Kobjoll GmbH, Nürnberg

„Kantig, zuverlässig, hoher Nutzwert“

Starke Thesen, harter Kurs – wie Individualhotelier Klaus Kobjoll der Marktkonzentration trotzt und Herausforderungen wie Digitalisierung und Fachkräftemangel anpackt.

Klaus Kobjoll: „Wir wählen den Fehler des Monats und trinken mit dem Betreffenden ein Glas Champagner.“Klaus Kobjoll: „Wir wählen den Fehler des Monats und trinken mit dem Betreffenden ein Glas Champagner.“

Sie haben den Schindlerhof zur Marke gemacht. Für welche Inhalte steht sie heute, was hat sich verändert?

Kobjoll: Unsere Marke steht für Individualität. Eine Marke führt, sie folgt nicht! Starke Marken haben immer starre Regeln. Im Schindlerhof gibt es eine strikte Preisgarantie, seit 1984 ausnahmslos durchgehalten. Rack-Rate ist Average Rate! Ich halte nichts von Revenue Management. Dann schließt ein Gast immer von den Gästen auf die Marke. Wir arbeiten deshalb ausschließlich mit Individualreisenden.

Welche Trends in der Lifestyle-Hotellerie greifen Sie auf?

Kobjoll: Wäre der Schindlerhof ein Auto, dann wäre er eine G-Klasse von Mercedes. Kantig, zuverlässig und von hohem Nutzwert. Alles, bloß kein Mainstream. Unsere Gäste sind ausgeprägte Individualisten – genau wie unsere Teammitglieder. Eigentlich wollen wir keine Trends aufgreifen, sondern selbst welche setzen! Aus unserer Tagungswelt gehen die Gruppen nach zwei Tagen mit den Ergebnissen nach Hause, für die sie in anderen Häusern drei Tage gebraucht hätten. Unser Tagungskonzept ist sehr aufwendig und kaum kopierbar. Unser Restaurant ist nicht abhängig von Hotelgästen, sondern lebt von vielen Stammgästen aus der Region. Wir sind an etwa 280 Abenden im Jahr ausgebucht – seit 33 Jahren.

Kein Wohnzimmer für die Gäste?

Doch. Ein Wohnzimmer für die Hotelgäste haben wir erst seit zwei Jahren. Das ist unsere Bar, eine Vinothek mit begehbaren Weinklimaräumen aus Glas in zwei verschiedenen Temperaturzonen und einer Dachterrasse mit beheizten Sofas für die Raucher.

Einzelkämpfer haben es schwer – so heißt es zumindest. Was sagen Ihre aktuellen Zahlen?

Kobjoll: Wir sind ganz bewusst „Family owned & proudly independent“! Wir gehören keiner Kooperation an, machen keine klassische Werbung oder aktive Neukunden-Akquise. Attraktivität verkauft sich von allein und findet ihren Markt. Unsere Auslastung liegt bei rund 65 Prozent – wohlgemerkt immer zur Rack-Rate. Der Einzelzimmerpreis liegt durchschnittlich bei 135 Euro mit Frühstück bei drei Zimmerkategorien. In unseren acht Tagungsräumen finden jährlich bis zu 1750 Veranstaltungen statt. 2016 hatten wir 8,4 Prozent Umsatzwachstum.

Worauf setzen Sie ganz besonders als Tagungshotel?

Kobjoll: Wir arbeiten seit 1990 mit der Farbenlehre von Goethe und verwenden – je nach Tageszeit – verschiedene Energiefarben. In einem Tagungsraum kann der Trainer sogar mittels einer kleinen Fernbedienung bis zu 65 Lichtstimmungen an die Decke zaubern. In unseren Tagungsräumen verdampfen wir ätherische Öle in sehr niedriger Dosierung. Am Vormittag Eisenkraut zur Konzentrationsförderung, am Nachmittag Lemon Gras, Zitrusfrüchte oder Pfefferminz gegen Müdigkeit. Bei parlamentarischer Bestuhlung hat jeder Gast einen Arbeitstisch vor sich, der seinen Namen verdient und keinen schmalen „Tapeziertisch“. Unsere Stühle sind bequeme ergonomische Freischwinger und unterscheiden sich völlig von Stühlen aus dem Bankettbereich.

Sie sind bekannt für gute Ideen. Aber worin haben Sie sich zuletzt geirrt?

Kobjoll: Bei großen Investitionen ist uns Gott sei Dank noch nicht passiert. Innovation ist bei uns einer von insgesamt acht Kernprozessen. Wir testen immer erst im überschaubaren finanziellen Rahmen, sozusagen in Feldforschung, bevor wir eine Innovation endgültig einführen. Ein Beispiel: Seit Juni haben wir ein eigenes Fernsehstudio, also eine Blue-Box mit Scheinwerfern und neuester Technik von Sony. Hier drehen wir – aber zukünftig auch unsere Stammtrainer, Hochzeitspaare und Teammitglieder – Videos in Profi-Qualität. Bevor wir diese Investition getätigt haben, wurde erst mehrfach mit einem Smartphone und einem Stativ getestet. Unser erstes professionell gedrehtes „Zwei-Minuten-Video“ über unsere Arbeitgebermarke wurde in nur 48 Stunden 7500 Mal angeklickt.

Und Fehlerchen?

Kobjoll: Kleinere Flops passieren natürlich ständig: Ein Wasserfall im größten Tagungsraum plätscherte zu laut und musste stillgelegt werden. Eine Wand in einem Tagungsraum aus echtem Moos fing an, komisch zu riechen oder eine „Ente“, Baujahr 1977, für unsere Hochzeitspaare war bisher mehr in der Werkstatt als im Einsatz. Kreative Prozesse sind ohne Fehler nicht möglich! Wir wählen sogar regelmäßig den Fehler des Monats und trinken mit dem Betreffenden ein Glas Champagner, posten die Story online im Team und bedanken uns für den Mut, den es gebraucht hat, Neues auszuprobieren.

Der Schindlerhof steht auch für moderne Mitarbeiterphilosophie. Inwiefern?

Kobjoll: Wir haben 2015 alle 70 Teammitglieder mit i-Pads ausgestattet. Unser Büro ist papierlos. Über unsere eigene App laufen Dienstplanung, Verbesserungsprozesse und Weiterbildung. Ich schreibe nur noch Push-Nachrichten. An der Lesebestätigung sehe ich die Uhrzeit der Kenntnisnahme. Es gibt eigene Chatrooms für unsere Teams. Diese Idee meiner Tochter Nicole hat voll ins Schwarze getroffen. Programmiert wurde sie von Schwiegersohn Marcel Setzer, dessen Unternehmen die digitale Ideenschmiede des Schindlerhofs ist. Die App haben wir schon an 350 Unternehmen verkauft.

Was bieten Sie Ihren Mitarbeitern außerdem, der Wettbewerb ist hart?

Kobjoll: Wir zahlen weitestgehend Wunschgehälter, und es gibt Rituale der Wertschätzung. Teammitglieder mit einem finanziellen Problem bekommen schonmal ein zinsfreies Darlehen. Ich übernehme bei Bedarf Bürgschaften für Führungskräfte ab dem zweiten Jahr, damit sie Wohneigentum kaufen können.

Ihre Nachfolge ist bereits geregelt. Was ist anders geworden?

Kobjoll: Das Entrée meiner Tochter Nicole vor 17 Jahren war der Bau von 24 modernen Hotelzimmern. Diese sind immer zuerst ausgebucht! Das papierlose Büro, die Mitarbeiter-App waren auch ihre Ideen. Außerdem führt sie die Generation Y anders als ich junge Leute führte. Mein Stil war leistungsorientiert und kompromisslos. Ihr hingegen ist „Work Life Balance“ wichtig.

Klaus Kobjoll spricht auch auf dem Deutschen Hotelkongress am 29. und 30. Januar 2018 in Berlin. Anmeldung und weitere Infos unter www.conferencegroup.de


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