Coronavirus


Meinung

Alexander Scharf: "Restartgastro, aber bitte nicht jetzt!"

Nicht jeder Gastronom ist von einem schnellen Neustart des Restaurantgeschäfts überzeugt. Der Goslarer Unternehmer Alexander Scharf macht eine Rechnung auf und bezieht Stellung.

Alexander Scharf: Engagierter Gastronom aus GoslarAlexander Scharf: Engagierter Gastronom aus Goslar

In der Gastronomie sagt man, dass ein schlechter Koch immer noch ein guter Kellner sei. Vom Kaufmann hat aber keiner gesprochen. Unsere Fernsehköche und kochenden Starberater fordern einen achtsamen und baldigen Neustart der Restaurants unter dem Hashtag #restartgastro. Es gibt sogar eine Petition dafür. Aber auch andere machen sich für einen schnellen Start stark.

Aber wissen sie wirklich, was sie tun? Unsere Promis springen vor, stellen unüberlegte Forderungen und alle anderen rennen wie die Lemminge hinterher. Und erkennen dabei nicht, dass sie damit auch ins sichere Verderben rennen würden. Durch Existenzangst getriebener Aktionismus ist ein schlechter Ratgeber.

Es würden wohl kaum Gäste kommen

Was würde passieren, wenn wir jetzt öffnen dürften? Es würden kaum Gäste kommen. Der Einzelhandel erlebt dieses gerade und reibt sich enttäuscht die Augen, weil die Bevölkerung nicht in der erwarteten Konsumlaune ist und der erwartete Nachholeffekt ausbleibt. Es herrscht da draußen ein Virus und damit auch eine ungeheure Verunsicherung. Ist das Virus gefährlich? Welchem Virologen ist zu trauen? Sind wir eher mit Schweden oder eher mit Spanien zu vergleichen? Droht eine Massenarbeitslosigkeit oder eine Rezession?

Die Politik warnt andauernd vor Ansteckung und mahnt zur Distanz! Verschwörungstheorien machen in alle Richtungen ihre Runde. Aber eins ist dabei Fakt: Anstecken möchte sich niemand! In dieser Situation sollen wir unsere Restaurants öffnen? Man soll dabei wohl hoffen, mit Sicherheitsmaßnahmen und Masken das unbeschwerte Gefühl eines Restaurantbesuchs transportieren zu können? Familie Mustermann soll dann sofort voller Freude rufen: „Super, Rinderfilet für alle!“ Das ist fern jeder Realität. Welche Umsätze wären zu erwarten? 10 Prozent oder 20 Prozent vom Vorjahr? Das haben wir doch schon erlebt, als im März die Geschäfte runtergefahren wurden.

Geringe Einnahmen, hohe laufende Kosten

Überschlagen wir doch mal: Das Gastgewerbe lebt grundsätzlich von der Leidenschaft und ist sogar unter guten Bedingungen kaum rentabel. Zurzeit haben wir einen reduzierten Block an fixen Kosten zu bewältigen, Mitarbeiter in Kurzarbeit und viele Ausgaben und Abgaben gestundet. Machten wir jetzt auf, fielen die eingesetzten Mitarbeiter aus dem KUG, wir hätten unseren Wareneinsatz und verbrauchsabhängige Kosten zu kalkulieren und müssten bis Juli noch 19 Prozent Umsatzsteuer auf Speisen entrichten. Aber mit welchen Prozenten wäre weiter zu rechnen? 50 Prozent oder 60 Prozent  Personalkosten, weil kaum Gäste kämen und die Mitarbeiter sinnlos rumstehen würden? 40 Prozent oder 50 Prozent Ware, weil sie teilweise weggeworfen werden müsste, weil einfach kein ausreichender Umschlag generiert werden könnte?

Was wäre mit dem Marketing und der Verwaltung? Dem Aufwand der Hygienemaßnahmen? Leute, Umsatz ist nicht gleich Gewinn und passende Betriebskennzahlen unmöglich darstellbar. Aber das wissen Fernsehköche scheinbar nicht. Es ist unter den jetzigen Bedingungen damit zu rechnen, dass wir uns durch eine Öffnung der Betriebe mitten in der Krise weiter verschlechtern und ganz gewiss nicht verbessern würden. Tragkraft, die auch ausreichen würde, um die fixen Kosten abzudecken, kann jedenfalls unmöglich entstehen. Letztendlich darf das aber jeder für sich entscheiden, wenn es soweit ist. Aus meiner Sicht würde durch eine frühzeitige Öffnung die Wucht der sicherlich kommenden Insolvenzwelle noch verstärkt werden. 

Ein zartes Pflänzchen, das wachsen muss

Aber was wäre das Resultat für alle Betriebe, wenn #restartgastro zu früh erfolgreich wäre? Wir würden der Politik den Druck nehmen, sich weiter um Lösungen zu bemühen, die endlich funktionieren. „Die haben doch auf und machen ja Umsatz“ würde es heißen. Ich bin dankbar für die Reduzierung der Mehrwertsteuer. Es ist ein guter Anfang für die Zeit nach der Krise, um aufgelaufene Defizite und Kredite wieder abbauen zu können. Ein zartes Pflänzchen, das auch in die nächsten Jahre wachsen sollte.

Aber erneut eine Situation wie zu Beginn der Krise, in der ich einerseits auf Umsätze hoffte und dabei der Politik lauschte, die vor Restaurantbesuchen warnte, möchte ich nicht nochmal erleben. Von der Sorge und dem Zwiespalt, niemanden durch die Geschäftstätigkeit zu gefährden und trotzdem Arbeitsplätze zu sichern, mal ganz abgesehen.

Kein kaufmännisches Himmelfahrtskommando 

Wenn wir ehrlich sind, benötigen wir nur passende Liquiditätshilfen! Es ist immer noch ein Akt der Solidarität älteren und vorerkrankten Menschen gegenüber, die den durchweg verständlichen Wunsch auf ein weitergehendes Leben haben. Möglicherweise wäre ein realistischer Schutz unter großem Aufwand für alle Beteiligten im Gastgewerbe irgendwie darstellbar. Aber macht das gleichzeitig auch Lust auf einen Restaurantbesuch? Und wäre das wirklich verantwortungsvoll? Wir dürfen uns jetzt nicht zu einem kaufmännischen Himmelfahrtskommando verleiten lassen und damit die Politik und die Gesellschaft aus der Verantwortung entlassen.

Lasst uns darum für Anstand und Solidarität innerhalb der Wertschöpfungsketten und für greifende Hilfen und Transparenz aus der Politik einsetzen! Das ist es, was wirklich helfen würde. #leerestühle fordert das mittlerweile ganz passend. Aber lasst uns bitte erst aufmachen, wenn die Krise überwunden ist und auch alle wieder wirklich Lust auf das Bier und das Schnitzel in ihrem Lieblingslokal haben.


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